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Gelebter Antifaschismus

Herbert Sandberg, Jahrgang 1908

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 5 Min.

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Herbert Sandberg: Anna Seghers. Erstveröffentlichung 1956, Neues Deutschland
Herbert Sandberg: Anna Seghers. Erstveröffentlichung 1956, Neues Deutschland

Was tut man, wenn ein bildender Künstler hundertsten Geburtstag hat? Man stellt ihn aus. Das geschieht im Falle Herbert Sandberg, der am 18. April 1908 im damaligen Posen geboren wurde, in Berlin gleich mehrfach. Die »Helle Panke« zeigt eine junge Privatsammlung von Druckgrafik und Plakaten. Die Stiftung Poll ergänzt mit Originalblättern und am Pfefferberg bei Tochter Viola Sandberg gibt es den kompletten Zyklus »Der Weg« und vieles andere mehr. In der Pankower Wollankstraße (Galerie Joachim Pohl) ergänzen Arbeiten der gleichaltrigen Kollegen Rene Graetz und Fritz Dähn die des freundschaftlich oder kontrovers verbundenen Herbert Sandberg.

Harald Kretzschmar: Herbert Sandberg, 1978
Harald Kretzschmar: Herbert Sandberg, 1978

Ein über den Tag hinaus weisendes Kapitel ist die Bewahrung des Sandberg-Nachlasses. Sein Wunsch ging nun in Erfüllung – seit Oktober ist er bei der Akademie der Künste bestens aufgehoben. In drei Vitrinen sind jetzt am Pariser Platz einige wenige Druckbelege und Korrespondenzen ausgelegt. Am Dienstagabend plauderte Peter Pachnicke, der als bisheriger Betreuer des Nachlasses nun alles übergeben hat, auf einer Akademieveranstaltung aus der Schule. Zehn laufende Meter Archiv bergen unter unzähligen Skizzen und Notizen vor allem 400 Porträts. Das Pikante: Die Dargestellten liegen mit ihren Nachlässen gleich nebenan in den Regalen. Eine gute, eine prominente Gesellschaft.

Wir sollten über einen wie Sandberg reden. Es gibt Gesprächsbedarf. Um der Geschichte willen. Ist seine Zeit unwiederbringlich vorbei? Nichts gewesen? Oder was wirkt von denen nach, die Antifaschismus gelebt haben. Schon aus dem einfachen Grund, weil sie für ihn gestorben wären. Die zwölf Jahre des Tausendjährigen Reiches hat dieser Jude und Kommunist als »lebensunwert« »weggesperrt« gelebt. Da musste er kompromisslos werden und bleiben. Einer Lebensaufgabe leben. Antifaschismus lebendig erhalten. Erinnern und erfahren gleich Kultur. Schreiben und Zeichnen als etwas Kultiviertes. Einem großen Publikum zu vermitteln.

War es wirklich Zufall, wie oft unsere Wege sich kreuzten? Ich ging noch zur Schule, da war er schon allein dadurch mein Augenöffner, weil und wie er den »Ulenspiegel« machte. Durch und durch kritisch, sehr kulturvoll, gesamtdeutsch vor der Teilung. Er animierte mich zum Porträtieren. Zur politischen Satire sowieso. Später durfte ich immer seine Wege fortsetzen. Mitunter weiterführen oder zum guten Ende bringen. Er hatte Kleinmachnow mit seinen Künstlerfreunden 1952 verlassen, ich kam 1956 hin, und fand ebensolche. Wir begannen alternierend 1958 das Porträtieren im »Eulenspiegel«, das er vom ND dorthin brachte (siehe Abbildung). Am Ende überließ er mir das Feld allein, weil ihm das Eigentliche, das Erinnern wichtiger wurde. Im ND war er bei der aktuellen Karikatur ein Vorgänger gewesen. Die Glücklosigkeit bei diesem Experiment an verkrusteter Dogmafront vereinte uns schon wieder. Er kümmerte sich um Zeichnernachwuchs an der Leipziger Hochschule. Ich knüpfte an, und brachte sieben Studenten in die Karikaturszene. »Der freche Zeichenstift« war seine Kolumne im vielgelesenen »Magazin«. Als er älter wurde, schrieb er mir, »mach's weiter!« Ich tat es. Er war im Künstlerverband ein ewiger Unruhegeist. Ästhetische Genügsamkeit war ihm ein Gräuel. Ich dachte mir, ja, Recht hat er, man muss neue Seiten aufziehen. Hinterher lästerten sie, »die machen Sitte seins!« Aber sie hatten etwas davon.

Der Biss der Satire gegen den Zahn der Zeit. Erstaunlich, welch vortreffliche Verbündete man damals dabei haben konnte. Er war immer einer, selbst wenn er einen anderen Weg ging. Wenn wir Glück hatten, trafen wir uns trotzdem am Ziel. Da wo er herkam, war für fast alle von uns Tabuzone. Die einzige Ausnahme war Leo Haas. Seine Vergangenheit hieß ebenfalls Synagoge und Konzentrationslager. Hinterher merkten wir – sie waren die einzigen, die bildnerisch und dokumentarisch Zeugnis ablegten. Der eine Buchenwald, der andere Theresienstadt. Die Satiriker waren die getreuesten Chronisten. Ein heroischer Fakt.

Um aktuell zu werden. Sandberg war ein äußerst vitaler Teilnehmer an der Kulturszene. Er initiierte die Ausstellungen im Berliner Club der Kulturschaffenden so, dass ein Kunstbiotop entstand. Es wird heute mitunter der Eindruck vermittelt, dass unsere so zahlreich und wirkungsvoll in der Kunstszene wirkenden jüdischen Mitbürger ihre dahingehende Identität seinerzeit hätten verleugnen müssen. Ich meine – im Gegenteil. Es würde sich lohnen, intensiver darüber nachzudenken, inwiefern eine fruchtbare deutsch-jüdische Gemeinsamkeit der Vor-Hitlerzeit ausgerechnet auf dem Territorium jenes Staates, zu dem Sandberg sich bekannte, eine Fortsetzung fand. Sehr kreativ, nahezu konfliktlos, unter gemeinsamen antifaschistischen Prämissen. Künstlerische Höchstleistungen auf literarischem und musikalischem, filmischem und eben grafischem Gebiet sind mit Name und Hausnummer zu benennen. Aber wir tun nach wie vor so, als ob da nichts gewesen sei. Schon aus dem Grund ist es wichtig, Herbert Sandberg heute auszustellen und zu erinnern.


»Aus finsteren und kalten Zeiten Herbert Sandberg Grafik«, Kunststiftung Poll, Gipsstraße 3, 10119 Berlin: Eröffnung 18.4., 19 Uhr. Di-Fr 15-18, Sa 12-18 Uhr, bis 17. Mai.

»Herbert Sandberg Politische und satirische Grafik, Köpfe«, Galerie F 92, Fehrbelliner Straße 92, 10119 Berlin: Eröffnung 18.4., 20 Uhr. Mi-Sa 15-19, bis 6. Juni.

»Drei Pankower Künstler Dähn Graetz Sandberg«, Galerie Joachim Pohl, Wollankstr. 112a, 13187 Berlin: Mo, Di, Fr 14-18, Do 14-19.30 Uhr, bis 9. Mai.

Ausstellung zum 100. Geburtstag Herbert Sandberg, Helle Panke, Galerie, Kopenhagener Str. 9, 10437 Berlin, geöffnet jeweils eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung und nach Vereinbarung, bis 5.Mai.

»Mit spitzer Feder – Herbert Sandberg zum 100. Geburtstag«, Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin, Di-So 11-20 Uhr und während der Veranstaltungen, bis 31. Mai.

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