Traumziel Europa in weiter Ferne

Marokkanische Organisation hilft gestrandeten Flüchtlingen

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Tausende Migranten scheitern Jahr für Jahr beim Versuch, in die gelobte Europäische Union zu gelangen. Die marokkanische Menschenrechtsorganisation ABCDS hilft den Gestrandeten mit Nahrungsmitteln, Kleidung und Medikamenten und setzt sich für ihre Rechte ein.

Wo hört Afrika auf? Und wo fängt Europa an? Die marokkanische Stadt Oujda mit ihren 500 000 Einwohnern wäre ein geeigneter Ort für solche philosophischen Fragen. Für tausende Flüchtlinge, die es aus Ländern wie Nigeria, Kamerun oder Mali hierher geschafft haben, ist die Frage sehr konkret. 60 Kilometer liegt das Mittelmeer entfernt, das beide Kontinente trennt. Doch Europa ist für sie ferner, als der Blick in den Atlas vermuten ließe.

»Oujda ist zu einer Sackgasse geworden«, berichtet Hicham Baraka von der Menschenrechtsorganisation ABCDS. Die »Assoziation Beni Znassen für Kultur, Entwicklung und Solidarität« ist im Juli 2005 gegründet worden, hilft den Gestrandeten mit Nahrungsmitteln, Kleidung und Medikamenten und setzt sich für ihre Rechte ein. Auf der Suche nach Unterstützung und Bündnispartnern tourt Baraka im April durch Europa. Vor einer Woche stellte er seine Informationskampagne in der Hamburger »Werkstatt 3« vor.

Im Herbst 2005 kamen mindestens elf Flüchtlinge bei einem Massenansturm auf die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla ums Leben. Seitdem ist die EU-Außengrenze nach Afrika fester verriegelt denn je; wer den Transitort Oujda erreicht hat, harrt dort zwischen den Sicherheitsbehörden und Räuberbanden vor den Mauern Europas aus. Auf eigene Faust nach Ceuta und Melilla zu gelangen oder wenigstens in die marokkanischen Metropolen Rabat und Casablanca, ist nahezu unmöglich geworden. »Die Flüchtlinge warten auf die Erlaubnis, nach Europa zu gehen«, sagt Baraka, »oder auf Schmuggler, die sie dorthin schleusen.« Wer in Oujda Geld auftreibt, legt es für die kostspielige Investition zurück, den meterhohen Stacheldraht zu überwinden. Die Schleuser profitieren von Europas Abschottung, der Kurswert ihrer Dienstleistung steigt mit der Schwierigkeit der Aufgabe.

Im 70 Quadratkilometer großen Grenzgebiet um Oujda arbeiten die Sicherheitskräfte daran, die Flüchtlinge zu zermürben. Die marokkanische Polizei führt regelmäßige Razzien durch, heftet sich auch an die Fersen der ABCDS-Helfer, um Verstecke zu entdecken. Widerrechtliche Sammelabschiebungen der Festgesetzten bewirken »eine Art Pingpong« zwischen der algerischen und der marokkanischen Grenzseite. Denn von dort treibt es die Flüchtlinge 15 Kilometer zurück nach Oujda in möglichst sichere Verstecke, sogenannte tranquilos, »ruhige« Orte, wie leerstehende Lagerhäuser oder mit Plastik verhüllte Erdhöhlen im Waldgebiet der Halbmillionenstadt, die bei einer Razzia schnell verlassen werden können.

Etwa 230 Euro kostet der Flug von Oujda in die europäische Hauptstadt Brüssel für eine Person, die als »legal« definiert ist. Grenzenlose Mobilität, die in den improvisierten Camps für die »Illegalen« ein Fremdwort ist. Baraka spricht vom »Krieg, der von Europa gegen sie geführt wird« und sagt: »Man kann die Situation in Oujda nicht unabhängig von der europäischen Migrationspolitik sehen.« In den Ökonomischen Partnerschaftsabkommen EPA drängt die EU die Maghrebstaaten durch Transferleistungen dazu, bei ihren Grenzkontrollen mitzuwirken. Auf der Suche nach »pateras«, morschen Holzkähnen, in denen Verzweifelte ihrem vermeintlichen Paradies mit Arbeit auf andalusischen Großplantagen entgegenschippern, patrouillieren spanische und marokkanische Boote längst gemeinsam. »Die restriktive Politik der EU hat zu einer größeren Gefährdung der Flüchtlinge geführt«, warnt Baraka.

Afrika hört nicht auf. Und Europa fängt in Afrika an, als eine mit Stacheldraht verhängte Utopie. In Paradiesen wird Macht durch Ausschluss demonstriert. »Wir sind sehr beunruhigt über die instabile Lage, in der die Flüchtlinge in Oujda leben«, sagt Baraka, »und befürchten, dass irgendwann Leute sterben.«

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