Angst vor Ulbricht und subversive Trotzki-Schriften

Erinnerungen an die Parteihochschule »Karl Marx«

  • Von Hermann Weber
  • Lesedauer: ca. 9.5 Min.

Anfang Oktober 1947 kam ein junger Mann aus Mannheim nach Liebenwalde. Er war einer von sieben westdeutschen Kommunisten, die auserkoren waren, den ersten Zweijahreslehrgang der SED-Parteihochschule besuchen zu dürfen. Das zweite Schulungsjahr absolvierte Genosse »Wunderlich«, wie der Deckname von Hermann Weber lautete, in Kleinmachnow, wo die Kaderschmiede mit dem Namen »Karl Marx« ihr neues und bis 1989 bleibendes Domizil erhalten hatte. Der aus einer proletarischen Familie stammende Mitbegründer der FDJ in Westdeutschland, 1954 aus der KPD ausgeschlossene und bis zu seiner Emeritierung 1996 an der Universität Mannheim lehrende Nestor der Kommunismusforschung in der BRD schrieb seine Erinnerungen, aus denen wir im Folgenden einen Vorabdruck veröffentlichen.

Nach seinem Auftritt im April 1948 kam Walter Ulbricht bereits am 12. Juni wieder zu einem Vortrag nach Kleinmachnow. Diesmal referierte er vor unserem Zweijahreslehrgang zum Thema »Der 1. Weltkrieg und die Novemberrevolution«. Schon vorzeitig mit einem Fahrer aus Berlin eingetroffen, begann er pünktlich um acht Uhr seine Lektion, die (mit der üblichen Pause von 9.40 bis 10 Uhr) um 11 Uhr endete. Anschließend war Gruppenarbeit vorgesehen.
In jenen Monaten beschäftigte sich die SED-Führung mehrfach mit der Novemberrevolution 1918 in Deutschland. Sie wollte an deren 30. Jahrestag erinnern und sie zugleich der »siegreichen russischen Oktoberrevolution« von 1917 gegenüberstellen... Verschiedene »Thesen« zur Novemberrevolution waren bereits ab Mai im Umlauf. Damals sah ich in der Neueinschätzung der Novemberrevolution einen Schwenk nach »links«. Denn nun wurden die bisher eher übergangenen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, deren Spartakusbund mir noch als Idol galt, als diejenigen genannt, die allein »dem internationalen Sozialismus« treu geblieben waren. In dieser Bewertung vermutete ich seinerzeit eine erfreuliche Umorientierung, wobei ich noch nicht erkannte, daß - wie stets - mit einer neuen Geschichtsdeutung nur eine Kursänderung der Politik legitimiert werden sollte.... Die entscheidende »Lehre« aus der Novemberrevolution lautete für die SED, es habe an einer »Kampfpartei des Marxismus-Leninismus« gefehlt, wie es sie in Rußland unter »Lenin und Stalin« gab und die dort siegreich war. Nur deshalb sei es in Deutschland 1918/19 zu einer Niederlage gekommen. Vor der SED stehe die Aufgabe, sich rasch in eine solche Kampfpartei zu wandeln. Jetzt sollten »alle feindlichen und schädlichen Elemente ausgemerzt werden«. Wieder diese fürchterliche Sprache!
Dieses Resultat der »Überlegungen« zur Novemberrevolution wurde im Beschluß vom September festgeschrieben. Erschreckt mußte ich erkennen, wie politisch unbedarft ich Jungkommunist doch war, am Anfang der »Diskussion« an eine Wende nach links zu glauben. Dem tonangebenden SED-Führer Ulbricht ging es weder um links noch rechts, sondern allein um die Rechtfertigung, Legitimierung und Durchsetzung des von Stalin bestimmten Ziels einer stalinistischen »Partei neuen Typus« auch in der SBZ...
In der Diskussion fragte Ulbricht, ob wir schon einiges zur Bedeutung der Novemberrevolution durchgenommen hätten, was der Dekan der Historischen Fakultät, Erich Paterna, sofort bejahte. Doch ich konnte mich nicht zurückhalten und widersprach - ich saß in der ersten Reihe - ziemlich lautstark. Denn insbesondere darüber, daß wir den Spartakusbund noch immer nicht behandelt hatten, war ich in der Tat ärgerlich gewesen.
Vor mir sehe ich bis heute Ulbrichts böse Miene und dagegen die Unsicherheit, ja Angst des Geschichtsdekans, der einen Parteibeschluß nicht durchgeführt hatte und sich nun dringlich an mich wandte. Erich Paterna, dieser bewährte Kommunist, der sogar in Hitlers Zuchthäusern gesessen hatte, nahm mich Jungkommunisten in der Pause an die Seite und bat mich fast flehentlich, Ulbricht zu sagen, daß ich mich geirrt hätte. Das verstörte mich völlig, wußte ich doch genau, daß ich im Recht war...
Der mit seinem vollen dunklen Haarschopf auffallende, immer zuvorkommende, tolerant auf Wünsche der Schüler oder Lehrer eingehende Paterna, war - im Gegensatz etwa zur Dekanin Rubiner - ein eher weicher Mensch. Nun hatte er im Juni 1948 offensichtlich wegen Ulbrichts Reaktion Angst bekommen. Denn diesen Apparatschik und seine Methoden kannte er natürlich besser als wir, hatte er doch 1945 öfter an Sitzungen der Parteisekretäre Pieck, Ulbricht, Dahlem und Ackermann teilgenommen. Ich folgte seiner drängenden Bitte »Ich werde dir das später erklären, Genosse Wunderlich. Tue mir nur den Gefallen« und ging zu Ulbricht. »Reuig« mußte ich zugeben, daß ich mich wohl geirrt habe, denn auch andere Genossen bestätigten ja die Durcharbeitung der Thesen. Ulbricht schaute mich nur scharf an, fragte nach meinem Namen und wollte wissen, wo ich herkomme. Zur Sache äußerte er sich nicht weiter. Ob diese Angelegenheit je irgendwelche Folgen hatte, weiß ich nicht, Paterna kam nie wieder darauf zurück... Für mich jedoch war das Erlebnis einschneidend, ich fragte mich, wie es möglich sei, daß ein erprobter Parteikämpfer vor einem Mitglied des Zentralsekretariats - mehr sah ich damals in Ulbricht nicht - regelrecht Furcht haben konnte.
Ein weiteres aufschlußreiches Erlebnis fast zur selben Zeit heilte mich von meiner Naivität. Bis dahin hatte ich trotz einiger gegenteiliger Erfahrungen immer noch geglaubt, ich befände mich in einer kommunistischen Bewegung, in der ein Genosse soviel wert sei wie der andere, egal, welche Position er einnehme. Vor allem schien mir selbstverständlich, daß sich jedes Mitglied seine Meinung frei bilden und sie offen aussprechen könne.
Oft und gern durchstöberte ich damals Berliner Antiquariate nach historischer kommunistischer Literatur. Am bekanntesten war seinerzeit Pinzkes Buchhandlung unter der Eisenbahnbrücke am Bahnhof Friedrichstraße. Pinzke war ein sehr belesener Kommunist, mit dem ich bald spannende Diskussionen führte... Ihn hat Elisabeth Shaw treffend beschrieben: »Pinzke, ein kleiner Mann mit dunklen traurig-klugen Augen, saß im Hinterzimmer und empfing Freunde, die im Vorübergehen hereinschauten - und es waren nicht wenige. Er zeigte ihnen die bibliophilen Kostbarkeiten, die er erworben hatte.«
Mein besonderes Augenmerk galt Werken von Trotzki und Bucharin. Unerwartet fand ich bei Pinzke im Sommer 1948 eine größere Anzahl alter kommunistischer Schriften, darunter Protokolle der Komintern, Broschüren von Trotzki und anderes mehr. Natürlich wollte ich alles sofort kaufen, doch der Antiquar dämpfte meine »Entdeckerfreude«. Nein, nein, ohne Bescheinigung eines Instituts könne er diese »heiße Ware« nicht abgeben. Daraufhin erzählte ich unserer Bibliothekarin von meinem Raritätenfund, ohne ihr nähere Einzelheiten über die Verfasser mitzuteilen, und erhielt von ihr tatsächlich die gewünschte Bescheinigung. Durch mißliche Umstände kam ich erst einige Tage später wieder nach Berlin, aber es waren nur noch drei oder vier Bücher von Trotzki vorhanden. Pinzke verkaufte sie mir, weil ich ihm die Genehmigung der Parteihochschule für den Erwerb »antiquarischer Bücher« zeigen konnte. Wir diskutierten über Trotzki, den er - obwohl kein »linientreuer Stalinist« - scharf ablehnte. Erst aus Elisabeth Shaws Buch erfuhr ich, daß Pinzke 1950 Selbstmord beging. Er war eng mit Willi Kreikemeyer befreundet gewesen, der 1950 wegen seiner Verbindungen in der Emigration zum angeblichen US-Spion Noel Field vom MfS verhaftet wurde und im Gefängnis umkam.
Meine neu erworbenen Bücher brachte ich der Bibliothekarin, Li Seehof. Elise Rennor, Tochter eines Steuermanns, wurde nach dem Besuch der Mädchenhandelsschule Buchhändlerin. In Berlin hatte sie den Buchhändler und anarchistischen Schriftsteller Artur Seehof geheiratet, von dem sie aber schon Ende 1921 geschieden wurde. Im Krieg Mitglied der USPD, gehörte sie der KPD seit Gründung an und war ab 1922 in verschiedenen Buchhandlungen und Verlagen der Partei tätig. Li Seehof emigrierte 1933 zunächst nach Frankreich, in die Schweiz und dann nach Moskau. Dort arbeitete sie als Korrektorin in der »Deutschen Zentral-Zeitung«. Im Jahr 1941 wurde sie nach Kasachstan deportiert, wo ihre Tochter Tanja an Tbc starb...
Als ich dieser damals 58-jährigen Genossin, die den Terror und die Säuberungen in der Sowjetunion überlebt hatte, nun im Sommer 1948 frohgemut und stolz meine Funde aus dem Antiquariat vorzeigte, sah ich, wie Li Seehof erblaßte und zusammenschrak. »Weißt du denn nicht, daß Trotzki ein Agent war?«, fragte sie mich. »Trotzki ist doch seit acht Jahren tot«, wiegelte ich ab. »Und selbst wenn er später eine falsche Politik machte, was ändert das an der Bedeutung und Richtigkeit dieser Bücher, die 1920 offiziell von der Partei herausgegeben wurden? Wir studieren doch auch Kautsky, der später zum Renegaten wurde.« Über meine Einfalt schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen. Doch ich meinte, wenn sie die Bücher nicht gebrauchen könne, solle sie sie ruhig mir überlassen, ich würde sie gern bezahlen. Nun war sie völlig entsetzt. Sie kannte mich ja als ständigen Benutzer der Bibliothek und wußte, daß ich aus Westdeutschland kam. »Genosse Wunderlich«, fragte sie, »was glaubst du wohl, was die Sowjetsoldaten mit dir machen, wenn solche Bücher bei der Grenzkontrolle bei dir gefunden werden?« Ihre Furcht war offensichtlich, was mich außerordentlich bestürzte. Li nahm mir die Bücher weg, und ich bin überzeugt, daß sie sie vernichtet hat. Noch heute aber bin ich ihr dankbar, denn es dauerte nicht lange, bis ich erkannte, wovor sie mich bewahrt hatte...

Lied der Parteihochschule
Den Freiheitskampf der Arbeiter
gewinnt man nicht durch Beten.
Auf vielen Schulen der Partei
studieren drum Proleten
Philosophie
Ökonomie
Klassenkampf und Sozialismus
auf ihrem Wege leuchtet hell
die Fackel des Marxismus.
Den Freiheitskampf der Arbeiter
gewinnt man nicht durch Flennen.
Das Wissen um die Zukunft wird
uns stets vom Kleinmut trennen.
Bei jedem Schritt
bei jedem Tritt
denken wir an Sozialismus
auf unserem Weg leuchtet hell
die Fackel des Marxismus.
Den Freiheitskampf der Arbeiter
gewinnt man nicht durch Hoffen.
Wer diese Welt verändern will
dem steht die Zukunft offen.
Halbjahresplan
Zweijahresplan
Richtung ist der Sozialismus
auf unserem Wege leuchtet hell
die Fackel des Marxismus.

Wir waren 1947 mit der Utopie an die Parteihochschule »Karl Marx« gekommen, für ein besseres, ein friedliches und sozialistisches Deutschland arbeiten zu können, um zukünftig Krieg und Faschismus zu verhindern. Und wir waren begierig, hier zu lernen, wollten wissenschaftliche Einsichten in Philosophie und Ökonomie, in die Geschichte der Arbeiterbewegung und den Marxismus gewinnen. Trotz aller Schwierigkeiten und mancher Widrigkeiten ist das im ersten Jahr noch einigermaßen gelungen. Doch dann vollzog sich innerhalb weniger Monate, ab Ende 1948 bis Sommer 1949 die Wandlung der Parteihochschule zur Kaderschmiede, nun traten Mißtrauen und Indoktrination als stalinistischer Albtraum an die Stelle des Traums von der erhofften besseren Welt. Und das führte zur Anpassung, selbst bei denjenigen, die wie ich den Stalinismus ablehnten. Sogar das Verhältnis untereinander änderte sich.
Manche Privilegien, die wir genossen, haben die Anpassung erleichtert. Wir lebten ja weit besser als die Bevölkerungsmehrheit und selbst nach der Währungsreform zumindest besser als die Menschen in der Ostzone. Zwei Jahre lang bekamen wir gutes Essen, wohnten vorzüglich, erhielten Kleidung und sogar reichlich Zigaretten, seinerzeit eher Luxus und alles keine Selbstverständlichkeiten. Besuche vielfältiger Kulturveranstaltungen waren für uns ebenso erschwinglich und möglich wie die Benutzung einer hervorragenden Bibliothek. Während der allgemein schlimmen Nachkriegsverhältnisse lebten wir zwei Jahre in »Geborgenheit«.
Die SED-Führung forderte nicht nur Zustimmung oder gar Unterwerfung, sie versorgte ihre Kader auch gut. Ich weiß nicht, ob und wann meine Mitschüler den Paternalismus der Partei wahrnahmen, auch bei mir dauerte es lange, bis ich mir dessen bewußt wurde, schließlich wird solche fürsorgliche »Bestechung« ja allzu gerne verdrängt. Aber nur die Parteiführung konnte ihren Hochschülern Aufstiegschancen bieten. Selbst die Studenten, die nach Ende unseres Lehrgangs eher bescheidene Funktionen einnahmen, verfügten über allerhand Vorteile, die sie ohne den Besuch der Parteihochschule kaum erlangt hätten. Gleiches galt natürlich für die Funktionäre im Westen. Beispielsweise hatte ich als Straßenbahnschaffner in der Stunde 65 Pfennige verdient, also im Monat 120 Mark brutto. Als KPD-Angestellter war mein Lohn schon höher, und als Chefredakteur (der Zeitung der West-FDJ »Junges Deutschland; ND) bekam ich 1950 ein Gehalt von 400 DM, für die damalige Zeit eine stolze Summe. Doch die Versorgung wie die Karrieren hatten einen sehr hohen Preis. Sie setzten stets das Bekenntnis zur jeweiligen Parteilinie und die kritiklose Erfüllung der Aufträge von oben voraus, sie waren nur durch Anpassung zu erkaufen, die Persönlichkeit wurde zerbrochen...
Doch obwohl von der SED anders »gelehrt«, habe ich schon auf der »Karl Marx«-Hochschule begriffen, daß eine »bessere«, sozial gerechte, friedliche, solidarische Welt nie durch eine Diktatur zu erreichen ist, sondern nur auf dem mühsamen Weg der Reformen in der Demokratie gelingen kann. Und deswegen habe ich den Bruch mit der Kommunistischen Partei - freilich verzögert - noch geschafft. Außerdem bleibt für mich das Wichtigste am Besuch der Parteihochschule, daß ich dort Gerda traf und wir danach den »Bund fürs Leben« schließen konnten. Daher kann ich heute trotz vieler Widrigkeiten ohne Zorn zurückschauen auf die Zeit, »Damals, als ich Wunderlich hieß«.

Hermann Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß. Auf...

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