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Der »Amaltheamann« – eine schwedische Legende

Vor 100 Jahren rückte der Jungsozialist Anton Nilson im Hafen von Malmö einem Streikbrecherschiff mit Sprengstoff zu Leibe

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Der 100. Jahrestag des »Amalthea«-Attentats ging nicht an Malmö vorbei. Am Wochenende weihten einige Dutzend Bewohner an historischer Stelle eine offizielle Metallplakette der Stadt ein, auf der es heißt: »Die Amaltheatat hat einen hervorragenden Platz in der Geschichte der schwedischen politischen Geschichte.« Hauptakteur jenes Ereignisses war der Jungsozialist Anton Nilson.
Anton Nilson im Jahr 1979.
Anton Nilson im Jahr 1979.

Der Malmöer Westhafen, einst lärmender Umschlagplatz und Werftstandort, hat sich in den letzten Jahren in ein supermodernes Wohn- und Bürogebiet verwandelt, gekrönt von dem 186 Meter hohen Wolkenkratzer Turning Torso. Das Areal am alten, dem Stadtzentrum näher gelegenen Beijerskaj wiederum wird vom Neubau der Hochschule für Kunst und Kommunikation überragt.

Bis zum Wochenende erinnerte in diesem Kiez nichts an jenen Donnerschlag, der vor 100 Jahren Schwedens drittgrößte Stadt und das ganze Land erschütterte. Doch nun halten zwei Metallplaketten in der Kaimauer das Andenken wach, neben der »offiziellen« eine Kupfertafel des Malmöer Jungsozialistischen Klubs mit der Aufschrift »Zum 100-jährigen Gedenken an den Kampf der Amaltheamänner für Arbeit, Freiheit und Brot.«

Dynamitladung gegen ungebetene Gäste
Die Tafeln erinnern auf verschiedene Weise an jenes Ereignis: In der Nacht zum 13. Juli 1908 ruderte der 20-jährige Bauarbeiter Anton Nilson mit zwei anderen zornigen Jungsozialisten zum Frachter »Amalthea«, auf dem die Malmöer Unternehmer die von ihnen herbeigeholten englischen Streikbrecher unterbrachten. Nilson und seine Freunde wollten den ungebetenen Gästen einen gehörigen Schreck einjagen. Hastig schoben die Sprengamateure eine Dynamitladung in eine Ladeluke, doch die Detonation fiel gewaltiger aus, als sie vorhatten – einer der »Schwarzfüße« starb, 23 andere wurden verletzt.

Schnell gefasst, wurden die drei Dynamit-Musketiere zu schwersten Strafen verurteilt. Anführer Anton Nilson und sein Freund Algot Rosberg erhielten die Todes-strafe, Alfred Stern lebenslange Haft. Doch Nilson und Rosberg sollten nicht unter die Guillotine kommen. Obwohl das Attentat anfangs auch von einigen Gewerkschaften kritisiert wurde, entstand bald eine starke Solidaritätsbewegung. Die Todesstrafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt. Die Freilassung der Männer 1917 war nicht zuletzt das Resultat vieler Protestmeetings, 1600 in Schweden, 600 in den USA, dort meist organisiert von dem aus Gävle emigrierten Arbeiterführer Joe Hill. Auch deutsche Gewerkschafter stritten für Nilson.

Als Anton Nilson im vierten Haftjahr durch die »schwedischen Gardinen« im Stockholmer Inselgefängnis Langholmen in den Himmel schaute, sah er plötzlich hoch über dem Mälarsee das erste Mal in seinem Leben ein Flugzeug kreisen. Halblaut dachte er: »Wenn ich eines Tages die Freiheit zurückgewinne, werde ich Flieger.« Fünf Jahre später, am 1. Mai 1917, zogen 10 000 Arbeiter vergeblich zu seinem Gefängnis, um ihn zu befreien. Doch im revolutionären Oktober wurde er frei gelassen – und konnte alsbald auf einer Flugschule in Südschweden seinen Traum vom Fliegen verwirklichen. Zu Mittsommer 1918 hielt er das Zertifikat eines Aviators (Flieger) in seinen Händen. Doch während sein Fluglehrer im finnischen Bürgerkrieg für die Weißen flog, schiffte sich der »Amaltheamann« nach Petrograd ein – der Weg in ein unglaubliches Abenteuer.

Als ich Anton Nilson – er war damals Mitte 80 – in seiner kleinen Wohnung in einem Backsteinhaus im Stockholmer Süden besuchte, zauberte er eine Flasche Wein und zwei Gläser hervor und erzählte zwei dramatische Episoden, die ihn eng mit den deutschen Linken verbanden. »Ich war damals Flieger der Roten Armee geworden und wir hatten im Januar 1919 Riga eingenommen. Da erhielten wir die Nachricht vom Tode Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs – eine der schlimmsten Nachrichten, die für uns denkbar waren. Sofort entwarfen lettische Genossen ein Flugblatt mit der Überschrift ›Ewiges Gedenken den toten Kommunarden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht‹.«

Das schwarz umrandete Flugblatt mit einem Aufruf zur Trauerdemonstration wurde über Riga und Umgebung abgeworfen. Am nächsten Tag marschierten über 100 000 Arbeiter mit schwarzen und roten Fahnen in breiter Front über die Alexanderstraße, barhäuptig, schweigend. »Sie waren zornig und auch enttäuscht«, berichtete Nilson, »denn sie hatten sehnlichst die Nachricht erwartet, die Revolution in Deutschland werde weitergeführt – und nicht ihrer Führer beraubt.« Nilson hatte schon viel von Liebknecht gehört, auch dessen 1907 auf Schwedisch erschienene Schrift »Militarismus und Antimilitarismus« gelesen.

Geheimmission nach Stockholm
Sein schmallippiger Mund unter der breiten Nase lächelte, als er in einen Umschlag mit dem Stempel »Archiv der Arbeiterbewegung Landskrona« griff, das Archiv seiner Heimatregion, mit dem er ständig korrespondierte. Er holte ein kleines vergilbtes Foto hervor. Es zeigt einen Friedhof: die Gräber Liebknechts und Luxemburgs in Berlin. »Ich habe sie 1919 fotografiert. Das rechte, noch frische Grab mit Blumen und Kränzen ist Rosas – sie wurde erst im Juni an seine Seite gebettet …«

Der äußerst bewegliche und kontaktfreudige Nilson gelangte damals auf abenteuerliche Weise – er mischte sich unter zurückkehrende deutsche Kriegsgefangene – als Kurier des sowjetischen Außenministers Tschitscherin via Berlin nach Stockholm. In seinem Gepäck zwei Säcke Diplomatenpost mit Geheimdokumenten für geplante Stockholmer sowjetrussische Verhandlungen mit Großbritannien. Seine Ankunft in Stockholm war für die Zeitung »Dagens Nyheter« Anlass für die Spitzenmeldung »Amaltheamann Nilson in geheimer russischer Mission auf Flugbesuch in Schweden?«

Auch auf seiner Rückreise Anfang 1920 war die Ostsee verriegelt und er wurde vom Kapp-Putsch und anderen Kämpfen in Berlin viele Wochen aufgehalten, von deutschen Arbeitern beherbergt und geschützt. »Ich hatte Kontakt zu Walter Stoecker und anderen USPD-Politikern, die dann mit dem Spartakusbund zusammengingen, und ich war glücklich, in diese Familien zu kommen.«

In den Weiten seines Gastlandes Sowjetunion erlebte Anton Nilson unendlich viel – Optimistisches, Tragisches und wenig Erbauliches: Auf der einen Seite war er Berater der schwedischen und der dänischen Delegation auf dem II. Kominternkongress, auf der anderen begleitete er Mitglieder der Familie des Nobelpreisstifters bei ihrer Rückkehr aus Baku nach Schweden. An der Wolga half er die Hungersnot zu lindern und beobachtete im muslimischen Buchara erste soziale Veränderungen. Das Wort Stalin nahm er von Anfang an ungern in den Mund. In einer seiner Schriften beschreibt er dessen Regime als »Scharfrichter-Kommunismus«, eine »diktatorische Macht von unübertroffener Barbarei«.

Kein Wunder, dass Nilson Ende der 20er Jahre nach Schweden zurückkehrte – ohne in seinem langen Leben und trotz mancher parteipolitischer Brüche, in die er hineingeriet, seine linke Position je aufzugeben. Nach zwei Spaltungen der schwedischen KP landete er als Außenseiter bei den Sozialdemokraten, wo deren Premiers Olof Palme und Ingvar Carlsson es nicht versäumten, dem populären »Aviator« zu runden Geburtstagen bis hin zum 100. die Hand zu drücken. Mit fast 102 Jahren starb er am 16. August 1989 in Stockholm.

Popularität – das verdankte Nilson nicht irgendwelchen Ämtern, sondern seinen vielen hundert packenden Vorträgen. Aufrecht stehend auf den Podien kleiner und großer Säle, sprach er ohne Notizen zwei, drei Stunden über sein dramatisches Leben, mixte seine Erinnerungen mit bissigen Kommentaren zur Gegenwart und schlug immer wieder einen Bogen zu globalen Problemen wie Welternährung. Einmal führte ihn der Weg auch nach London, wo er ein Meeting in Wembley begeisterte. »Seine Worte«, notierte der »Observer«, »rollten durch das Konferenzzentrum wie eine Kolonne Panzer …«

Ein Film über den »letzten Revolutionär«
Von Nilsons Standhaftigkeit, Lebendigkeit und Frische war auch die bekannte schwedische Filmdokumentaristin Maj Wechselmann sehr angetan. In Malmö und Stockholm sammelte sie ebenso wie in Leningrad und Riga Material für ihren »Film über Anton Nilson – für die Kinder der Arbeiterklasse«. Vor zwei Jahren wurde der Streifen im Rahmen einer großen Nilson-Ausstellung des Archivs der Arbeiterbewegung in Landskrona – es besitzt die größten Sammlungen über Joe Hill und den »Aviator« – erneut mehrfach aufgeführt. Der Film über den »letzten Revolutionär«, wie ihn Maj Wechselman nennt, wird auch in diesen Tagen zu sehen sein.

Am Malmöer Gedenkwochenende für das »Amalthea«-Attentat mag mancher auch an diese erstaunliche Meldung gedacht haben: Der unverwüstliche Anton Nilson verließ im biblischen Alter von 100 Jahren heimlich die Intensivstation eines Stockholmer Krankenhauses, um einen seiner berühmten Vorträge in Trollhättan zu halten …

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