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Zwischen Kiez und Kino

Kida Ramadan – ein Schauspieler, der aus dem Alltag kommt

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 11 Min.

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Er spricht deutsch, arabisch, türkisch und kurdisch und spielt in seiner Freizeit gerne Boules: Filmkünstler Kida Ramadan (31) am Paul-Lincke-Ufer in Berlin-Kreuzberg.
Er spricht deutsch, arabisch, türkisch und kurdisch und spielt in seiner Freizeit gerne Boules: Filmkünstler Kida Ramadan (31) am Paul-Lincke-Ufer in Berlin-Kreuzberg.

Knallhart« steht in arabischen Buchstaben auf dem T-Shirt, das Kida Ramadan trägt, als wir uns am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer treffen. Erinnerung an den Film, den Detlev Buck 2006 bei den Filmfestspielen in Berlin präsentierte. »Knallhart« zeigt die Gewalt auf den Straßen und den Frust der Ghettokids aus Berlin-Neukölln ungeschminkt und roh. Kida trägt das T-Shirt mit subtilem Stolz. Er spielte in dem Streifen die Rolle des »Barut«, ein skrupelloser Dealer und loyaler Assistent seines Bosses Hamal bei der Abzocke und der Organisation krimineller Aktionen der Gang. Seit 2002 ist Kida im Filmgeschäft. Sein Markenzeichen ist Authentizität: als Acapulco in Neco Celiks »Urban Guerillas«, als Özgür in Anno Sauls »Kebab Connection« oder als Döner in Jan-Hinrik Drevs »Underdogs«, der am 24. Juli ins Kino kommt. Kida kombiniert Begabung und Glaubwürdigkeit auf der Leinwand, seit er 2002 zum ersten Mal für Neco Celiks Fernsehfilm »Alltag« in der Rolle des Kida vor der Kamera stand. »Die Straße war meine Schauspielschule«, erklärt er mir. Und ist sich sicher: »Wenn du aus einem schnieken Münchner Vorort kommst, kannst du noch so lange an der Theaterakademie studieren: Du bringst das Ghettokind aus Berlin oder Hamburg nicht überzeugend rüber.«

Zwischen Kiez und Kino

Aber wie kommt man überhaupt von der Straße zum Film? Wie verschafft man sich Ansehen bei Regisseuren und Kollegen, die meist den traditionellen Weg gehen: Schauspielschule, Bühne, Film?

Das Schlüsselwort heißt Respekt. Und Mut. Beides hat Kida Ramadan von klein auf verinnerlicht. Sein Leben ließ ihm keine Wahl. Als er 1976 als fünftes Kind einer türkischen Mutter und eines libanesischen Vaters in Beirut das Licht der Welt erblickt, herrscht Bürgerkrieg im Land. Lange Zeit konnte Mohamad Ramadan als gut verdienender Geschäftsmann und Vertreter von »Persil Libanon« seiner Familie einigen Wohlstand bieten. Doch nun bekämpfen sich Christen und Muslime. Im Osten Beiruts, wo die Familie Ramadan lebt, sind die Auseinandersetzungen am schlimmsten. Als die syrische Armee einrückt, viele Verwandte ihr Leben lassen und der Vater von Bombensplittern verletzt wird, ist für die Ramadans klar: Wir verlassen das Land. Die Option lautet Australien oder Deutschland. »Wir sind dann dahin gegangen, wo wir zuerst ein Visum bekamen«, erläutert Kida mir die Alternative. Ihr erstes Domizil in Berlin ist ein Wohnheim für Asylbewerber in Berlin-Kreuzberg. Kidas Vater beginnt wieder von vorn, erst bei Burger King, dann betreibt er eigene Steakhouse-Restaurants.

Nach wie vor leben Verwandte der Ramadans in Beirut. Kida hat das einstige Zentrum der Kunst und Kultur am östlichen Mittelmeer mehrmals besucht: »Ich bin gerne dort. Die Menschen strahlen eine ganz andere Lebensfreude aus. Sie leben viel mehr für das Heute, nicht immer nur für das Morgen.« Wen wundert's: Ein Land, in dem der Bürgerkrieg nicht mehr zu enden scheint, ist gewiss auch ein Land, in dem man versucht ist, jeden einzelnen Tag des Lebens zu feiern, als könnte es der letzte sein.

Kidas Zuhause aber ist Berlin. Hier geht er zur Schule, träumt von einer Karriere als Entertainer. Der Unterricht im Klassenzimmer interessiert ihn mäßig. Auf den Hauptschulabschluss verzichtet er. »In diesen Jahren hatte ich nur Breakdance und Rap im Kopf«, erzählt er. Zusammen mit anderen türkischen und arabischen Jugendlichen performt er für die Touristen am Ku'damm. Sie nennen sich Juan, Alberto, Francisco, »weil wir die Latinos cool fanden«. Murat, Ahmed, Mehmet zu heißen, wäre total normal, und das ist nicht das, was die Ghettokids antörnt.

Mit der Künstlerkarriere selbst soll es aber noch eine Zeit dauern. 1996 reist er nach Iskenderun in die Türkei zu seiner Freundin Meryem und heiratet sie, damit sie mit nach Deutschland kommen kann. 1999 wird Yasmin, ihre erste Tochter geboren. Sie spielt heute, wie ihre jüngere Schwester Ayda, im Schultheater. Ayda möchte Schauspielerin werden. »Was würdest Du tun, wenn sie Dir erklärte, Schule sei nicht so wichtig?« Das würde ihn nicht begeistern, ist die ehrliche Antwort des stolzen Vaters von mittlerweile drei Töchtern.

Es ist in der Tat mutig, von einem Künstlerleben zu träumen, wenn man nur die Straße kennt. Wie soll das gehen, frage ich Kida. »Man braucht Talent und vielleicht auch Glück. Mein Glück war, dass ich bei einem Sommercamp für Berliner Jugendliche Neco Celik kennenlernte.«

Neco Celik, der »Spike Lee von Kreuzberg«, wie ihn manche nennen, ist Schulabbrecher, Gang-Mitglied, Regisseur und machte sich mit Underground-Projekten für Kino und Bühne einen Namen. Als Kida ihm begegnet, ist er noch »Neco von der Naunyn Ritze«, Sozialarbeiter in dem bekannten Kreuzberger Kinder-, Jugend- und Kulturzentrum. Neco plant ein Filmprojekt, aber es soll noch weitere zwei Jahre dauern, bis Kida das Drehbuch für »Alltag« in der Hand hält und sich beim Casting um die ihm auf den heute nicht mehr ganz schmalen Leib geschriebene Rolle des »Kida« bewirbt. »Alltag« erzählt die Geschichte von zwei Jungs aus Kreuzberg SO 36, die ein Wettbüro überfallen, aber auf der Flucht nicht weiter als bis zum Kottbusser Tor kommen. Auch in Neco Celiks Subkulturdrama für die Berlinale 2004 »Urban Guerillas« ist Kida wieder dabei. Es folgen mehrere Auftritte in Spielfilmen und TV-Serien, unter anderen im »Tatort«.

Spielt es am Set eine Rolle, wo man das Handwerk für die Filmarbeit lernt, will ich wissen. Kida sagt, am Set zähle nur, dass man die Leistung bringt, die von einem erwartet wird. Klar ist es cool, wenn ein in Köln lebender Migrant wie Denis Moschitto für die Rolle des »Chico« im gleichnamigen Film lernt, wie ein Hamburger Türke zu sprechen. Aber wichtig sei, dass man glaubwürdig ist und die Autorität des Regisseurs respektiert.

Eine Zeit lang läuft es bei Kida ganz gut mit den Drehs, doch dann ist wieder Sendepause. Es geht manchmal gut, aber nicht immer. Kida erinnert sich noch deutlich an die Zeit, in der er wenige Rollen hat und seine Tage apathisch vor dem Videorecorder abhängt. Der Weg ins Aus oder gar in die Kriminalität – und sei es aus Langeweile und weil sonst nichts Prickelndes läuft – ist in den prekären Zonen der Gesellschaft immer kurz. Glücklich der, dessen soziales Netz nicht das löchrige, staatlich geknüpfte ist, sondern die Familie. Kida ist auch ein Familienmensch. In dieser Zeit der mageren Kühe Ende der 1990er Jahre nimmt ihn sein großer Bruder Chaban mit auf den Bouleplatz. Bald folgen Erfolge beim Wettkampf mit den Eisenkugeln auf sandigem Terrain.

Er realisiert überdies, dass Multikulti nicht nur Charakteristikum derjenigen ist, die von der Mehrheitsgesellschaft als »die Anderen« oder auch »die Fremden« bezeichnet werden. »Auch bei den Deutschen auf dem Platz gibt es Unterschiede. Die ticken auch nicht alle gleich.« Außerdem hat man hier eine Chance, die ansonsten Erfolgreichen – Ärzte, Lehrer, Anwälte – auch mal zu besiegen. Kein unangenehmer Nebeneffekt für jemanden, dessen Weg nach oben viel weiter ist, weil er eben als Flüchtlingskind aus dem Libanon begann und die Vorurteile der scheinbar Angekommenen einem Tag für Tag begegnen.

Mittlerweile hat Kida aber auch keine andere Wahl mehr, als den Weg nach oben konsequent weiter- zuverfolgen. Das in der Schulzeit noch einkalkulierte Netz mit doppeltem Boden – wenn die Künstlerkarriere floppt, bleiben ja immer noch Papas Restaurants – gibt es schon lange nicht mehr. »Seine Steaks fielen dem Rinderwahn zum Opfer«, erzählt Kida. Der Vater erkrankt schwer, und die Verantwortung für die Familie lastet seit einiger Zeit schon auf den Schultern der Söhne und Töchter Ramadan.

»Nehmen sie Dich als Schauspieler ernst?«, frage ich. »Mein Vater war immer schon sehr kinointeressiert. Er kennt all die großen Filme und Stars. Bei mir realisierte er erst, dass Schauspiel mein Beruf ist, als er Filmplakate mit meinem Namen drauf in der Stadt sah.« – »Vielleicht ist er stolz auf mich, aber er hat es mir nie gezeigt«, fügt er noch hinzu. Die Skepsis eines Vaters, der das »Paris des Orients« verlassen und in der Fremde bei null anfangen musste, ist nur allzu verständlich. Mütter sind da anders, emotional halt pragmatischer: »Solange es mir gut geht, ist es für meine Mutter okay, dass ich Filme mache.« Dankbar ist Kida vor allem seiner Frau. Nach über zehn Jahren Ehe sind die beiden verliebt wie am ersten Tag, und Kida weiß zu schätzen, dass Meryem ihm die Freiheit lässt, die ein Schauspieler braucht. Weder geregelte Arbeitszeiten noch ein geregeltes Einkommen, aber eine bald sechsköpfige Familie. Da muss frau gute Nerven haben, denke ich bewundernd.

Was wäre Deine Lieblingsrolle, komme ich zum Anfang unseres Interviews zurück. Mag man auf Dauer den Kreuzberger Macho mit arabischem und/oder türkischem Migrationshintergrund geben? Immer wieder der Dönerbudenbesitzer zu sein, der zwar mit feiner Ironie die Mehrheitsdeutschen auf die Schippe nimmt, wie im Sommerfilm des Jahres 2006, »Berlin am Meer«, der aber trotzdem Outcast ist und bleibt? Kida beantwortet meine Frage illusionslos: »Natürlich könnte ich auch den Liebhaber spielen. Aber solche Rollen werden mir in Deutschland nicht angeboten. In Frankreich ist das anders.« Gefallen würde ihm auch der Part des Saïd (gespielt von Saïd Taghmaoui) in »La Haine« (»Hass«) von Mathieu Kassovitz aus dem Jahr 1995, der das triste Leben in den französischen Banlieues schildert. Kassovitz zeigt 24 dramatische Stunden der Hoffnungslosigkeit im Leben des Arabers Saïd, des Juden Vinz und des Schwarzen Hubert, deren Welt von HipHop, Gewalt, Drogen und Schikanen durch die Polizei geprägt ist. Wenn immer wieder das Klischee im Angebot ist, wäre dann Verzicht eine Option? Kida grinst: »Ich sterbe schon für die Kunst. Aber ich muss ja auch leben.«

Neben Realismus, Talent und Disziplin ist Kida das Echte in der künstlerischen Arbeit wichtig. »Klar könnte ich Dir auch den Goethe geben oder eine Schauspielausbildung machen oder auf der Bühne stehen. Aber das ist nicht meins. Das ist nicht, was ich rüberbringen kann und will.« Kida lehnt Fake kategorisch ab. Meine Frage, was er von Filmen wie dem von Fatih Akin produzierten »Chico« (Regie: Özgür Yildirim) hält, der in diesem Frühjahr als »Deutschlands härtester Film« die Auseinandersetzung mit dem Thema Jugendkriminalität suchte, beantwortet er ähnlich. »Ich habe großen Respekt vor Fatih Akin. Er ist für mich einer der besten Filmemacher. Aber bei Mafiafilmen denke ich eher an ›Good Fellas‹.« Konsequenterweise nennt er Robert De Niro und Harvey Keitel als Kollegen, mit denen er gern einmal drehen würde. Also doch in Gedanken auf dem Weg nach Hollywood?

Kida bleibt auf dem Boden der Tatsachen. Er treibt sich lang genug in der Branche rum, um zu wissen, dass es dauert, bis man sich im Film durchsetzt. Sein Idol ist Bruno Ganz: »Der Typ ist Gänsehaut, weißt Du.« Und erklärt mir gleich die Grenzen, die er für sich selbst sieht: »Der lebt für den Film. Es wäre ungerecht, wenn so ein Kreuzberger Breakdancer käme und genauso berühmt werden würde.« Auf der Straße haben Respekt und Gerechtigkeit eine höhere Bedeutung als in den Sonntagsreden der deutschen Integrations- und anderer Politiker. Grenzen sieht Kida auch bei dem, was er spielen möchte. Für den Fernsehfilm »Yugotrip« von Nadya Derado musste er 2003 eine Vergewaltigungsszene drehen. Das käme heute nicht mehr in Frage, sagt er. Genauso wenig, wie er sich für den Film ausziehen würde. Allerdings würde er abnehmen, wenn die Rolle es verlangt, gibt er zu.

Das war für »Underdogs« nicht notwendig. Dafür stellte der erste Spielfilm des Dokumentarfilmers Jan-Hinrik Drevs andere Herausforderungen an den Mann, der dieses Mal einen Häftling namens Döner spielt: Nicht nur, dass Kida für diese Rolle vergessen musste, dass er als Kind von einem Pitbull gebissen wurde. »Underdogs« ist die Geschichte von Knackis, die junge Labradore zu Blindenhunden ausbilden sollen. Der Dreh im Double – sechs Männer, sechs Hunde – war nicht einfach. Das Härteste an diesem Film war jedoch der Drehort: Für die fiktive, im Knast spielende Geschichte wurde unter nahezu realen Bedingungen – morgens Einschluss, abends Aufschluss – in der Justizvollzugsanstalt Bützow gedreht. »Als Ausländer in einem Gefängnis in Mecklenburg-Vorpommern ist einem da schon etwas mulmig«, gesteht Kida. »Abgesehen davon, dass du stundenlang mit echten Straftätern eingesperrt bist, die im Film zwar die Komparsen sind, im echten Leben aber kriminell waren. Ich hab den Schließern am Anfang immer gesagt, sie sollen schön in meiner Nähe bleiben.«

So kehrt sich dann plötzlich das Klischee in sein Gegenteil. Ghettokids, vor denen Otto und Emma Normalbürger Angst haben, oder die man, sozial bewusst, integrieren möchte, denen die Gesellschaft aber sehr oft jede Chance dazu versagt, haben ihrerseits Angst vor anderen Ausgegrenzten. Wirklich angekommen, wie es immer heißt, ist man vermutlich auch im Film erst, wenn die Rollen über die Klischees hinauswachsen.

»Ich bin fast zufällig zum Film gekommen«, sagt Kida. »Schauspieler werden stand eigentlich nicht auf meinem Plan. Wenn ich also eines Tages merke, dass ich in der Branche nicht mehr gewünscht bin, werde ich gehen.« Bis dahin soll es aber noch eine Weile dauern. Schließlich hat Kida noch einige Projekte in der Pipeline. Welche, will er mir nicht verraten. Die Verträge sind noch nicht unterzeichnet. Und solange das so ist, wird nicht darüber geredet. Weder im Geschäft, noch auf der Straße. Eine weitere knallharte Regel des Alltags.

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