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Marcuse und das Ferkel in der Drehbank

Wer von der Befreiung der Gesellschaft redet, darf von der Befreiung der Tiere nicht schweigen

Seit nunmehr über neun Wochen sitzen in Österreich zehn Tierschützer in Untersuchungshaft. Sie waren am 21. Mai bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion von der Anti-Terror-Sondereinheit »Wega 23« verhaftet worden. Nicht weniger martialisch wie die Operation der schwer bewaffneten Sicherheitskräfte sind die von der Staatsanwaltschaft erhobenen Vorwürfe: »schwerwiegende strafbare Handlungen, die die Freiheit und das Vermögen bedrohen«, »schwere Sachbeschädigungen, Brandstiftungen und schwere Nötigungen«. Die Exekutiv- und Justizbehörden des Alpenlandes begründen ihr Vorgehen mit dem im Jahr 2002 geschaffenen Paragrafen 278a des Strafgesetzbuches, der sich gegen die Bildung einer kriminellen Organisation richtet. Bislang kam dieser Paragraf, der im Gefolge der 9/11-Hysterie gegen Terroristen und das organisierte Verbrechen installiert wurde, noch nie in solcher Massivität zur Anwendung – und das jetzt ausgerechnet gegen eine zivilgesellschaftliche Bewegung und ihre Aktivitäten.

Die lange Dauer der Untersuchungshaft, die erst Anfang Juli um weitere acht Wochen verlängert wurde, und das Insistieren auf der Nichtöffentlichkeit des Verfahrens verdichten sich derweil zu dem Schluss, dass die belastenden Materialien der Staatsanwaltschaft ebenso kümmerlich sind wie die Informationsbrocken, mit denen die Anklagebehörde Medien und Öffentlichkeit abspeist. Während die inkriminierten »Brandstiftungen« nicht belegt sind, bleiben offenbar als Hauptdelikte Anschläge mit Stinkbomben und der Einstieg in Einrichtungen der sogenannten Tierproduktion. Letzteres allerdings nicht, um Eigentum zu zerstören oder zu entwenden, sondern um die quälerischen Zustände im Bild zu dokumentieren.

Weshalb also dieser geballte staatliche Aufwand (von einem »rechtsstaatlichen« zu schreiben, verbietet sich wohl von selbst)? Ein entscheidender Hinweis findet sich in dem Vorwurf der Staatsanwaltschaft, die Beschuldigten hätten mit ihren Handlungen einen erheblichen Einfluss auf die Wirtschaft angestrebt. Das ist zweifellos zutreffend. Der Verein gegen Tierfabriken, dessen Vorsitzender Martin Balluch zu den Inhaftierten gehört, und andere Organisationen, Gruppen und Initiativen bewirkten in den letzten Jahren durch ihre Kampagnen und Aktionen, das österreichische Tierschutzgesetz als eines der weltweit restriktivsten zu gestalten. Und das mit durchaus einschneidenden Konsequenzen für den industriellen Tierausbeutungskomplex des Landes und seine Ableger: Das Verbot von Pelzfarmen, von Legebatterien, der Käfighaltung von Mastkaninchen sowie des Einsatzes und der Haltung von Wildtieren in Zirkussen führten zwangsläufig zu entsprechenden wirtschaftlichen Einbußen in den betroffenen Branchen.

Nicht zu übersehen ist also das Bestreben des Staates, politisches Agieren zu kriminalisieren, das in der Konsequenz zur Schmälerung des Profits aus privatkapitalistischem Eigentum führt. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass der Kampf um Tierrechte, die den Rahmen des konventionellen und konservativen Tierschutzes sprengen, zwangsläufig zur Interessenkollision mit den politisch und wirtschaftlich dominierenden Verhältnissen führen muss. Dieser Zusammenhang wird durch die aktuellen Ereignisse in Österreich deutlich und verdient es, in seiner Entwicklung und in seinen Folgen genauer betrachtet zu werden.

Es ist kennzeichnend für die Geschichte des Kapitalismus, dass seine Entstehungsphase einherging nicht nur mit einer bis dahin in Umfang und Intensität ungekannten Ausbeutung von Menschen, sondern auch einer Massen-»Produktion« von Tieren. (Die bis heute nicht in Frage gestellte Unverfrorenheit, das millionen- und milliardenfache Elend des Lebens und Sterbens sogenannter Nutztiere mit dem Begriff der »Tierproduktion« zu euphemisieren, ist zweifellos eines der prägnantesten Beispiele erfolgreicher semantischer Manipulation.)

Man kann sogar ohne Übertreibung feststellen, dass der Triumphzug des modernen Industrie-Kapitalismus mit der Massentötung von Tieren begann. Am 25. Dezember 1865, als die Christenheit wieder einmal der Geburt ihres Erlösers gedachte, schenkten die Vereinigten Staaten von Amerika der Welt eine der perversesten und zugleich folgenreichsten Errungenschaften der Moderne: die Fließbandschlachtung. Mit der Eröffnung der Union Stock Yards, der Schlachthöfe von Chicago, begann eine Ära der Effizienz im Umbringen und »Verwerten« von Tieren, wie sie in der vorangegangenen Geschichte der Menschheit ebenso unvorstellbar wie unerreichbar war. Das in den Tieropfern der Antike wurzelnde Wort »Hekatombe« verblasste in seiner Bedeutung angesichts der Blutopfer in der Schlachtkapitale des Kapitalismus. Im Setzen dieser Zäsur an einem Weihnachtsfest vereinten sich zwei Facetten, die den Stolz abendländischer Zivilisation bildeten: Hatte diese ihren höchsten religiösen Ausdruck im Christentum gefunden, in der von Luther und Calvin geprägten protestantischen Ethik des Malochens als Endzweck des Seins, so verkörperte sie ihre praktische Tüchtigkeit in massenhaft herstellbarer Fabrikware. Zu letzterer gehörten nun auch leidensfähige Kreaturen respektive die aus ihnen per Fließbandtechnik gefertigten »Produkte«.

Was kaum bekannt ist: »Autokönig« Henry Ford setzte diese Technologie bei der Montage seiner Fahrzeuge ein. Der US-Sozialphilosoph Jeremy Rifkin ist einer wenigen, die die zentrale Rolle des Schlachthofs in der Geschichte der US-Industrie betonen: »Während die Wirtschaftswissenschaftler ihre Theorien über die Anfänge der amerikanischen Industrialisierung vor allem an der Stahl- und Automobilindustrie orientierten, kamen in Wirklichkeit viele der bedeutendsten technischen Erfindungen erstmalig in den Schlachthöfen zum Einsatz.« Es könne nicht verwundern, so Rifkin, »dass es den Historikern späterer Zeiten angenehmer war, die Vorzüge des Montagebandes und der Massenproduktion am Beispiel der Automobilindustrie hervorzuheben«.

»Während die Wirtschaftswissenschaftler ihre Theorien über die Anfänge der amerikanischen Industrialisierung vor allem an der Stahl- und Automobilindustrie orientierten, kamen in Wirklichkeit viele der bedeutendsten technischen Erfindungen erstmalig in den Schlachthöfen zum Einsatz.«
Jeremy Rifkin, Sozialphilosoph

Mit Blick auf die ausschließlich ökonomistische Bewertung sogenannter Nutztiere stand die staatssozialistisch organisierte Landwirtschaft dem Fließband-Ausbeutungssystem aufgeschlossen und innovationsfreudig gegenüber. In einem in der DDR erschienenen Buch mit dem Titel »Tiere am Fließband« heißt es diesbezüglich: »Was sind dann industriemäßige Produktionsmethoden der Landwirtschaft? Kann man etwa ein Ferkel in die Drehbank spannen und so lange bearbeiten, bis ein schlachtreifes Schwein daraus geworden ist? Gewiss nicht. Aber man kann ein Ferkel durchaus in ein Fließbandsystem einreihen, dessen Endprodukt das fertige Mastschwein ist, denn aus einem Ferkel wird erst durch richtige Fütterung und Haltung bei der günstigsten Stalllufttemperatur und bei entsprechenden züchterischen Voraussetzungen in kurzer Zeit ein Schlachtschwein, dessen Fleischqualität den Forderungen der Gütebestimmungen und Lieferbedingungen (TGL) voll entspricht, das also beispielsweise nicht zu fett ist.« (Dass der Drehbank-Vergleich die physischen wie psychischen Folgen agro-industrieller Schweinezucht treffend metaphorisiert, ist die erschreckende Ironie dieser makabren Beschreibung.)

Bemerkte Albert Schweitzer über die »europäischen Denker«, diese würden darüber wachen, »dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen«, so trifft das auch auf das Gros der sozialistischen und sonstigen linken Denker zu. Eine Sicht wie die von Herbert Marcuse gehört zu den Ausnahmen. Der Philosoph der Frankfurter Schule antwortete auf die Frage, was denn nach Errichtung der befreiten Gesellschaft zu tun bleibe: »Die Tiere befreien natürlich.«

Umso bemerkenswerter ist da ein Essay, den die kommunistische USA-Zeitung »People's Weekly World« unter dem Titel »Marxism without meat?« veröffentlichte. Der kalifornische Schriftsteller Gene Gordon verweist in dem Beitrag darauf, dass, wie immer man sich eine mögliche kommunistische Zukunft auch vorstelle, Einigkeit darüber herrsche, dass diese frei sein müsse von Grausamkeit. Und er wirft die Frage auf, »ob eine der grässlichsten Grausamkeiten, die in unserer Zeit wuchert, unsere Zukunft verderben wird. Ich meine die Einkerkerung, Folterung und das Abschlachten von Milliarden und Abermilliarden Tieren.« Die monopolistische Kontrolle der Fleischindustrie, deren Gier nach ständig steigendem Profit sind für Gordon die treibenden Kräfte hinter diesem Elend – Kräfte, die die industrielle Tötungsmaschinerie auf immer schnellere Touren bringen und für die die Würde keiner Kreatur zählt, die der Arbeiter in den Schlachthäusern ebenso wenig wie die der massakrierten Tiere. »Brauchen wir Schlachthäuser im Kommunismus?«, fragt Gene Gordon. »Nein, lasst uns einen Kommunismus ohne Grausamkeit haben – Marxismus ohne Fleisch!«

Was dringend nottut, ist diese schlichte Erkenntnis, dass man nicht einerseits die Befreiung des Menschen von ökonomischen, politischen, geistigen, kulturellen und sonstigen Fesseln propagieren kann und andererseits das Elend, das Leid, die Qual, den Tod von zahllosen nichtmenschlichen Wesen hinnehmen kann – allenfalls »humanisiert« durch juristische Verordnungen. Denn ungeachtet der im deutschen Tierschutzgesetz religiös konnotierten Begrifflichkeit vom »Mitgeschöpf« handelt es sich weniger um Bestimmungen eines effektiven Schutzes vor dem Zugriff und der Gewalt des Menschen als vielmehr um einen Rahmen für die Ausbeutung von Tieren, dessen Konturen in erster Linie durch wirtschaftliche Interessen der Tierausbeutungsindustrie bestimmt werden. Das vom CSU-Agrarminister Seehofer verhinderte Verbot der Käfighaltung von Legehennen ist dafür das wohl aktuellste Beispiel, das zudem zeigt, dass selbst die Festschreibung des Tierschutzes im Grundgesetz nicht die erhoffte Wende brachte.

Eine ernsthafte Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse kann auf die Kritik an den Zuständen, unter denen Tiere gehalten, gequält, ausgebeutet, vernichtet werden, nicht verzichten. Und das nicht nur wegen der Rückwirkung verrohter und verrohender Verhältnisse in diesem Bereich auf den Menschen, worauf schon Immanuel Kant hinwies, sondern wegen der Tiere selbst. Nicht aus »Tierliebe«. Man muss Tiere ebenso wenig »lieben«, um einen ethisch angemessenen Umgang mit ihnen einzufordern, wie man Menschen »lieben« muss, wenn man Anerkennung und Achtung der Menschenrechte verlangt. Tiere sind fühlende, lust- und leidensfähige Lebewesen mit sich daraus ergebenden Interessen.

Die in Spanien regierenden Sozialisten erreichten im Madrider Parlament jetzt immerhin einen Beschluss, laut dem Gorillas, Orang-Utans, Schimpansen und Zwergschimpansen aufgrund ihrer Verwandtschaft mit dem Menschen bestimmte Grundrechte einzuräumen sind: Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit. Doch warum soll ein an Leidensfähigkeit, Sozialität und Intelligenz diesen Primaten kaum nachstehendes Schwein weiter als Ferkel grausam verstümmelt werden dürfen, als Sau in isolierter Enge vegetieren müssen, um schließlich in einer Massentötungsanlage verhackstückt zu werden?

Es gibt keinen Ausweg aus diesem Dilemma ohne einen grundlegenden Paradigmenwechsel. Forderungen in Parteiprogrammen nach kürzeren Tiertransportzeiten oder besseren Bedingungen in der Schweinehaltung sind Augenwischerei, zumal jede neue Anlage zur Massenhaltung in erster Linie unter dem Aspekt der Schaffung von Arbeitsplätzen betrachtet und allenfalls vom ökologischen Standpunkt aus kritisiert wird. »Fleischbetrieb expandiert mit neuer Betäubungsanlage« – eine »Erfolgsmeldung« wie diese aus Mecklenburg-Vorpommern sollte Frösteln statt Freude erzeugen.

»Eine befreite Gesellschaft, in der Schlachthöfe und Vivisektionslaboratorien fortexistieren, wäre keine«, erklärt Susann Witt-Stahl, Journalistin und Mitbegründerin der Tierrechts-Aktion-Nord (TAN), eine der wenigen dezidiert politisch geprägten Tierrechtsinitiativen in Deutschland, die sich vor allem in der Tradition der Kritischen Theorie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer sieht. Die Gesellschaft als zum Besseren transformierbares Ganzes zu betrachten, in dem die einzelnen Momente nicht unabhängig oder »selbstständig« für sich funktionieren, darauf kam es Adorno und Horkheimer an, denen die Befreiung der Tiere ebenso wie ihrem Mitstreiter Marcuse untrennbarer Teil der sozialen Befreiung war. »Die Spirale von Unterdrückung und Gewalt«, so Witt-Stahl, »muss vollständig durchbrochen werden und nicht bloß an den Stellen, die uns Menschen nicht weh tun, weil sie uns keine herrschaftskritische Reflexion der tierausbeuterischen Handlungen abverlangen, an denen wir uns tagtäglich offensiv beteiligen oder beteiligt werden.«

Wenn die Vorgänge in Österreich verdeutlichen, dass Kritik des strukturellen Missbrauchs von Tieren Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse verlangt und umgekehrt, wäre das ein nicht zu überschätzender Erfolg in der Debatte um die Mensch-Tier-Beziehung.

Literatur:
Susann Witt-Stahl (Hrsg.): Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere. Alibri, 384 S., br., 22 EUR.

Charles Patterson: Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka. Über die Ursprünge des industrialisierten Tötens. Verlag Zweitausendeins, 307 S., geb., 16,90 EUR.

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