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Das Erdbeben von Glasgow

Labours Pannenserie bei Nachwahlen hält an

  • Von Ian King, London
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Schottische Nationalpartei (SNP) gewann am Donnerstag bei einer Nachwahl zum Londoner Parlament den Wahlkreis Glasgow East, die bisher drittsicherste Labour-Hochburg in Schottland.

Es war ein knapper Sieg in Glasgow-Ost, mit nur 365 Stimmen Vorsprung für die Nationalisten. Aber 2005 hatte Labour dort noch mit 60 gegen 17 Prozent gewonnen. »Eine Enttäuschung«, meinte Labours Schottlandminister im Londoner Kabinett, »ein Erdbeben jenseits der Richterskala« hingegen der erfolgreiche Nationalisten-Kandidat John Mason. Bedeutet Masons Erfolg in Glasgow nun auch das politische Aus für seinen Landsmann Gordon Brown in London?

Der Glasgower Osten, eine der ärmsten Gegenden Großbritanniens, glänzte nach dem Niedergang der Schwerindustrie höchstens durch die Spiele des Fußballmeisters Celtic. Der Ruf des örtlichen Gefängnisses Barlinnie war denkbar schlecht. Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Drogen, Verbrechen gelten als Hauptmerkmale überdimensionierter Siedlungen wie Easterhouse, die in den 50er Jahren als Antwort auf die Innenstadtsanierung entstanden: Ein von Stadtplanern verursachter Albtraum, ohne öffentliche Einrichtungen und Herz, direkt an der Ausfallstraße nach Edinburgh gelegen.

Aber die Stereotypen täuschen. Ost-Glasgow steht in den letzten Jahren wieder auf. Neue Schulen und Krankenhäuser wurden gebaut, dazu kommt ein zäher Menschenschlag, der sich nicht kleinkriegen lässt. Dabei stellten die über 30 Prozent Katholiken irischer Abstammung Labours sicherste Stammwähler. Bis Donnerstag. Nicht einmal die beliebte Kandidatin Margaret Curran, die dieselben Wähler im Edinburgher Parlament vertritt, konnte ihre Partei retten.

In Edinburgh liegt auch Labours Hauptproblem. Vor einem Jahr siegte bei den regionalen Parlamentswahlen der Nationalistenführer Alex Salmond und bildete mit 47 von 129 Abgeordneten eine Minderheitsregierung, die seither ein Füllhorn milder Gaben ausschüttet: kostenlose Arzneimittel auf Rezept, Abschaffung der Sondersteuer für Hochschulabsolventen. Auch eine deutlich großzügigere Finanzierung aus London machte alles möglich und kam auch Labours gefährlichsten Gegnern zugute. Denn David Camerons Konservative wollen nur Brown in London beerben; Salmond will die endgültige staatliche Trennung von England und einen unabhängigen Nordstaat mit ihm an der Spitze. England und Wales hätten dann Tory-Regierungen am laufenden Band.

Statt sich zu wehren, bekam die Labour-Opposition in Edinburgh keinen Fuß auf den Boden. Parteichefin Wendy Alexander musste gar vor einem Monat wegen einer unerlaubten Wahlkampfspende ihren Hut nehmen. Der Zustand der Führungslosigkeit bot eine denkbar ungünstige Startposition für die Nachwahl. Kein Wunder, dass die örtliche Parteiorganisation gegen die auftrumpfenden Nationalisten versagte.

Jetzt setzt Salmond auf drei Schritte: Brown würde sich in London nicht halten können, Camerons Konservative würden 2010 Neuwahlen in ganz Großbritannien gewinnen; die Schotten – in der Mehrheit alles andere als konservativ gesinnt – würden sich 2011 bei Salmonds Volksabstimmung für die Scheidung von England entscheiden.

Der geschwächte Briten-Premier geht scheinbar unbeeindruckt zur Tagesordnung über. Ein dreitägiges »National Policy Forum« im mittelenglischen Warwick, mit wichtigen Vertretern von Regierung und Gewerkschaften, soll Labours politische Strategie bis 2010 sowie die Wahlkampfplanung in Umrissen festlegen. Aber Brown sieht die Gewerkschafter vor allem als willkommene Zahlmeister seiner finanziell maroden Partei, politische Impulse sind von den Arbeitnehmervertretungen weniger willkommen. Dabei machten schon Warnstreiks im öffentlichen Dienst klar, dass die Gewerkschaftsmitglieder die Arbeit der Regierung noch skeptischer betrachten als ihre Führer. Denn Downing Street steht für steigende Arbeitslosigkeit und Lebensmittelpreise, Kaufzurückhaltung, drohende Rezession. Bloßes Durchhalten hilft Brown nicht mehr. Ein anderer Gordon muss her oder ein neuer Labour-Führer und Premier.

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