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Wollen Nazis den Fahrschein sehen?

Vorwürfe gegen Kontrolleure in Potsdamer Bussen / Verkehrsbetriebe: Da ist nichts dran

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

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In die Köpfe hineinschauen kann niemand. Aber wenn der Kopf sehr kurz geschoren ist und wenn die Fahrkarten-Kontrolleure Lonsdale-Klamotten tragen ... »Die Fahrgäste haben sich gefürchtet. Mucksmäuschenstill war es im Bus«, erzählt einer der Potsdamer, die neulich gegen Mittag mit der Linie 693 durch das Wohngebiet Am Schlaatz fuhren. Er spricht von vier »Türsteher-Typen« und meint sich zu entsinnen, dass einer zur rechten Szene gehöre. Barsch sei nach dem Fahrschein gefragt worden, während die Kontrolleure sonst immer sehr freundlich seien. Eine farbige Frau, die eine Station später zustieg, sei lieber vorn stehen geblieben, obwohl hinten noch Sitzplätze frei waren. Offenbar habe sie Angst gehabt, an den vier Kontrolleuren vorbeizugehen.

Rechtsextreme Kontrolleure in Bussen und Straßenbahnen der Potsdamer Verkehrsbetriebe (ViP), das wäre ein Skandal – nicht nur angesichts der rechtsextremen Wachleute, deren vorübergehender Einsatz an einem Kiessee in Zeischa kürzlich für Aufruhr gesorgt hatte.

Zwei Hinweise sind im Büro der Potsdamer Landtagsabgeordneten Anita Tack (Linkspartei) eingegangen. Tacks Mitarbeiter geht diesen Vorwürfen nach. Er will sich deswegen am Freitag mit dem örtlichen Niederlassungsleiter der Wachschutzfirma WISAG treffen. Die WISAG beschäftigt bundesweit mehr als 24 000 Mitarbeiter, die zum Beispiel Objekte schützen, Gebäude reinigen oder Gärten pflegen. Im Auftrag der ViP kontrolliert sie seit Jahren auch Fahrkarten.

Dergleichen Hinweise wie Anita Tacks Büro erhalten auch die Verkehrsbetriebe – »regelmäßig«, wie ViP-Geschäftsführer Martin Weis sagt. Da habe es auch mal das Gerücht von einem Kontrolleur mit tätowierter Reichskriegsflagge gegeben. Man wertete solche Vorwürfe mehrfach mit der WISAG aus. Nie sei etwas dran gewesen, erzählt Weis. Es sei unmöglich, den Leuten in den Kopf zu schauen, und schwierig, die politische Gesinnung an Äußerlichkeiten zu erkennen. Dem Vorwurf einer unfreundlichen Behandlung könne man nachgehen, wenn Tag, Uhrzeit, Bus und Haltestelle genannt werden.

Der WISAG-Niederlassungschef Knud Echtermeyer ist sauer. Er mag sich am liebsten nicht mehr zu solchen Anwürfen äußern. Das komme »fast nur« von erwischten Schwarzfahrern. »Meine Mitarbeiter treten derartig nicht auf«, versichert Echtermeyer. »Da würde ich auch dazwischen fahren.« Für den Fall, dass Beschäftigte verbotene Kleidung tragen, habe er angewiesen, dass diese Leute nicht eingesetzt und aus dem Unternehmen entfernt werden. Das sei jedoch nie vorgekommen. Zwar gebe es zwei Kontrolleure, die Lonsdale-Kleidung tragen. Doch er habe sich kundig gemacht. Diese Kleidung sei nicht bedenklich.

Tatsächlich trugen Neonazis die Marke Lonsdale vor etlichen Jahren gern. Kombiniert mit einer offenen Bomberjacke blieb eine Buchstabenkombination sichtbar, die auf die NSDAP anspielte. Der britischen Herstellerfirma, die als Ausstatter für den Boxsport begann, gefiel dies nach Angaben der Amadeu-Antonio-Stiftung jedoch überhaupt nicht. Sie startete demnach 2004 die Kampagne »Lonsdale loves all colours« und distanzierte sich damit von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Der rechten Szene passte das natürlich nicht. Sie boykottierte die Marke fortan. Es soll zu demonstrativen Verbrennungen der Kleidung gekommen sein. Lonsdale ist also keine Nazi-Marke.

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