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Kleinkunst im Denkmalschutz

In der Alten Post in Neukölln beleben Ausstellungen, Theateraufführungen, Workshops und Mode die leeren Hallen

Was würde die Berliner Kultur nur ohne die vielen leer stehenden Gebäude machen, deren Umbau wegen des Denkmalschutzes äußerst schwierig und teuer ist und die deshalb gerne für kulturelle Zwischennutzungen hergegeben werden?

Neuestes Projekt ist die Alte Post in der Karl-Marx-Straße in Neukölln: Bis Anfang Dezember beleben Ausstellungen, Theateraufführungen, Workshops und Mode die leeren Hallen. Bis vor fünf Jahren diente der markante Bau, 1906 als Kaiserliches Postamt I. Klasse eröffnet, als Hauptpost, dann bezog das Amt neue Räumlichkeiten. Das Anfang der 80er Jahre aufwendig restaurierte Baudenkmal stand leer – nach der Schließung von Hertie und dem Modehaus Sinn Leffers ein weiteres Signal für den Niedergang der Karl-Marx-Straße, deren Gesicht seitdem von Billigläden und Döner-Buden geprägt wird.

Nun will das Bezirksamt gegensteuern: Mit der Teilnahme am Programm »Aktive Stadtzentren« fließen Gelder von Senat und Bund für die Aufpolierung des Kiezes, gleichzeitig soll die »Aktion! Karl-Marx-Straße« Politik, Eigentümer, Gewerbetreibende, Künstler und Vereine zusammenführen.

Erstes großes Projekt der Initiative ist die temporäre Wiedereröffnung der Alten Post als Kulturzentrum. Zur Ausstellung »Neukölln Exquisit« im Rahmen des Kunstfestivals »48 Stunden« kamen immerhin mehr als 5000 Besucher. Der private Investor, der das eindrucksvolle Gebäude vor zwei Jahren erstanden hatte, wollte es eigentlich in ein Shopping-Center verwandeln, doch wäre dies mit dem Denkmalschutz kaum zu vereinbaren gewesen. Nun würde er es gerne wieder loswerden und war mit der Zwischennutzung schnell einverstanden – Kultur bringt den Bau wenigstens ins Gespräch. Miete verlangt der Eigentümer nicht, nur die Betriebskosten muss der Bezirk bezahlen.

Bis Mitte November sollen nun kulturelle Veranstaltungen das Erdgeschoss und den ersten Stock entstauben. So läuft bis 23. August die Ausstellung »Ein Topf für alle – Wie die Politik in den Kochtopf kommt«, ausgerichtet von der Sammlung Esskultur, die gerade einen Verein gründet und ein Museum eröffnen will. Die recht reduzierte Ausstellung ist schell abgelaufen, zeigt aber auf amüsante Weise die Auswirkungen großer Politik auf unsere Küche. Fünf mit purpurroten Samtdecken bedeckte Tische widmen sich jeweils einem Thema, zum Beispiel der Frage, was Essen mit der nationalen Identitätsbildung zu tun hat.

Wenig originell liegen hier Kartoffeln, Sauerkraut und Bier neben der deutschen Fahne, Baguette, Käse, Pernod und ein paar Schneckenhäuser stehen für Frankreich. Am interessantesten ist noch das »Was fehlt?«-Schild, auf dem auf das erste gesamtitalienische Kochbuch aus dem Jahr 1891 hingewiesen wird, das letztlich zu einer gemeinsamen Sprache führte. Ähnlich schlicht gestaltet sind die anderen Tische. Ein paar Gläser mit eingelegtem Gemüse, Konservenbüchsen, ein großer Schnellkochtopf und Büchsenöffner erinnern daran, dass die Konserve auf die notwendige Truppenversorgung unter Napoleon zurückgeht, eine Packung Eier aus Käfighaltung, Gänseleberpastete, Thunfisch und ein Schachtel »Negerküsse« stehen für politisch nicht korrektes Essen.

Interessant sind die Notrezepte aus Kriegszeiten mit Rezepten für falsche Mettwurst aus Getreidekörnern oder falschem Kakao aus gerösteter Roter Beete. Die Sammlung Esskultur ist allerdings auch erst im Aufbau, jeden Sonnabend zwischen 15 und 18 Uhr nehmen die Macher Spenden und Leihgaben entgegen, von alten Küchengeräten und Geschirr bis zu Omas Einbauküche.

Die zweite Ausstellung in der ehemaligen Empfangshalle handelt vom Glück. Unter dem Titel »Ausruhen 2008« formte die Künstlerin Alexandra Nebel aus lilafarbenen Sitzkissen in Buchstabenform das Wort »Glück«, stellte diese in U-Bahnstationen, Parks und Plätzen auf und fragte Passanten nach ihren Vorstellungen. Die Aktion ist auf Fotos und als Video dargestellt, die Sitzkissen laden zum gemütlichen Ausruhen ein. Gleich daneben gibt das »Orakel von Neukölln« gegen zwei Euro Auskunft zu wichtigen Lebensfragen (beides bis 23. August).

Volkstheater mit Geschichten zum Bezirk verspricht das Theater Heimathafen Neukölln, das ab September seine Aufführungen in der ehemaligen Paketausgabe fortsetzt. Am 8.9. beginnt die Ausstellung »Junior-Post-Art«, an der elf Neuköllner Schulen mitgewirkt haben, parallel dazu laufen fünf Schüler-Workshops, in denen es um Visionen zu Neukölln geht. Und passend zur nächsten »Fashion Week« steht von Ende Oktober bis Anfang November Mode im Mittelpunkt der Alten Post.

Vor allem letzteres würde auch zu den Plänen passen, die sich der Bezirk für das 6000-Quadratmeter-Gebäude vorstellen könnte: Büros und Ateliers für Kreative aus den Bereichen Mode, Musik, Neue Medien und Film sowie Platz für Vereine und Initiativen. Stimmt der Inhaber zu, wird das Amt ab 2009 für fünf bis sieben Jahre als Kulturhaus genutzt.

Alte Post, Karl-Marx-Str. 97-99, Neukölln, geöffnet Mi.-So. 15-20 Uhr; Infos unter www.Aktion-KarlMarxStraße.de

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