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Mauer-Erinnerungen

Bilder von Johannes Heisig im Berliner Abgeordnetenhaus

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Im Atelier
Im Atelier

Bilder des Malers Johannes Heisig sind ab heute im Berliner Abgeordnetenhaus zu sehen. Passend zum historischen Datum, dem 13. August: zur Berliner Mauer, zur Wirkung und zur Erinnerung an diese Systemtrennlinie. »Ich habe gemerkt, dass ich viele Jahre um dieses Thema nur herumgeschlichen bin. Es hat eines äußeren Anlasses bedurft, mich dieses wichtigen Ereignisses zu widmen«, sagt Heisig. Vor einem Jahr hatten die Galerie Son und das Mauermuseum Bernauer Straße einen Plakatwettbewerb zur Mauer ausgerufen und auch Heisig angesprochen. Doch die damals bemessene Zeit war dem Maler zu kurz gewesen. Der Anstoß immerhin war gegeben. Heisig hat Ansichten des kurzen Überrestes der Berliner Mauer an der Bernauer Straße gemalt. Sie sind in grauen, nur leicht eingetönten Farbschichten ausgeführt. Kompositorisches Element ist die Mauer als lineares Trennungsmittel. Heisig schafft in diesem Zyklus eine Serie von abgegrenzten, entleerten Räumen.

Im Zentrum des Mauer-Oeuvres stehen indes vier großformatige, wie historische Fotos in Schwarzweiß gehaltene Leinwände. Sie zeigen Szenen aus den späten 80er Jahren in Ost- und Westberlin. »Die Mauer ist weitgehend verschwunden. Sie existiert vor allem in der Form der Erinnerung an sie«, begründet Heisig die Entscheidung zu diesen Motiven.

Auf der ersten der zwei mal drei Meter großen Leinwände drängt eine Gruppe junger Menschen über vertikale Linien hinaus, die den Eindruck eines stilisierten Brandenburger Tores ergeben; umgehend stellt sich die Assoziation des im November 89 auf der Mauer tanzenden Volkes ein. Doch sie geht fehl, denn Heisig holt weiter aus in der Geschichte. Ein zweiter Blick offenbart, dass es sich um Demonstranten handelt, die ein Transparent mit der Aufschrift »Frieden« sowie DDR-Ausweise hoch halten. Sie sind die Protagonisten jener Protestkultur und Ausreisewelle, die die späte DDR prägte. Die senkrechten Linien, die man anfangs für die Säulen des Brandenburger Tores halten konnte, sind nichts anderes als der Eingang zur U-Bahnstation Tierpark, in die die Demonstranten gleich abtauchen werden.

Das Westberliner Pendant dieser Szene ist das Konzert einer Punkband vor der bemalten Mauer. Heftig wird auf Trommeln eingeschlagen, wild wogen die Haartollen. Das orgiastische Moment des Westberlins der 80er Jahre, das der 1953 in Leipzig geborene und damals in Ostberlin lebende Künstler bei gelegentlichen Vernissagenbesuchen staunend beobachten durfte, wird auch in einem zweiten Bild eingefangen. In einem kargen Zimmer liegen die Leiber bekiffter, betrunkener, erschöpfter Dauerfeierer neben- und übereinander.

Geordneter, ernster dagegen Ostberlin. Eine Gruppe von Menschen hat sich bei Rotwein unter dem Schein einer Lampe Marke Eigenbau versammelt; sie erinnert an die vielen privaten Zusammenkünfte, in denen über Hoffnungen und alternative Entwicklungen in der DDR nachgedacht wurde.

Einen weiteren Bildkomplex zum Thema Mauer bilden drei doppelten Generationenporträts. Heisig ist überzeugt, dass die Wahrnehmung der Mauer vom Lebensalter und der biografischen Situation des Einzelnen geprägt ist. Das erste Paar stellt seine Eltern dar. Der Vater Bernhard Heisig wird bei der Arbeit im Atelier gezeigt. Die Farbschichten, die Johannes Heisig hier übereinandertürmt und zu figürlichen Arrangements anordnet, umfassen die komplette Farbskala. Die Porträts sind – anders als die vier Erinnerungsbilder an das geteilte Berlin – im Hier und Jetzt situiert.

Heisig senior wird von Figuren seiner eigenen Bildwelten heimgesucht, die ihn wie Geister umgeben. Besonders prägnant ist ein Wehrmachtssoldat, der mit seinem Bajonett förmlich aus der Leinwand zu stechen scheint. Johannes Heisig deutet mit dieser Figur an, dass die deutsche Teilung nicht nur auf das Jahr 1961 zurückgeht, sondern seine Ursache im 1939 losgetretenen Weltenbrand hat.

Seine Mutter ist als traurige, nachdenkliche Frau im Rollstuhl zu sehen. Das Maß ihrer Traurigkeit lässt sich allerdings nur bei Kenntnis ihrer Geschichte ermessen. Sie war – nach Trennung von ihrem Mann – 1961 von ihrem neuen Wohnort Frankfurt am Main nur zurückgekehrt, um die Kinder mitzunehmen. Doch dann kam der 13. August. Mutter und Kinder blieben in der DDR. Die Mutter führte noch jahrelang einen beinahe täglichen Briefwechsel mit ihrem Gefährten in Frankfurt, bis auch das einschlief und sie die Geschichte tief in sich einschloss. »Sie hat diesen Mann nie wieder gesehen«, sagt der Sohn heute.

Die eigene Generation setzt Johannes Heisig mit dem Pfarrer der Versöhnungsgemeinde Manfred Fischer und einer Freundin, die per Ausreiseantrag 1988 nach London ging, inzwischen aber wieder in Berlin lebt, in Szene. Die Jungen, »die heutzutage mit anderen jungen Leuten aus aller Welt englisch sprechen und das noch nicht einmal merken«, sind in Gestalt seines Sohnes Hermann, Tänzer, u.a. an der Volksbühne, und einer Praktikantin des Mauermuseums Bernauer Straße, die bereits auf eine Model-Karriere zurückblicken kann, ins Bild gerückt.

In einem letzten Bild taucht die Mauer als im Licht der untergehenden Sonne rotglühendes Dickicht aus Zweigen und Stacheldraht auf. Hoch über ihr hat Heisig einen Drachenflieger angeordnet – an jenen Unglücklichen erinnernd, der mit einem Heißluftballon von Ost nach West fliehen wollte, den Auftrieb aber nicht kontrollieren konnte. Er sprang, als sein Ballon den Westberliner Luftraum wieder zu verlassen drohte, einfach herunter und starb an den Sturzfolgen.

Wandelhalle des Berliner Abgeordnetenhauses, Niederkirchnerstraße 5, 10117 Berlin: Johannes Heisig. Es war einmal. Bilder vom Erinnern, den Erinnerungen und dem Innern. Bis 5. September, Mo-Fr 9-18 Uhr. Am 30.8. 18-1 Uhr

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