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Klimawandel bedeutet Gesellschaftskrise

Tadzio Müller: Der grundsätzliche Wachstumskompromiss muss gebrochen werden

Tadzio Müller ist zusammen mit Ines Koburger einer der Pressesprecher des ersten Klimacamps in Deutschland, das heute in Hamburg beginnt. Über die Ziele des Camps sprach mit dem 32-jährigen promovierten Politologen für ND Martin Ling. Das gemeinsame Klima- und Antirassismuscamp läuft vom 15. bis zum 24. August (www.klimacamp08.net und camp08.antira.info).
Antirassismus- und Klimacamp in Hamburg: Klimawandel bedeutet Gesellschaftskrise

ND: Letztes Jahr waren die breiten Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm der Höhepunkt für die globalisierungskritische Bewegung. Dieses Jahr soll es das Klimacamp sein. Wie kam es zur Fokussierung auf das Thema Klimawandel?
Tadzio Müller: Der Ausgangspunkt dafür ist Heiligendamm. Ziel der Proteste von Heiligendamm war die Delegitimierung der G8 (USA, Kanada, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Russland). Wir hatten viele Themen wie Antimilitarismus, Globale Landwirtschaft, Migration. Und wir hatten viele tolle Aktionen. Dennoch haben es die G8 geschafft, sich in Heiligendamm zu relegitimieren. Und zwar, indem sie das Thema Klimawandel besetzt haben – ein Thema, das viele Menschen in ihrer Alltagswahrnehmung als ein Problem sehen. Im letzten Winter drehten sich viele Gespräche in den Cafés um das Wetter, wie ungewöhnlich warm es für diese Jahreszeit sei und überhaupt, dass die Jahreszeiten auch nicht mehr das sind, was sie mal waren. Das wird als diffuses Problem wahrgenommen, irgendetwas ist aus dem Lot geraten. Darin liegt viel politisches Potenzial. Das haben die Herrschenden vor der globalisierungskritischen Bewegung erkannt. Reden wir über Klimawandel, dann reden wir über ein Problem, das die Menschen nicht kalt lässt, und damit können wir uns wieder Legitimation verschaffen, lautete die Marschroute der G8. Die globalisierungskritische Bewegung hat erkannt, dass sie hier eine Leerstelle hat und dass sie dieses Thema besetzen muss. Denn es ist klar, dass die G8 mit diesem Thema eine neue Runde der kapitalistischen Entwicklung anzustoßen versuchen, den sogenannten Grünen Kapitalismus.

Ein Grüner Kapitalismus, der vorgibt, die soziale mit der ökologischen Frage auszusöhnen, dürfte auf breite Zustimmung nicht nur in den Cafés stoßen, oder?
Der Grüne Kapitalismus ist zweifelsohne eine neue attraktive Geschichte, die die Herrschenden zu verkaufen versuchen. Es ist jedoch eine Mogelpackung. Die ökologische Frage ist immer gleichzeitig eine soziale Frage. Ein Beispiel: Klimawandel wird historisch vor allem vom Norden, den Industriestaaten, verursacht und vor allem im Süden ausgebadet. Die G8-Politik wird diesem Zusammenhang nicht gerecht und kann ihm nicht gerecht werden. Denn: Ziel der Politik der G8 ist es ja, das bestehende, ungerechte und ungleiche System zu stabilisieren. Eine soziale Politik – für mich mithin eine antikapitalistische Politik – ist die einzige Politikausrichtung, die in Bezug auf den Klimawandel ernst zu nehmen ist. Wer die soziale Frage nicht mitdenkt, wer die Frage der globalen Gerechtigkeit nicht mitdenkt, muss beim Thema Klimawandel zwangsläufig scheitern. Uns beim Klimacamp geht es stark darum, das Problem des Klimawandels umzudefinieren. Klimawandel ist von Anfang an ein soziales und ökonomisches Problem, und nicht nur ein ökologisches. Klimawandel ist ein Ausdruck der Gesellschaftskrise.

Wie lässt sich dieses Verständnis von Klimawandel in die Gesellschaft transportieren? Die Vorstellung eines Grünen Kapitalismus ohne Wohlstandsverluste, wie ihn die Politik – wenn auch nicht die Wissenschaft – vorgaukelt, ist attraktiver als die von einer Gesellschaftskrise.
Das ist ein zentraler Punkt. Die Wissenschaft macht sich keine Illusionen. Renommierte Wissenschaftler wie Wolfgang Sachs vom Wuppertal Institut sagen klar, dass die EU bis 2050 80-90 Prozent ihrer Emissionen zu reduzieren hat, wenn der Klimawandel unter Berücksichtigung globaler Gerechtigkeit gebremst werden soll. Das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit einem kapitalistischen Akkumulationspfad nicht möglich, sprich der ständigen weiteren Sicherung von wirtschaftlichem Wachstum. Das ist in der Wissenschaft fast unumstritten. In der Politik wird es jedoch ignoriert beziehungsweise nicht kommuniziert. Ganz einfach, weil die Gesellschaft auf dem Wachstumskompromiss beruht: Immer mehr Konsum für den Durchschnitt der Bevölkerung gegen die Nichtinfragestellung des Systems. Dieser grundsätzliche Wachstumskonsens muss gebrochen werden. Das ist die Herausforderung im politischen Kampf. Wir müssen uns überlegen, wie wir eine Wirtschaft organisieren, die sich nach globalen, kollektiven Bedürfnissen richtet. Und da bietet der Klimawandel als gesellschaftliche Krise einen interessanten Ansatzpunkt für eine antikapitalistische Kritik.

Wen und was erwarten die Veranstalter beim Klimacamp?
Zum kombinierten Antirassismus- und Klimacamp rechnen wir mit über 2000 Teilnehmern hauptsächlich aus dem linken Spektrum. Inhaltlich erhoffen wir uns kollektive Bildung und Weiterbildung über das Thema Klimawandel als soziale Krise. Ein weiterer Schwerpunkt sind die Aktionen, gegen Kohlekraft, den Abschiebeflughafen etc.. Drittens wollen wir das »andere Leben« in den Camps praktizieren. Und schlussendlich wollen wir Strategien für eine globale Klimabewegung entwickeln.

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