Es war einmal in Amerika

Sara Gruen gelang ein zauberhafter Zirkus-Roman »Wasser für Elefanten«

Ein zauberhaftes Buch. Mit Romantik hat das wenig zu tun. Obwohl ... Zirkuswelten haben immer etwas Romantisches. Und doch beginnt das Ganze schon mit einer Katastrophe, es endet mit einer Katastrophe, und das Leben des Protagonisten ist auch alles andere als romantisch oder gar zauberhaft. Es ist eigentlich nur noch Katastrophe.

Der dreiundneunzigjährige Jacob Jankowski lebt in Chicago in einem Pflegeheim mit Rollstuhl, Boshaftigkeiten, Ekelessen und allgemeiner Verblödung ringsum: »uralte, angestaubte Menschen ... abgeladen wie wertloser Krempel ... Das Alter ist ein grausamer Dieb.« Da gibt es nichts schön zu reden. Aber es gibt Träume, Erinnerungen, ein anderes Leben neben diesem hier, das kann dem alten Jacob keiner wegnehmen. Auch nicht der »Neuzugang«, der sich wichtig tut und behauptet, er habe früher einmal Elefanten Wasser geholt.

Hat er nicht, sagt Jacob. Er weiß es besser. Er muss es besser wissen. Jacob hat vor mehr als sieben Jahrzehnten im Zirkus gearbeitet. Das war ein Eisenbahnzirkus, wie es sie heute nicht mehr gibt. Aber damals, um 1930, fuhren sie mit Clowns und Akrobaten und einer riesengroßen Menagerie in Eisenbahnzügen durch Amerika.

Zirkus ist im Augenblick das Thema Nummer eins im Pflegeheim, weil ganz in der Nähe ein Zirkus seine Zelte aufschlägt, natürlich kein solcher wie früher, aber eben ein Zirkus. Und Jacob erinnert sich an seine Zeit damals. Es war »die beste und die schlimmste Zeit seines Lebens«.

Natürlich lesen wir lieber von Zirkuswelten als von Pflegeheimen, und wir sind zunächst auch etwas skeptisch bei diesen drastischen Heim-Schilderungen. Aber gerade in der Gegenüberstellung und Verknüpfung beider Welten, zwischen denen die Autorin, Jacob Jankowski und wir Leser hin- und herspringen, wird alles zu skurrilen, ja absurden Ausnahmesituationen, zu Welten wie auf einem anderen Stern mit Elend auch, aber mit viel mehr Glanz. Jacob ist, wir bemerken es schnell, ein Sturkopf, ein Dickhäuter wie die große Heldin seiner Erinnerungen Rosie. Die dreiundfünfzigjährige Elefantendame kam zum Zirkus, als Jacob schon ein paar Monate dabei war. Jacob war Veterinärstudent ohne Examen, aber immerhin war er auf einer Elite-Uni gewesen. Durch den plötzlichen Tod seiner Eltern mit einem Mal total mittellos geworden, hat er sein Studium aufgeben müssen. Ohne einen Penny in der Tasche macht er sich auf in die Welt, springt auf einen Zug auf und landet mitten in einem Wanderzirkus, nämlich in »Benzinis spektakulärster Show der Welt«.

Lange bleibt seine Anwesenheit Onkel Al, dem Zirkusdirektor mit dem scharlachroten Frack und dem Zwirbelbart, nicht verborgen. Onkel Al behält bei weitem nicht jeden Hergelaufenen hier, aber einen Tierarzt wollte er schon lange haben. Den hat nämlich auch die große Konkurrenz, die »Ringling Brothers«. Deshalb bleibt Jacob, und deshalb kommt auch bald Rosie, die Elefantendame. Die hat mit Jacob so manches gemeinsam, zum Beispiel die Sprache. Aber das muss man erst einmal rausbekommen.

So wird sie Jacobs Favoritin, eine der beiden, muss man sagen, denn er hat natürlich längst eine andere Favoritin, die wunderschöne, zerbrechliche Dressurreiterin Marlena mit ihrem mit Pailletten besetzten, pinkfarbenen Kostüm.

Im Übrigen hat der Zirkus wenig Platz für Zerbrechliches, da geht es ziemlich derb zu und nicht unbedingt gut aus.

Wir aber fahren vorher mit Jacob, mit den Artisten und Akrobaten, den Clowns und Zwergen, mit Camel, dem kaputten Säufer, August, Walter, Grady, Bill und wie sie alle heißen, mit Pferden, Panther, Löwen und Affen, und natürlich mit der sturen und doch so sensiblen Elefantendame Rosie durch diese ferne Zauberwelt.

Sara Gruen: Wasser für die Elefanten. Roman. Aus dem Englischen von Eva Kemper. DuMont Buchverlag. 399 S., geb., 19,90 EUR.

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