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Immer weniger Befürworter

ARD vertagt Entscheidung zur Berichterstattung der Tour de France

Die ARD setzt bei den Kontroversen um die 12. Änderung des Rundfunkstaatsvertrages nach wie vor auf einvernehmliche Lösungen in ihrem Sinne. Zwar kritisierte der ARD-Vorsitzende Fritz Raff gestern in Köln die aus ARD-Sicht »kleinteiligen und kaum nachvollziehbaren Reglementierungen« im vorliegenden Entwurf der Ministerpräsidenten, zeigte sich aber optimistisch, »noch zu einer Einigung in strittigen Fragen zu gelangen«. Bekanntlich wollen die Ministerpräsidenten bis Ende Oktober darüber entscheiden, was die öffentlich-rechtlichen Sender künftig im Internet dürfen oder lieber lassen sollen. Einen entsprechenden Auftrag zur Präzisierung des Programmauftrags von ARD und ZDF hatte 2007 die zuständige EU-Kommission in Brüssel formuliert. Bis Mai 2009 haben sich die Länder-Chefs verpflichtet, eine gesetzliche Regelung vorzulegen. Strittig ist dabei zwischen Unions- und SPD-geführten Landesregierungen unter anderem, inwieweit »Unterhaltungsformate« im Internet angeboten werden.

Weit brisanter in der Sache war auf der zweitägigen Sitzung der ARD-Intendanten in Brüssel allerdings die Vertagung einer Entscheidung darüber, ob das Erste weiter wie bisher über die Tour de France berichtet. Augenscheinlich war ein diesbezüglicher Antrag im Kreis der Senderchefs (noch) nicht mehrheitsfähig, so dass der ARD-Vorsitzende und Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR), eine Entscheidung in den nächsten Wochen ankündigte. Die dürfte Ende November fallen. Überraschend an dieser Entwicklung sind weniger die objektiven Rahmenbedingungen um den mit anhaltenden Doping-Vorwürfen belasteten Radsport als die ARD-interne Kritik. Denn bislang stießen die umfänglichen Live-Übertragungen von der Tour de France vor allem bei der RBB-Intendantin Dagmar Reim und ihrer WDR-Kollegin Monika Piel auf wenig Gegenliebe.

Offensichtlich ist der Kreis der Befürworter eines weiteren Tour-Engagements, die auf das Bemühen der Tour-Verantwortlichen um einen »sauberen Sport« setzten und auch auf einen gewissen Preisverfall des Radsport-Gesamtpakets spekulierten, in der ARD-Chefetage kleiner geworden.

An Argumenten für einen Ausstieg mangelt es nicht. Entgegen den Beteuerungen der Veranstalter hatte die Tour de France auch in diesem Jahr Doping-Probleme, die durch das angekündigte Comeback von Lance Armstrong nicht kleiner werden dürften. Massiv verschlechtert hat sich zumindest hierzulande auch das Umfeld für den Profi-Radsport. Renn-Veranstalter beklagen Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Sponsoren. Nach dem Rückzug des Team Gerolsteiner fährt im kommenden Jahr mit Milram nur noch ein deutsches Team in der ersten Liga.

Deutlich abgenommen hat auch die Zuschauer-Resonanz. Die gerade beendete Deutschland Tour sahen im Schnitt nur noch gut 800 000 Zuschauer. Die Umstände machen es der ARD nicht eben leicht, die Live-Übertragungen fortzusetzen, zumal es in der Kommentierung der Ereignisse offensichtlich keine klare Linie gibt: Waren etwa bei der Tour de France kritische Töne nicht zu überhören, so war Doping bei den olympischen Straßen-Radrennen kaum ein Thema.

Unterm Strich dürfte die Hängepartie um die Tour vor allem Fritz Raff zu schaffen machen. Denn als Intendant des SR weiß er, dass sein Sender sich in der Vergangenheit vor allem bundesweit im Radsport zu profilieren suchte. Raff steht nun vor der Frage, ob er im Kreis der Kollegen doch noch eine Mehrheit für eine Fortsetzung des Radsport-Engagements organisieren kann oder die zweitkleinste ARD-Anstalt künftig auf einen anderen Schwerpunkt setzt, was beim sehr überschaubarem Budget nicht einfach fällt. Hinzu kommt, dass es im ARD-Sport insgesamt an tragfähigen Konzepten fehlt, wie journalistisch mit der komplexen Gemengelage umgegangen wird: Eine reine ereignisorientierte Berichterstattung, die auf Unterhaltung und Rekorde setzt, um hohe Einschaltquoten zu erzielen, ist nicht mehr auf der Höhe einer Zeit, in der wirtschaftliche und politische Interessen im Sport immer größeres Gewicht erhalten. Hier bleibt auch abzuwarten, welche Akzente der künftige ARD-Sportkoordinator und derzeitige NDR-Sportchef Axel Balkausky setzt.

Mit der Olympia-Berichterstattung, die sein Haus für die ARD koordinierte, zeigte sich Balkausky sehr zufrieden, was in der ARD nicht alle so sahen. Denn augenscheinlich waren nicht nur manche Reporter überfordert, gerade weil Doping im Schwimmen (auch aufgrund der indiskutablen Einlassungen der »Expertin« Franziska von Almsick: »Über Doping rede ich nicht«) oder im Radsport kein Thema waren. Andererseits war klar, dass die ARD-Intendanten ihren künftigen Programmdirektor Volker Herres, der am 1. November die Nachfolge von Günter Struve antritt, desavouiert hätten, wenn sie seinem Personalwunsch nicht entsprochen hätten.

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