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Niemand wird für uns kämpfen

Fidel Castro über Menschenrechte, Pressefreiheit und die US-Außenpolitik

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In mehr als 100 Stunden interviewte Ignacio Ramonet den »Máximo Líder« Fidel Castro. Zum ersten Mal erzählt hier der am längsten amtierende Staatsmann der Geschichte und der erste sozialistische Regierungschef der westlichen Hemisphäre in einem autorisierten Buch von seinen politischen wie privaten Visionen. Im Februar 2008 legte der kubanische Staats- und Parteichef seine Spitzenämter endgültig nieder. Jetzt erscheinen seine Memoiren – in Gesprächsform – erstmals auf Deutsch und geben einen umfassenden Einblick in das Denken dieses einzigartigen Politkers. Wir drucken auf den folgenden zwei Seiten exklusiv Auszüge aus dem Kapitel »Kuba heute«.
Herr Castro, stimmt es, dass neunzig Prozent der Länder der UNO die Klage Kubas gegen die Wirtschaftsblockade unterstützen?
Castro: Ja. Einige wenige enthalten sich, und nur drei unterstützen die Vereinigten Staaten: die Marshallinseln ... , die ein Protektorat der Yankees waren, Palau, eine weitere kleine Insel in der gleichen Situation, und Israel, das leider der ruhmlosen Rolle des Kompagnons der Vereinigten Staaten verfallen ist und das die Blockade gegen Kuba unterstützt, gegen die Auffassung der immensen Mehrheit der Länder der Welt. Die wenigen, die sich der Stimme enthalten, tun das nicht, weil sie mit der Blockade einverstanden sind, sondern wegen der Probleme, die sie sonst mit den USA bekommen würden.

Man muss die zahlreichen Ländern bewundern, die einen Kredit beim Internationalen Währungsfonds oder bei der Weltbank oder sonstige wirtschaftliche Bedürfnisse haben und die von den Vereinigten Staaten abhängig sind und doch gegen die Blockade votieren. Die Abstimmung ist nicht geheim, sondern öffentlich; wenn alle Abstimmungen bei den Vereinten Nationen nicht geheim wären, wenn die Abstimmungen in Genf geheim wären, sie würden keine – zu diesem Thema – gewinnen ...

Der Vorwurf, der Kuba am häufigsten gemacht wird, ist, politische Oppositionelle ins Gefängnis zu stecken.
Wer war es, der Tausende und Abertausende von Konterrevolutionären freigelassen hat, bevor sie ihre Strafe abgesessen hatten? Die Regierung Kubas. Es war nicht die Regierung der Vereinigten Staaten. Die Vereinigten Staaten haben jede Festnahme, die in Übereinstimmung mit unseren Gesetzen erfolgt ist, für ihre Propagandafeldzüge missbraucht.

Sie in Europa haben für politische Delikte sehr strikte, viel härtere Gesetze als unsere. In England waren die Gefängnisse voll mit gefangenen Iren, die politische oder patriotische Motive hatten ... Die Spanier wenden sehr harte Gesetze gegen die baskischen Gefangenen an, die dort aus politischen Gründen kämpfen. Die italienische Regierung hat noch immer Mitglieder der Roten Brigaden in Gefangenschaft, die vor mehr als dreißig Jahren aktiv waren. Wir wissen, wie hart die deutsche Regierung gegen die Baader-Meinhof-Gruppe vorgegangen ist; fast alle starben im Gefängnis. In Frankreich gibt es seit Jahrzehnten korsische Gefangene, die aus politischen Gründen kämpfen.

Und warum lassen die Vereinigten Staaten die Puerto Ricaner nicht frei, die für die Unabhängigkeit von Puerto Rico kämpfen? Warum lassen sie den Journalisten Mumia Abu-Jamal nicht frei, der seit mehr als dreiundzwanzig Jahren im Gefängnis sitzt? Warum befreien sie den Anführer der indigenen Völker Leonard Peltier nicht, der sich seit mehr als fünfundzwanzig Jahren in Haft befindet?

Ich habe Ihnen bereits erzählt, dass wir nach der Invasion in der Schweinebucht 1200 Gefangene auf einen Schlag freigelassen haben.

Irritieren Sie die ständigen Vorwürfe der Menschenrechtsverletzung, die regelmäßig gegen Kuba vorgebracht werden, besonders?
Ich glaube, dass es kein Land auf der Welt gibt, das eine sauberere Geschichte in Bezug auf die Menschenrechte hat als Kuba. Was die Revolution für die Bevölkerung erreicht hat, können wir in Zahlen ausdrücken, die kein anderer Staat aufzuweisen hat. In diesen sechsundvierzig Jahren haben wir das Leben von mindestens 450 000 Kindern gerettet, die ohne die Fortschritte, welche die Revolution mit sich gebracht hat, gestorben wären. Die Lebenserwartung liegt im heutigen Kuba achtzehn Jahre über dem Durchschnitt, den sie vor dem Triumpf der Revolution von 1959 hatte.

Wir haben die Möglichkeit zur Alphabetisierung geschaffen, und alle Kinder können zur Schule gehen, alle Erwachsenen studieren. Auf dem Gebiet der Bildung und des Gesundheitswesens gibt es kein Land in der Dritten Welt und sogar in der entwickelten kapitalistischen Welt, das erreicht hat, was wir – für das Wohlbefinden der Bevölkerung – auf diesem Gebiet vorweisen können ... Und ich will nicht zu sehr ausschweifen, was die Hilfe für zahlreiche Länder der Dritten Welt betrifft. Es gibt kubanische Ärzte, die in mehr als vierzig Ländern der Welt arbeiten und Tausende von Leben gerettet haben. Wir leisteten kostenlose medizinische Hilfe im Fall von Tausenden von Kindern aus Tschernobyl, die kein anderes Land aufgenommen hat. Ich glaube, dass es keinen Ort auf dieser Welt gibt, wo die Großherzigkeit für die Menschen so ausgeprägt ist wie in Kuba. Und das ist das Land, das man wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilen will? Nur mit Lügen und Verleumdungen kann man solche zutiefst unehrlichen Anschuldigungen erfinden.

Ich denke nicht, dass Kuba aufgrund seiner Gesundheitspolitik kritisiert wird, das ist vielleicht, im Gegenteil, etwas, was man schätzt. Obwohl ich glaube, dass die Zahlen kaum bekannt sind und ebenso wenig das, was Sie von der Hilfe für die Dritte Welt sagen. Können Sie da Zahlen nennen?
Was die Gesundheitspolitik angeht, hat Kuba eine Kindersterblichkeitsrate von weniger als sechs pro Tausend Lebendgeborenen im ersten Lebensjahr zu verzeichnen, damit liegen wir leicht hinter Kanada. Wir sind auf dem Weg, diese in einer nicht allzu fernen Zukunft auf fünf und später sogar auf vier zu reduzieren, womit wir den ersten Platz auf dem Kontinent einnehmen würden. Gleichzeitig werden wir die Hälfte der Zeit benötigen, die Schweden und Japan gebraucht haben, um die durchschnittliche Lebenserwartung von siebzig auf achtzig Jahre zu steigern; zur Zeit liegt sie bei 77,5 Jahren. Das Gesundheitswesen hat die Lebenserwartung um fast achtzehn Jahre gesteigert, ausgehend von sechzig beim Triumph der Revolution im Jahr 1959.

Unsere Bevölkerung hat heute mindestens fünfzehnmal so viele Ärzte, wie damals, 1959, im Land geblieben sind, und sie sind viel besser übers Land verteilt. Weitere Zehntausende befinden sich im Ausland und leisten solidarische Dienste. Kuba hat mehr als 70 000 Ärzte. Es gibt in diesem Augenblick – ich kann Ihnen die genaue Zahl nennen – 25 000 Medizinstudenten. ... Wir kämpfen darum, das beste medizinische Kapital der Welt zu schaffen. Nicht nur für uns, sondern für die Völker Lateinamerikas und andere Völker dieser Welt. Wir werden Zehntausende lateinamerikanische Studierende an unseren Medizinschulen haben. Kuba soll in den nächsten zehn Jahren etwa 100 000 lateinamerikanische und karibische Ärzte unter den Prinzipien von ALBA (Alternativa Bolivariana para las Américas – Bolivarische Alternative für Amerika) ausbilden, einem Vertrag, den Kuba und Venezuela unterzeichnet haben, und wir werden diese Zahl auf unserem entschlossenen Weg zur Integration unserer Völker erreichen ...

Sie haben auch die Operation »Milagro« begonnen.
Ja. ... Eine ungeheure Aufgabe, die es in dieser Form noch nie gegeben hat, um nicht weniger als sechs Millionen Lateinamerikanern und Bewohnern der karibischen Länder ihr Augenlicht zu erhalten oder zurückzugeben. Wir haben in Venezuela begonnen und dann beschlossen, die Operation »Milagro« auf die Karibik auszuweiten. Im September 2005 belief sich die Anzahl der Karibikbewohner, die bei uns operiert wurden, auf 4212 und die der Venezolaner auf 79 450 Personen – eine Zahl, die täglich steigt.

Man hat den Eindruck, dass es, obwohl es hier exzellente Journalisten gibt, sehr wenig kritische Information gibt über das, was in Kuba passiert. Was ist Ihre Meinung?
Sehen Sie, ehrlich gesagt, unsere Zeitungen sind nicht in den Händen von Feinden der Revolution, nicht in den Händen von Agenten der Vereinigten Staaten. Sie liegen in der Hand von Revolutionären. Unsere Presse ist revolutionär, unsere Journalisten im Radio, im Fernsehen sind Revolutionäre. Wir haben viele Zeitungen, jede Organisation hat ihr Presseorgan: die Arbeiter, die Jugend, die Partei, die Bauern, die Streitkräfte. Es gibt Dutzende von Zeitungen, und alle sind revolutionäre.

Den Eindruck, den man beim Lesen bekommt, beim Radiohören oder beim Ansehen der Nachrichtensendung im Fernsehen, ist, dass es nur Erfolge gibt, Siege, dass es keine Probleme gibt, dass niemand unzufrieden ist. Das erscheint ein wenig seltsam, denn ich kann mir vorstellen, dass es sogar in der Partei Debatten, Diskrepanzen und Diskussionen gibt, die kritischer sind.
... Wir wissen, dass es Missstände gibt, aber wir möchten eine verantwortungsvolle Kritik. Trotz der möglichen Folgen, denn alles ist besser als das Fehlen von Kritik. Es ist klar, dass man höchst verantwortlich mit den Themen umgehen muss und dem Feind keine sensiblen Informationen anbieten darf, die ihm für seine Pläne, unsere Revolution zu zerstören, nützlich sein könnten. Darin liegt das Schwierige der Aufgabe eines Revolutionärs.

Könnte diese verantwortungsvolle Kritik sogar zur Autorisierung der Pressefreiheit führen, die viele einfordern?
Wenn Sie unter Pressefreiheit das Recht der Konterrevolutionäre und Feinde Kubas verstehen, frei gegen den Sozialismus und gegen die Revolution zu schreiben und zu sprechen, zu verleumden, zu lügen und damit konditionierte Reflexe zu schaffen, dann würde ich sagen, dass wir nicht für diese »Freiheit« sind ...

Sind Sie mit dem kritischen Niveau der Informationen hier im Land zufrieden?
Sie sprachen von einem kritischen Geist, und ich frage mich: Wo ist der kritische Geist in der Presse von so vielen Ländern, die den Anspruch haben, demokratischer zu sein als wir? Wo ist der kritische Geist der Journalisten und all der Fernsehsender in den Vereinigten Staaten, die wie richtige Propagandasprecher den Krieg des Präsidenten Bush gegen den Irak unterstützt haben?

Die Wahrheit, die Ethik, die das erste Recht oder Attribut des Menschen sein sollten, finden in jenen Medien immer weniger Raum. Die Pressemeldungen, das Radio, das Fernsehen, die Mobiltelefone und die Internetseiten laden pausenlos, in jeder Minute, eine Fülle von Informationen ab. Es ist nicht leicht, für einen Bürger, dem Lauf der Geschehnisse zu folgen. Die menschliche Intelligenz kann sich in dieser Flut von Nachrichten kaum noch orientieren.

Jenen Informationsorganen, die behaupten, frei und kritisch zu sein, aber von der Werbung abhängig sind und ihre Anzeigenauftraggeber nie kritisieren, sage ich: Warum gibt das politische und soziale System, das sie verteidigen, solch horrende Summen für Werbung aus? Was könnte man mit diesen Milliarden Dollar, die für Werbung verschwendet werden, nicht alles tun? Sie haben hier ein Land vor sich, in dessen Bruttosozialprodukt nicht ein Centavo Unterstützung für Werbung enthalten ist, weder in den Zeitungen noch im Fernsehen, noch im Radio. Kuba gibt keinen Centavo für kommerzielle Werbung aus.

Welche Rolle haben diese Massenmedien, leider, vor allem in den Vereinigten Staaten, aber auch in vielen anderen Ländern der Welt gespielt? Ich greife sie nicht an. Diejenigen, die so gut wie Sie wissen, welche Auswirkungen die Massenmedien auf den Geist des Menschen haben, werden verstehen, dass wir die Medien hier nutzen, um zu lehren, zu bilden und um Werte zu schaffen. Ich bin aufgrund gelebter Erfahrung zutiefst überzeugt, dass Werte gesät werden können – in die Seele der Menschen, in die Intelligenz und in das Herz des menschlichen Wesens.

Wir reden nicht scheinheilig über die »Freiheit« in der europäischen Presse. Wir träumen von einer anderen Pressefreiheit, in einem gebildeten und informierten Land. In einem Land, das über eine umfassende Allgemeinbildung verfügt und mit der Welt kommunizieren kann. Denn diejenigen, die das freie Denken fürchten, bilden ihre Völker nicht, unterstützen sie nicht, bemühen sich nicht darum, dass sie ein Maximum an Kultur aufnehmen, an tiefen historischen und politischen Kenntnissen, und dass sie die Dinge wegen ihres Wertes an sich schätzen und mit ihren eigenen Köpfen schlussfolgern können. Um die Dinge aus dem eigenen Kopf zu holen, muss man das nötige Urteilsvermögen besitzen.

Als die Massenmedien aufkamen, haben sie sich des Geistes bemächtigt, und sie steuern nicht nur Lügen, sondern auch konditionierte Reflexe. Eine Lüge ist nicht das Gleiche wie ein konditionierter Reflex. Die Lüge beeinträchtigt das Wissen, der konditionierte Reflex beeinträchtigt die Fähigkeit, zu denken. Und es ist nicht das Gleiche, ob man desinformiert ist oder ob man die Fähigkeit, zu denken, verloren hat, weil die Reflexe deinen Verstand dominieren: »Der Sozialismus ist schlecht, der Sozialismus ist schlecht, er nimmt dir das Sorgerecht, er nimmt dir das Haus, er nimmt dir die Frau.« Und alle Unwissenden, alle Analphabeten, alle Armen und Ausgebeuteten wiederholen: »Der Sozialismus ist schlecht, der Sozialismus ist schlecht.« So bringt man den Papageien das Sprechen, den Bären das Tanzen und den Löwen eine respektvolle Verbeugung bei.

Sie lehren die Massen nicht Lesen und Schreiben, sie geben eine Milliarde jährlich für Werbung aus, um einen Großteil der Menschen zum Besten zu halten, menschliche Wesen in Personen zu verwandeln, die, so scheint es, nicht mehr denken können. Man lässt sie Produkte konsumieren, die immer das Gleiche sind, mit zehn verschiedenen Marken ... Einfach nur, weil sie es ihm hundertmal gesagt haben und es mit einem hübschen Bild verbanden, und so säten sie und schliffen ihr Gehirn ...

Werden Sie in Ländern, die zwanzig oder dreißig Prozent völlige Analphabeten und fünfzig Prozent funktionelle Analphabeten haben, von »Meinungsfreiheit « sprechen? ... Wir besitzen und nutzen die Medien, um die Kenntnisse unserer Bürger weiterzuentwickeln. Diese Instrumente besitzen eine Rolle innerhalb der Revolution, sie haben Bewusstsein geschaffen, Konzepte, Werte, und das, obwohl wir sie nicht optimal genutzt haben. Wir wissen aber, wozu sie in der Lage sind und was die Gesellschaft im Hinblick auf Wissen, Kultur, Lebensqualität und Frieden mit dem sozialen Gebrauch dieser Medien erreichen kann. Wir werden das Märchen nicht glauben, dass die westlichen Medien dazu bestimmt sind, Werte wie Solidarität, Gefühle von Brüderlichkeit und den Geist der Gerechtigkeit zu schaffen. Sie stellen die Werte eines Systems heraus, das von Natur aus egoistisch und individualistisch ist. Je gebildeter eine Person ist, desto eher wird sie verstehen, dass die immer komplexeren Probleme dieser Welt sich nicht über irrationale und entfremdete Gesellschaftsformen lösen lassen.

Hat Kuba die Attentate vom 11. September 2001 verurteilt?
Wir haben das Verbrechen vom 11. September ohne zu zögern verurteilt. Und wir haben unsere Verurteilung jeder Form und Manifestation des Terrorismus wiederholt.

Die Regierung der Vereinigten Staaten hat Kuba zynischerweise auf eine Liste der Länder gesetzt, die »den Terrorismus fördern«, aber Kuba würde niemals zulassen, dass sein Territorium für die Vorbereitung terroristischer Aktionen gegen das Volk der Vereinigten Staaten oder gegen irgendein anderes Land missbraucht wird. Und wir verurteilen auch den Staatsterrorismus.

Würden Sie der Ansicht zustimmen, dass der Terrorismus zur Zeit die größte Gefahr in der Welt darstellt?
Ich bin damit einverstanden, zu sagen, dass der Terrorismus heutzutage eine große Gefahr bedeutet. Aber ich denke ebenso, dass die Menschheit vor anderen Bedrohungen von gleicher oder sogar größerer Schwere steht: die beschleunigte Zerstörung der Umwelt und die Bedingungen für das Überleben der eigenen Spezies, die Ausweitung der Armut, Krankheiten, die nicht geheilt werden, der Hunger von unzähligen Millionen Menschen auf dieser Welt. Es gibt neben dem Terrorismus in unserer Welt von heute eine Menge anderer ernsthafter Probleme. Alldem müsste man die hegemonialen Bestrebungen der weltweit einzigen Supermacht hinzufügen, die den Besitz des ganzen Planeten anstrebt und arrogante Herrschaftspolitik betreibt ...

Macht Sie die Haltung von Präsident Bush besorgt?
Sehen Sie, wir leben in schwierigen Zeiten. Wir haben vor einiger Zeit Worte gehört, die Gänsehaut verursachen. In der Rede, die der Präsident der Vereinigten Staaten im Juni 2002 in West Point hielt, erklärte er den Soldaten wörtlich – ich zitiere: »Unsere Sicherheit erfordert einen Umbau dieser Armee, die von Ihnen geführt wird, in eine Armee, die bereit ist, in jedem dunklen Winkel dieser Erde auf der Stelle anzugreifen.« ... Monate danach, sich auf die Militäraktion gegen den Irak beziehend, bestätigte er: »Wenn Sie uns zwingen, Krieg zu führen, dann werden wir mit der geballten Macht unserer Streitkräfte kämpfen.« Das erklärte nicht der Regierungschef eines kleinen Staates; es war der Chef der größten militärischen Macht, die jemals existiert hat, die Tausende von Atomwaffen besitzt, genug, um die gesamte Weltbevölkerung mehrfach zu vernichten, und eine Menge anderer furchterregender konventioneller und Massenvernichtungswaffen.

Laut Präsident Bush sind wir das: »dunkle Winkel der Erde«. So sehen einige die Länder der Dritten Welt. Noch nie hat uns jemand so bezeichnet, und schon gar nicht mit einer solchen Geringschätzung. Ehemalige Kolonien, die von den Großmächten untereinander aufgeteilt und jahrhundertelang ausgebeutet wurden, stellen heute in ihrer Gesamtheit die unterentwickelten Länder dar. Für keines dieser Länder gibt es wirkliche Unabhängigkeit, gerechte und gleichberechtigte Behandlung oder irgendeine nationale Sicherheit; keines dieser Länder ist ständiges Mitglied im Sicherheitsrat; keines hat das Recht auf Veto oder kann etwas entscheiden in den internationalen Finanzorganen ...

Im Sicherheitsrat haben die Vereinigten Staaten bekräftigt, dass sie sich das Recht vorbehalten, nach eigenem Gutdünken in Zukunft andere Nationen anzugreifen. Unter Verletzung des Geistes und der Charta der Vereinten Nationen spricht man jetzt von »Präventivkrieg«.

Die Vereinten Nationen konnten den Krieg gegen den Irak nicht verhindern. Denken Sie, dass die UNO reformiert werden muss?
Ja, und zwar dringend. Man muss ohne weitere Verzögerung eine wirkliche Reform angehen und vor allem einen tiefgreifenden Prozess der Demokratisierung der Vereinten Nationen. Die Situation ist bereits untragbar. Einer der Beweise für diese Notwendigkeit war die beschämende Unfähigkeit des Sicherheitsrates, den Krieg gegen den Irak zu verhindern. Ich denke, dass sich die Zukunft der Vereinten Nationen in der Lösung der internationalen Krise, die durch den Irakkrieg verursacht wurde, entscheiden wird ... Ich denke, dass die Rolle der Vereinten Nationen heute, über fünfzig Jahre nach ihrer Gründung, völlig belanglos ist oder zumindest auf dem besten Weg, es zu werden. Aber es gibt einige, die das mit Besorgnis sagen, denn wir wollen die Organisation stärken. Andere äußern es mit geheimer Befriedigung und hoffen darauf, der Welt ihren Willen aufzuzwingen. Ich sage es offen: Welche Rolle spielt heute die Vollversammlung der Vereinten Nationen? Fast gar keine, und das ist die Wahrheit. Sie ist gerade mal ein Forum für Debatten, ohne jeglichen Einfluss und praktischen Nutzen ... Warum glauben einige, über das Recht zu verfügen, einen unilateralen Krieg zu führen, wenn die Charta der Vereinten Nationen erklärt, dass die Streitkräfte nur »im Dienste gemeinschaftlicher Interessen« eingesetzt werden und für die Bewahrung des Friedens »kollektive Maßnahmen« angewendet würden? Warum spricht man gar nicht mehr darüber, Konflikte mit friedlichen Mitteln zu lösen?

Im Rahmen ihres »weltweiten Krieges gegen den Terrorismus« hat die Regierung Präsident Bushs die Marinebasis Guantánamo in Kuba als Hochsicherheitsgefängnis für ihre »Kriegsgefangenen« genutzt. Welche Gedanken löst das bei Ihnen aus?
Es ist bereits mehr als ein Jahrhundert vergangen, und die Vereinigten Staaten halten dieses Stückchen kubanisches Territorium noch immer gewaltsam besetzt, heute ein Schandfleck und ein Schrecken in aller Welt, seit die Nachricht verbreitet wurde, dass es, seit Januar 2002, in ein Folterzentrum verwandelt wurde, wo Hunderte von Menschen festgehalten werden, eingesammelt an beliebigen Orten der Welt. Die Vereinigten Staaten bringen die Gefangenen nicht in ihr eigenes Land, weil dort einige Gesetze existieren könnten, die ihnen Schwierigkeiten machen würden, um illegal, gewaltsam – für viele Jahre entführt –, ohne irgendeine Instanz, ohne irgendein Gesetz, ohne irgendein Verfahren jene Männer festzuhalten, die außerdem, zur Bestürzung des Planeten, sadistischen und brutalen Foltermethoden unterworfen wurden.

Davon erfährt die Welt, als dort, in einem Gefängnis im Irak, in Abu Ghraib, Hunderte von Gefangenen des Landes, das mit der ganzen Macht eines kolossalen Imperiums angegriffen wurde, gefoltert wurden und Tausende irakischer Zivilisten ihr Leben verloren haben. In Guantánamo werden etwa 500 irakische Männer festgehalten – von Jugendlichen bis hin zu alten Männern – , mit einer absoluten und totalen Verachtung, die niemand niemals gezwungen sein sollte zu ertragen. Sie wurden jeglichen Schutzes durch internationales Recht beraubt und unter brutalen, unmenschlichen und entwürdigenden Bedingungen eingesperrt. Jeden Tag entdeckt man neue Dinge. Kürzlich wurde bekannt, dass die Vereinigten Staaten geheime Gefängnisse in den Satellitenstaaten Osteuropas unterhalten. Das sind diejenigen, die in Genf gegen Kuba votieren und es wegen der Verletzung von Menschenrechten anklagen. In diese geheimen Gefängnisse schicken sie Entführte unter dem Vorwand der Bekämpfung des Terrorismus. Jetzt gibt es nicht nur in Abu Ghraib und nicht nur in Guantánamo, sondern in jeder Ecke der Welt ein geheimes Gefängnis, wo die »Verteidiger der Menschenrechte « ihre Gefangenen foltern ...

Sogar ranghohe US-amerikanische Offiziere erkennen mittlerweile, dass dieser Krieg verloren ist und sie sich zurückziehen sollten. Das wäre für die Vereinigten Staaten von Nutzen, deren junge Leute dort in einem ungerechten und ruhmlosen Krieg mit beschämenden und unmoralischen Handlungen wie Folter sterben; und es wäre von Nutzen für den Irak, dessen Bevölkerung eine neue Etappe in seiner Geschichte beginnen könnte; es wäre von Nutzen für die Vereinten Nationen, die auch ein Opfer dieses Krieges geworden sind; es wäre von Nutzen für all unsere Länder, die unter der weltweiten Wirtschaftsrezession leiden und unter der wachsenden Unsicherheit, die uns alle bedroht.

Befürchten Sie, dass es zu einem Angriff oder einem »präventiven Krieg« gegen Kuba kommen könnte?
Wenn Bush sich für eine Invasion in Kuba entscheiden würde, gäbe es einen schrecklichen Krieg. Sie müssten sich unserem gesamten organisierten und bewaffneten Volk und einem unendlichen Widerstand entgegenstellen. Uns würde diese Invasion teuer zu stehen kommen, aber um Kuba zu überfallen und die Besetzung des Landes aufrechtzuerhalten, würden sie – so kalkulieren wir – Millionen Soldaten benötigen. Im Irak haben Sie 150 000 Soldaten, und wie man sieht, kontrollieren sie damit recht wenig. Wenn Sie das Kräfteverhältnis unseres Kampfes gegen Batista analysieren – 80 000 Männer gegen 3000 – , werden Sie feststellen, dass ihnen mehr als fünfundzwanzigmal mehr Männer zur Verfügung standen. Deshalb sage ich, dass sie für die Invasion und Besetzung unserer Insel Millionen Soldaten benötigen würden, die sie nicht haben. Wir haben Mittel, um einem potenziellen Angreifer das Leben sehr schwer zu machen. Neben der regulären Armee und den Reservisten haben wir die Milizen der territorialen Truppen. Millionen Menschen, Männer und Frauen, die bereit sind, ohne Pause für die Verteidigung des Vaterlandes zu kämpfen. Wenn wir davon ausgehen, dass die US-amerikanische Armee zwei Soldaten für jeweils einen unserer Kämpfer benötigt, um dieses Land zu liquidieren, dann würden sie schon mehr oder weniger fünf Millionen Soldaten brauchen. Und sie würden große Verluste erleiden, das kann ich Ihnen versichern. Wir können Ihnen garantieren, dass hier alle Bedingungen gegeben sind, damit Kuba für sie zu einer Hölle, zu einer tödlichen Falle wird. Sie wissen das, denn sie würden Mann gegen Mann kämpfen müssen und nicht in Form mechanisierter Divisionen gegen mechanisierte Divisionen oder Luftwaffe gegen Luftwaffe oder Marine gegen Marine. In einem konventionellen Krieg hätten sie viele Vorteile. Aber in einem Widerstandskrieg, der vom gesamten Volk getragen wird, wo es weder eine Front noch eine Nachhut gibt, wäre ihre ganze Technologie nichts wert ... Jeder Mann und jede Frau in Kuba würden eher in den Tod gehen, als unter dem Stiefel der Vereinigten Staaten zu leben.

Würden Sie die Außenpolitik unter Präsident George W. Bush als »kriegerisch « oder »gefährlich« für die Welt und für Kuba einstufen?
Kuba war das erste Land, das sich nach den Attentaten vom 11. September 2001 mit dem Volk der Vereinigten Staaten solidarisierte, war auch das erste, das darauf hinwies, dass die Politik der extremen Rechten in den Vereinigten Staaten – die 2001 aufgrund eines Betruges an die Macht kam – die Welt bedrohte. Die Politik des Präsidenten Bush war keine Folge der terroristischen Anschläge gegen das Volk der Vereinigten Staaten, verübt von Mitgliedern einer fanatischen Organisation, die in der Vergangenheit US-Regierungen dienlich waren. Ich bin davon überzeugt, dass es sich um ein eiskalt ausgearbeitetes Konzept handelt, das die Aufrüstung und die kolossalen Ausgaben für Waffen erklärt, zu einem Zeitpunkt, wo es den Kalten Krieg nicht mehr gab und die Ereignisse vom 11. September noch in weiter Ferne lagen ...

Die US-Regierung hat Kuba in einigen Erklärungen angeklagt, biologische Waffen zu entwickeln. Was haben Sie ihnen geantwortet?
Diese Anschuldigungen sind umso zynischer und widerlicher, als wir selbst am eigenen Leib den Einsatz von Viren und Bakterien erfahren haben, um unsere Landwirtschaft und sogar unsere Bevölkerung anzugreifen. Ich versichere Ihnen, und ich übertreibe nicht, ich würde kein Fünkchen Scham besitzen, wenn ich Ihnen eine einzige Lüge erzählen würde. Wir wissen einige Dinge, und für fast alle haben wir Beweise, wenn wir über diese Probleme sprechen.

Unser Land besitzt weder Atomwaffen noch chemische Waffen oder biologische Waffen. Zehntausende von Wissenschaftlern und Ärzten in unserem Land wurden in dem Geist erzogen, Leben zu retten. Es stünde in völligem Widerspruch zu seiner Auffassung, einen Wissenschaftler oder einen Arzt mit der Herstellung oder Entwicklung von Substanzen, Bakterien oder Viren zu betrauen, die andere Menschen töten könnten ... In unserem Land forschen wir, um so schwere Krankheiten wie Meningokokken-Meningitis, Hepatitis zu heilen, über Impfungen, die wir mit gentechnologischen Maßnahmen entwickeln. Oder ebenso wichtig: die Suche nach Impfstoffen oder therapeutischen Formeln über Molekularimmunologie – entschuldigen Sie, dass ich diesen technischen Begriff verwendet habe, es geht dabei um Methoden, wodurch bösartige Zellen direkt angegriffen werden können – ; die einen können vorbeugen, die anderen können sogar heilen, und auf diese Weise kommen wir voran. Das ist der Stolz unserer Ärzte und unserer Forschungszentren. Zehntausende kubanischer Ärzte haben, wie ich schon sagte, an den entlegensten und unwirtlichsten Flecken der Erde internationalistische Dienste geleistet. Ich habe einmal gesagt, dass wir niemals präventive oder Überraschungsangriffe gegen »dunkle Winkel der Erde« durchführen könnten und würden, aber dass unser Land dagegen in der Lage ist, die nötigen Ärzte in die »dunkelsten Winkel der Erde« zu schicken. Ärzte – und keine Bomben; Ärzte – und keine intelligenten Waffen ...

Haben Sie Angst vor einem Attentat auf Ihr Leben?
Ein Mann mit dem unverdienten Vornamen Lincoln und dem Nachnamen Díaz-Balart, intimer Freund und Berater von Präsident Bush, hat 2003 in einem Fernsehsender in Miami, Bezug nehmend auf meine Person, die folgenden rätselhaften Worte geäußert: »Ich kann nicht in Details gehen, aber wir versuchen gerade, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.« Auf welche Methoden zur »Unterbrechung des Teufelskreises« bezieht er sich? Auf eine physische Eliminierung mit modernen, raffinierten Mitteln, die sie entwickelt haben, so wie Herr Bush es ihnen vor den Wahlen in Miami versprochen hat? Falls es das sein sollte, dann habe ich überhaupt keine Sorge. Obwohl ich denke, dass sie zu den Attentaten zurückkehren werden.

Es ist bekannt, dass sie Chávez ermorden wollen. Und sie glauben, dass sie, wenn sie mich noch dazu ermordeten, das Problem gelöst hätten. Die Ideen, für die ich mein Leben lang gekämpft habe, können nicht sterben, und sie werden lange Zeit leben ...

Auf jeden Fall stelle ich mir vor, dass die Kubaner im Fall einer Invasion Kubas mit der Solidarität Tausender Menschen in aller Welt rechnen können, die sich mobilisieren würden.

Die Kubanische Revolution kann auf viel Sympathie zählen. Viele haben ihre Solidarität mit uns ausgedrückt nach den Drohungen gegen uns, die von Präsident Bush geäußert wurden ...
Niemand jedoch wird für uns kämpfen. Nur wir selbst, mit Unterstützung der Völker der Dritten Welt und von Millionen Werktätigen und Intellektuellen aus den entwickelten Ländern – die auch auf ihre Völker die Katastrophe der neoliberalen Globalisierung herabfallen sehen – werden, indem wir Ideen säen, Bewusstsein schaffen, die öffentliche Meinung in aller Welt und innerhalb des nordamerikanischen Volkes mobilisieren, fähig sein, zu widerstehen.

Ignacio Ramonet, geboren 1943 in Spanien, war von 1991 bis 2008 Chefredakteur der französischen »Le Monde diplomatique«. Der Autor zahlreicher Publikationen ist Mitbegründer und Ehrenpräsident von Attac und einer der Organisatoren des Weltsozialforums. Foto: AFP

Fidel Castro – Mein Leben (mit Ignacio Ramonet), a. d. Spanischen von Barbara Köhler, mit Bildteilen. Rotbuch Verlag, geb., 790 S., 29,90 Euro.

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