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Erhält Wroclaw ein Vertriebenen-Zentrum?

Meckel-Vorschlag ruft gemischte Gefühle hervor Prof. Wojciech Wrzesinski setzt Fragezeichen

  • Von Julian Bartosz, Wroclaw
  • Lesedauer: 3 Min.
Der vor wenigen Tagen während einer Sitzung des deutsch-polnischen Arbeitskreises im Bundestag von dessen Vorsitzenden Markus Meckel (SPD) geäußerte Vorschlag, in Wroclaw ein »Forschungszentrum gegen Vertreibungen« ins Leben zu rufen, wurde hier mit gemischten Gefühlen aufgenommen.
Bisher war lediglich ein Vorschlag der CDU-Abgeordneten und Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, zur Gründung eines derartigen Zentrums in der deutschen Hauptstadt bekannt. Markus Meckel, der seine Idee in einer Diskussion über die Förderung deutschen Kulturerbes in ehemaligen deutschen Ostgebieten vortrug, äußerte in der Wroclawer Ausgabe der »Gazeta Wyborcza«, Breslau sei viel besser als Berlin für ein derartiges Projekt geeignet. In der Oder-Stadt, so der SPD-Politiker, seien zwei große Vertreibungswellen - die der Deutschen, die in den Westen mussten, und die der aus dem Osten zwangsevakuierten Polen - aufeinander gestoßen. Zugleich betonte er die »europäische Dimension« einer solchen Forschungsstelle, die sich nicht nur auf das deutsch-polnische Trauma beschränken solle, sondern etwa auch die Ereignisse in Bosnien oder nach dem II. Weltkrieg in Tschechien umfassen könne. Der Hinweis auf die Sudetendeutschen - durch den Streit um die so genannten Benes-Dekrete überaus aktuell - kompliziert den Meckel-Vorschlag zusätzlich. »Sollte dies eine politische Einrichtung werden, wäre ich entschieden dagegen«, kommentierte der Präsident des Polnischen Historikerverbandes, Prof. Dr. Wojciech Wrzesinski das Meckel-Projekt gegenüber ND. Der ehemalige Rektor der Universität Wroclaw, ein Kenner der deutsch-polnischen Beziehungen, sagte weiter: »Auch der wissenschaftliche Charakter eines solchen Zentrums stünde, zumindest zum gegebenen Zeitpunkt, unter einem großen Fragezeichen. Wer soll das machen? Wo sind die wissenschaftlich vorbereiteten Kader? Und was heißt überhaupt "Vertriebenenforschung"«? In diesem Zusammenhang hielt es Prof. Wrzesinski für notwendig, darauf hinzuweisen, dass die Aussiedlung der Deutschen, jener schmerzhafte Vorgang in den Nachkriegsjahren, auf die noch während des Krieges gefassten Bestimmungen der Antihitlerkoalition zurückgehe. »So war damals das internationale Recht«, betonte er. Zugleich frage er sich, ob mit dem deutschen Begriff »Vertreibung« z.B. auch die Zwangumsiedlung von hunderttausenden Polen 1939/40 aus dem so genannten Warthegau in das Generalgouvernement gemeint sei. »Die Idee Meckels sollte man an und für sich nicht sofort über Bord zu werfen«, so Prof. Wrzesinski. Wissenschaftliche Forschungen über massenhafte Zwangsevakuierungen im 20. Jahrhundert, begonnen mit der Armenierschicksal bis hin zu den ethnischen Säuberungen auf dem Balkan in den 90er Jahren, verdienten es, ernsthaft betrieben zu werden. Politische Motive sollten dabei keine Rolle spielen. Der Generalkonsul der Bundesrepublik in Wroclaw, Dr. Peter Ohr, zeigte sich von dem Vorschlag Meckels überrascht. Seinerseits wisse er, dass an der hiesigen Universität ein Willy-Brandt-Studienzentrum für deutsche und europäische Fragen aufgebaut werden soll, das sich mit Fragen der gemeinsamen deutsch-polnischen Zukunft in Europa - nicht mit der Vergangenheit - befassen soll. Die Sprecherin der Kreisauer-Kreis-Stiftung für Europäische Verständigung mit Sitz in Wroclaw, Ewa Carr de Avelon, legte in ihrem Kommentar zu dem Merkel-Projekt Wert darauf festzustellen, dass die für die polnische und deutsche Jugend gedachte Erziehungsarbeit der Stiftung ebenfalls auf die Zukunft gerichtet sei. Ohne das traurige Schicksal vieler Völker in der Vergangenheit zu verleugnen, soll mit dem Programm der Stiftung vor allem darauf hingearbeitet werden, junge Leute gegen den Nationalismus und Rassismus immun zu machen.

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