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Russische Meisterleistung

Das Kinofestival Le giornate del cinema muto, Pordenone

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

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Er suchte nach einem präzisen Notationssystem für seine Choreografien und erfand ganz nebenbei den Puppentrickfilm: die Stummfilmtage in Pordenone sind zu Ende, und die Filmgeschichte hat einen neuen Helden. Die Filme, die Alexander Shiryaev (1867-1941), Solotänzer, Ballettmeister, Tanzlehrer und Choreograf unter dem legendären Marius Petipa am St. Petersburger Mariinski-Theater, im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in seinem Sommerhaus drehte, nehmen technische und ästhetische Entwicklungen um Jahre vorweg, die die Filmgeschichte bisher ganz anderen Pionieren zuschrieb.

Nicht der Pole Ladislas Starevitch war es mithin, der mit »Die schöne Ljukanida« (1912) den allerersten Puppen-Animationsfilm drehte, und Wladimir Romaschkows »Stepan Razin«-Adaption von 1908 war auch mitnichten die erste russische Filmproduktion. Bereits ein rundes Jahrzehnt, bevor die Leitung der Imperialen Ballette auf Grund von Yacov Protazanovs erstem »offiziellen« russischen Ballettfilm »Musikal'nyi Moment« von 1913 beschloss, alle ihre Startänzer auf Film festzuhalten (ein Plan, der am Ausbruch des Ersten Weltkriegs scheiterte), hatte Shiryaev einen entsprechenden Vorschlag unterbreitet. Vergeblich: im Jahr 1904 war das Kino ein anrüchiges neues Medium, mit dem die etablierten Künste nichts zu tun haben wollten. Die Direktion lehnte ab, die individuelle künstlerische Umsetzung der Petipa-Choreografien ging der Nachwelt verloren.

Shiryaev machte trotzdem weiter. Stellte eine Bühne in den Garten seines Hauses und filmte sich, seine Frau, die Tänzerin Natalja Matwejewa, Freunde und Familie beim Tanzen, beim Leben und in kurzen Spielfilmen, in denen Puppen zu Menschen und Menschen zu Puppen werden, als Krokodil verkleidete Nachwuchs-Choreografen Kinder schrecken und zwei Männer im Elefantenkostüm unanständige Dinge mit Rüsseln tun. Für seine Spielfilme entwickelte Shiryaev eine rudimentäre Form der Parallelmontage zweier Handlungen, die zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten stattfinden, und verwendete Großaufnahmen, noch bevor die amerikanische Filmindustrie sie offiziell erfunden hatte. Sein Sohn Andrei, 1903 geboren, gehörte zu seinen liebsten Laiendarstellern: an seinem Alter lassen sich die Home Movies datieren. Und am gelegentlichen Auftreten berühmter Zeitgenossen wie in einer St. Petersburger Wintersequenz mit Eiskunstläufer Nikolai Panin, 1908 Russlands erster olympischer Goldmedaillengewinner. Shiryaev bastelte Pappmaché-Figuren mit Drahtgelenken und stellte Tanzsequenzen nach, die er auf heute leicht vergilbten Papierstreifen nachzeichnete. Baute einen Apparat, mit dem sich Papierstreifen projizieren ließen, und spulte verblüffend naturalistische Bewegungen ab, die tänzerische Erfindung akkurater nachvollziehbar machen als bloße Beschreibungen oder Standfotos es je könnten. Sein gezeichneter »Narrentanz«, Teil der zeitgenössischen Aufführungspraxis von Tschaikowskis »Nussknacker«, gehört, mit der passenden Musik unterlegt, zum Charmantesten, was der frühe Film zu bieten hat, und steht Winsor McCays genre-etablierendem »Gertie the Dinosaur« (1914) an Kunstfertigkeit nicht nach. Aber Shiryaev ging noch weiter, ließ die Puppen selbst tanzen, in einem umwerfend meisterhaften Film von 1909 Harlekin und Columbina Hochzeit feiern und im Tanz der Hindus aus »Die Bajadere« sieben animierte Figuren gleichzeitig auftreten: Tausende einzelner Einstellungen für einen Film von wenigen Minuten. Das Hin- und Herlaufen zwischen der Kamera und dem Modell eines Theaterprospekts, der als Kulisse diente, soll Spurrillen hinterlassen haben im Parkett seines Arbeitszimmers.

Nach Shiryaevs Tod verschwanden seine Filme, Kameras und Papierstreifen in Kartons auf dem Dachboden. In den frühen Sechzigern wären sie bei einer Aufräum-aktion beinahe auf dem Müll gelandet: kein Einzelfall in der von Zufällen geprägten Überlieferungsgeschichte des frühen Films. Stattdessen landeten sie bei einem ehemaligen Balletttänzer und Fotografen, der sie dreißig Jahre später an den Dokumentarfilmer Viktor Bocharow weiterreichte. Für ihre Umkopierung auf modernes Filmmaterial in handelsüblichen Breiten kam neben privaten Sponsoren wie der britischen Trickfilmfirma Aardman (»Wallace & Gromit«) und dem mehrfachen Trickfilm-Oscar-Preisträger Richard Williams (»Roger Rabbit«) der russische Staat auf: mit Geldern aus einem Fonds zur Feier von hundert Jahren russischem Kino. Ironie der Geschichte, dass damit nun ausgerechnet Filme restauriert werden, die den Beginn der russischen Filmgeschichte um etliche Jahre nach vorne verlegen.

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