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Geborstenes Ganzes

Die Galerie oko zeigt Ushio Shinoharas »Blutigen Oiran-Mord«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.
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Japanische Malerei ist nicht nur die ab dem 17. Jahrhundert populäre Kunst des Ukiyo-e: Bilder und Farbholzschnitte einer »fließenden« Welt. So stellt die Galerie oko derzeit Arbeiten eines inzwischen weithin bekannten Tokioter Avantgardisten aus. Ushio Shinohara, Jahrgang 1932, revoltierte schon als Student gegen die akademische, vom europäischen Impressionismus geprägte Ausbildung, begründete 1960 mit Gleichgesinnten den Neo-Dadaismus, setzte in seinen Kreationen, auch aus Armut, neben Bambus Wohlstandsmüll wie leere Büchsen, Kleidungsreste, Pflaster ein.

Bekannt wurde er durch das Boxing Painting: Weißer Leinwand, später bereits »fertigen« Werken boxt er nach dem Zufallsprinzip Farbflecken auf. Seit 1969 lebt Shinohara in New York. Eine Parade der Hell’s Angels auf schwerem Zweirad inspirierte ihn zu skurrilen Motorrad-Skulpturen, die einen Kult thematisieren und zu seinem zweiten Markenzeichen werden sollten. »Schnelligkeit, Schönheit und Rhythmus« lautet das Arbeitsmotto eines Künstlers, der auf die Reizüberflutung reagiert, dabei auch Mittel der Popkultur nicht scheut. In vielen Einzel- oder Gruppenausstellungen wurden seine Werke gezeigt; Museen von New York bis Prag kauften sie.

Einen Querschnitt durch Shinoharas OEuvre gibt nun die seit 2005 zeitgenössischer Kunst aus Japan verpflichtete Galerie oko. Dicht wie ein Fries hängen die sechs 2007 entstandenen Acryl-Bilder einer »Griechischen Fantasie«. Was dem Zyklus seinen Namen leiht, spiegelt sich auf Leinwänden von explosiver Farbigkeit allerdings nur fragmentiert: Gestalten oder Themen der Mythologie – der Pfeiltod des Achilles, die Bergung seines Herzens gen Himmel, eine den Minotauros tränkende Prinzessin, Säulen, Krieger, Frösche, Menschen so flach wie Theatermasken. Nichts ist historisierend, wie Sprengsel aus Videoclips fügen sich die Szenen in energetischer Ballung.

Gegen das Linienhafte dieses Frieses wirken die der Ausstellung ihren Titel gebenden Bilder um den »Blutigen Oiran-Mord« auf der anderen Raumseite, als seien sie Splitter eines geborstenen Ganzen. In neun Arbeiten unterschiedlichen Formats aus Schrägen und Spitzwinkeln greift Shinohara 2008 ein japanisches Sujet aus dem 19. Jahrhundert auf: den damals gern dargestellten Mord an Oirans, Kurtisanen der Oberklasse, oder von verliebten Freiern an ihren Rivalen. Was lüstern im grausigen Detail als Ukiyo-e überliefert ist, wird nun zur schrillen, grellen Gesamtkomposition aus knallfarbiger Leinwand und reliefartig aufgeklebten Holz- oder Kartonteilen. Da ersticht in einem Bus der Samurai wie zur Übung einen bedrohlichen Riesengecko, hebt ein gewaltiger Frosch seinen Arm dolchbewehrt gegen die Oiran.

Drei Miniatur-Motorräder, bizarr wie aus dem Comic-Strip, aus Plastik, Karton, Pigment, Stahl und Zutaten wie einer Hummerschere und einem Seeigel sind ebenso zu bestaunen wie Beispiele für Boxing Painting und Papiercollagen zu einer Serie um die Abenteuer des Roman-Prinzen Genji: all dies in Shinoharas gewollter Brechung der üblichen Ästhetik.

Bis 2.11., Di.-Fr. 14-19 Uhr, Sa. 11-18 Uhr, Galerie oko, Schröderstr. 12/I, Mitte, Telefon 30 87 55 77, ab 29.10. sind die Werke bei der Ausstellung »Berliner Liste« (Zimmer 9) zu sehen, Infos unter www.galerie-oko.de

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