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»Wie viel wollt ihr?!« »Acht Prozent!«

Die Warnstreikwelle der IG Metall rollt durch die gesamte Republik

Hunderttausende Metaller in zahlreichen Betrieben treten in dieser Woche vorübergehend in den Ausstand, um ihrer Forderung nach acht Prozent mehr Lohn Nachdruck zu verleihen. Bei Aktionen in Esslingen-Mettingen, Berlin und Wiesbaden waren Barbara Heinrich, Günter Frech und Hans-Gerd Öfinger für ND vor Ort.
Schweißanlagenbedienerin Sevgi Yazici bei den Protesten in Mettingen
Schweißanlagenbedienerin Sevgi Yazici bei den Protesten in Mettingen

Es ist kurz vor elf Uhr, der Platz vor dem Tor zum Daimler Werk in Esslingen-Mettingen bei Stuttgart ist schon gut gefüllt, doch noch nähern sich schlendernd Arbeiter in Blaumännern. Sie kommen aus dem Werk selbst und von der benachbarten Daimler-Niederlassung in Brühl. Rund 2500 Frauen und Männer haben sich am Dienstagvormittag vor dem Kundgebungswagen der IG Metall versammelt. Wie in allen Daimler-Standorten der Bundesrepublik sind sie gut drei Stunden vor Schichtende zum Warnstreik aufgerufen worden.

Vor dem Komma muss eine Sieben stehen
In Mettingen machen besonders die jungen Leute auf sich aufmerksam. Mit 250 Auszubildenden ist Yunus Sari aus der Lehrwerkstatt übers riesige Daimler-Gelände gezogen. Der stellvertretende Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung von Mettingen macht Stimmung: »Wer seid Ihr?« »Metaller!« brüllen die Jugendlichen zurück. »Was wollt Ihr?« »Mehr Kohle!« »Wie viel wollt Ihr?!« »Acht Prozent! Acht Prozent!« Im Gespräch mit ND wertet der 22-jährige Sari das jüngste Angebot der Arbeitgeber – 2,1 Prozent – als »reine Provokation«. Und die sei bewusst gemacht worden. »Die schauen jetzt, wie weit wir uns das gefallen lassen. Wenn am 11. November, bei der nächsten Verhandlung, kein akzeptables Angebot kommt, wird gestreikt.«

Der Autokonzern, der in diesem Jahr mit einem Gewinn von etwa sechs Milliarden Euro rechnet, hat wegen Absatzproblemen bereits vorübergehende Werksschließungen angekündigt. In dieser Situation wirtschaftlichen Druck zu erzeugen, dürfte schwierig werden. Sari: »Aber es geht auch um Solidarität mit anderen Betrieben, die tatsächlich Druck machen können.«

Dionisios Sidirokastritis dagegen hat Zweifel. Der 30 Jahre alte Maschinenbediener im Mettinger Werk befürchtet, »dass die Arbeitgeber sich freuen, wenn wir richtig streiken. Das würde denen doch gut reinpassen.« 2,1 Prozent seien zwar »lächerlich«, dennoch setzt er eher auf Verhandlungen.

Da müsste am Ende allerdings »eine Sieben vor dem Komma stehen« – jedenfalls wenn es nach Sevgi Yazici (24) geht. »Alles wird teurer, da muss bei uns langsam mal mehr ankommen«, findet die Schweißanlagenbedienerin. »Die Streikbereitschaft bei uns in Mettingen ist groß.« Schrill tönt es aus ihrer Trillerpfeife. Gerade erklärt der Mettinger Vertrauensmann Karl Reif per Mikrofon, dass an der Finanzkrise nicht Löhne Schuld seien, sondern ungebremste Gier von Finanzspekulanten und Managern.

In Berlin-Tempelhof haben sich am Montagfrüh kurz nach fünf Uhr etwa 300 Metaller vor dem Tor des Rasierklingenherstellers Gilette versammelt; die Nachtschicht kam früher raus und die Tagschicht ging später rein. Wie überall in der Republik gewinnt die Warnstreikwelle auch in der Hauptstadt an Fahrt. »Für Procter und Gamble ist Gillette die Gans, die Goldene Eier legt – wir wollen eins davon abhaben« ruft Michael Kutz, Vorsitzender der Vertrauensleute der IG Metall in dem Betrieb, seinen Kolleginnen und Kollegen zu.

Der Bürgersteig vor dem Werksgelände ist schmal und so zieht sich die Warnstreikversammlung flächenmäßig ziemlich in die Länge. Gerade beginnt der Berufsverkehr und etwa 20 Polizisten sichern die Fahrbahn ab. »Wir begrüßen unsere Kolleginnen und Kollegen von der Gewerkschaft der Polizei, die befinden sich mit dem Berliner Senat auch im Tarifkonflikt«, heizt Klaus Abel, der zweite Vorsitzende der Hauptstadtmetaller, die Stimmung an. Die Kollegen in Grün winken und die Streikenden pfeifen sich mit den inzwischen obligatorischen Trillerpfeifen warm.

Bei Gillette ist es nicht nur das mickrige Angebot der Arbeitgeber, das die Leute vors Tor treibt. Auffallend viele Schilder mit der »35« – dem Symbol der 35-Stundenwoche – sind zu sehen, und selbstgemalte Schilder wie dieses: »Ein Sonntag im Bett ist gemütlich und nett – aber nicht bei Gillette.«

Drastische Absage an Leiharbeit
Betriebsratschefin Jutta Schneider erklärt warum: Auf Weisung der Konzernmanager aus Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio sollen die örtlichen »Handlager« die derzeitige Umsatzrendite von 12 Prozent weiter nach oben schrauben. Dazu soll die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich auf 40 Stunden erhöht und an 48 Sonntagen im Jahr gearbeitet werden, und neben der Stammbelegschaft von 1200 Beschäftigten sollen auf Dauer 10 Prozent Leiharbeiter ins Werk einziehen. »Dazu sagen wir dreimal Nein«, bekräftigt Schneider. Besonders drastische Worte findet sie für die Leiharbeit: »Die muss geächtet werden!« Das ohrenbetäubende Trillerpfeifenkonzert lässt ahnen, wie sauer die Leute sind.

Dann sagt Schneider etwas, was wohl jeder Beschäftigte insgeheim sowieso denkt: »Wir wissen selber, wie man gut arbeitet und wir wissen auch, wie die Arbeit am vernünftigsten organisiert werden muss – die da oben am Schreibtisch wissen das nicht! Dem muss Arno Hager, Chef der Berliner IG Metall, nur noch das i-Tüpfelchen aufsetzen: »Das Gerede von den gieringen Bankern ägert mich. Es gibt viel zu viele gierige Manager. Und ihr habt es mit einem von den USA aus gesteuerten Erpresserregime zu tun!« Wohlgemerkt: Gillette ist ein kerngesundes Unternehmen.

Dass in der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise auch Betriebe mit schwieriger Auftragslage streikfähig sind, bewies am Montag die Belegschaft des gut organisierten und streikerfahrenen Wiesbadener Automobilzulieferers Federal Mogul. Mit Beginn der Frühstückspause um 9 Uhr legten rund 800 Arbeiter der Früh- und Normalschicht befristet die Arbeit nieder und versammelten sich vor dem Werkstor zur Kundgebung der IG Metall. »Für die Arbeitgeber ist nie der richtige Zeitpunkt für eine ordentliche Lohnerhöhung«, bringt es dort IG Metall-Sekretär Michael Erhardt auf den Punkt und unterstreicht die Bedeutung der Nachfrage für die Konjunktur. Er rechnet vor, dass eine volle Durchsetzung der Lohnforderung von acht Prozent die gesamte Metall- und Elektroindustrie über ein Jahr bescheidene 14 Milliarden Euro kosten würde, während die Bundesregierung einen Risikoschirm von 480 Milliarden über den Banken aufgeklappt habe: »Wo ist da die Dimension?«

Keine Rücksicht auf Milliardäre
Der hochspezialisierte Betrieb, in dem der heutige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking vor 20 Jahren Geschäftsführer war, liefert Gleitlager und Buchsen für die Autoindustrie und spürt jetzt hautnah die Überproduktionskrise der Branche. Gleichwohl zeigt sich der Betriebsratsvorsitzende Alfred Matejka selbstbewusst: »Ohne unsere Produkte würde kein Auto laufen.« Nach langen Jahren der Umverteilung von unten nach oben gehe es nun darum, diesen Trend zu stoppen und »zurückzuholen, was uns zusteht und was wir brauchen« und dabei »keine Rücksicht auf die Milliardäre« zu nehmen. »Lieber uns acht Prozent zahlen als sie an der Börse zu verspekulieren«, fordert Matejka unter dem Beifall der Belegschaft. Im Gegensatz zum »verbrecherischen Handeln von Zockern«, die mit Beträgen ohne Gegenwert jonglierten, »verdienen wir auf ehrliche Art und Weise unter Geld«, macht sich der Metaller Luft. Wenn die Arbeitgeber die Verhandlungen jetzt auf die lange Bank schieben wollten, helfe nur ein rascher Erzwingungsstreik, um letzten Endes möglichst nahe an die Forderung von acht Prozent heranzukommen.

Auch Christiane Benner von der Vorstandsverwaltung der IG Metall sieht die Metall-Arbeitgeber mit verantwortlich für die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise. Denn sie hätten in den letzten Jahren mit riesigen Renditevorgaben die Blase mit aufgebläht und die Gewinne auf Kosten der Beschäftigten weiter gesteigert.

Der Warnstreik in Wiesbaden war nur eine von vielen Dutzend Aktionen der IG Metall allein im Bezirk Frankfurt, der die Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Thüringen umfasst. In einem ersten Schub hatten hier über 16 000 Beschäftigte für die Lohnforderung befristet die Arbeit niedergelegt.

In Mettingen stimmt IG Metall-Vertrauensmann Karl Reif am Dienstag seine Leute auf einen Arbeitskampf ein: »Die Vorbereitungen für die Urabstimmung nächste Woche laufen auf Hochtouren. Wenn den Herren da oben unsere Arbeit so wenig wert ist, dann bekommen sie sie nicht.«

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