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Etwas wie Magie

José Eduardo Agualusa lässt einen Gecko lachen

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wenn es Abend wird, schmiege ich meinen Körper an das kristallene Glas der Fenster und betrachte den Himmel. Es macht mir Freude, die hoch auflodernden Flammen zu sehen, die galoppierenden Wolken und darauf die Engel, Legionen von ihnen, wie sie Funken aus ihren Haaren schütteln und ihre riesigen flammenden Flügel bewegen.« – Der das sagt, ist ein Gecko, genauer gesagt, ein Tiger-Gecko, der besonders schön gestreift ist. Eine kleine Schuppenechse, wie sie in den Tropen gerne in den Häusern geduldet wird, weil sie Insekten vertilgt.

Der Gecko kann ein Geräusch von sich geben, das wie Lachen klingt. Und im Roman von José Eduardo Agualusa kann er, wie gesagt, noch mehr: Engel sehen und die menschliche Rede verstehen, Bücher lesen, nachdenken. Und wenn er von seinem Hausherrn Félix Ventura träumt, erinnert der sich am nächsten Morgen, seinem Gecko in Menschengestalt begegnet zu sein. Das verwundert nicht so sehr, denn vor seinem Tod ist der Gecko ein Mensch gewesen. Was mag wohl aus ihm werden, nachdem er beim Kampf mit einem Skorpion getötet worden ist?

Nein, das ist keine Tiergeschichte und ein Märchen schon gar nicht. Obwohl die Menschen in diesem Roman nicht weniger zum Staunen Anlass geben. Da ist, wie gesagt, Félix Ventura: ein Schwarzer, der völlig weiß ist, ein Albino. Ventura lebt davon, dass er Leuten aus der neuen angolanischen Oberschicht eine Familiengeschichte verkauft, auf die sie stolz sein können. Er bietet ihnen Stammbäume, Fotografien ihrer Vorfahren und Anekdoten, die sie mit Stolz weitererzählen können.

Er verkaufe Träume, keine Fälschungen, sagt er dem geheimnisvollen Besucher, der sich als Fotoreporter vorstellt und auch noch einen anderen Namen von ihm bekommt: José Buchmann übertrifft bald Venturas Kunst, indem er in seinem »Geburtsort« Chibia den Grabstein seines »Vaters« fotografiert und in einem Antiquitätenladen in Kapstadt Aquarelle seiner »Mutter« aufstöbert. Er erschafft sich eine Vergangenheit, mit der er froh sein kann, und irgendwann wollen wir schon gar nicht mehr wissen, wer er wirklich ist. Wir wissen es ja auch nicht von Félix Ventura, der als Findelkind vor der Tür eines Bibliothekars gelegen hatte und in Bücherwelten aufgewachsen ist. So wie der Gecko.

Etwas wie Magie breitet sich über den Roman: Man kann Wirklichkeit erschaffen, wenn man es nur will. Erste Voraussetzung ist eine Weltwahrnehmung, die sich bei José Eduardo Agualusa in eine vom Alltag abgehobene Sprache gießt. »Die Erinnerung ist eine aus einem fahrenden Zug heraus betrachtete Landschaft. Wir sehen, wie das Morgenlicht über den Akazien aufgeht, die Vögel, die am frühen Morgen picken, wie an einer Frucht. Weiter hinten ein ruhig dahinfließender Fluss und die Bäume, die ihn umarmen …«

Ich kann den deutschen Text nicht mit dem Original vergleichen, nur bekunden, dass dem Übersetzer Michael Kegler etwas dem Leser Wohltuendes gelungen ist. Es erzählt ja meistens der Gecko, in den sich der Autor offenbar verwandelt hat. Und das ist ein zu Lebensweisheit gelangtes Wesen, das neugierig ist, aber auch ungerührt. »Die Wirklichkeit schmerzt und ist unfertig«, hatte seine Muter zu ihm gesagt, als er noch ein junger Mann war. »Zwischen Leben und Büchern, mein Junge, entscheide dich für die Bücher.«

Da meint man, dass sich auch der Autor so entschieden hat, und nimmt den zerlumpten Mann nicht ernst, den José Buchmann fotografiert und dann zu Ventura ins Haus bringt, ihn als einstigen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit vorstellt, woraufhin dieser sich eher wie ein Irrer gebärdet. Doch dann, immer schneller, enthüllt sich ein Geheimnis, das einem den Atem nimmt. Und eine sanfte junge Frau, von der man gar nicht annimmt, dass sie es könnte, nimmt die Pistole vom Tisch, schießt, trifft …

Also ist die Wirklichkeit doch stärker als der Traum. Aber wie viele Zufälle kamen zusammen damit sie sich so ausformen konnte! Der Roman bekundet den Willen seines Autors, das Rohe des Lebens nicht hinnehmen zu wollen. José Eduardo Agualusa, der in Portugal, Brasilien und Angola lebt, hat auf eine unnachahmliche Weise über angolanische Geschichte geschrieben. Anders als jener Autor, der in einer Episode des Buches vorkommt, als geschickt darin, den Europäern »die Schrecken seines Heimatlandes« zu verkaufen. »Elend ist ungeheuer erfolgreich in reichen Ländern«, kommentiert Félix Ventura, dieser Meister des Scheins, der wohl gerade deshalb so ein ehrliches Gespür für Lüge hat.

José Eduardo Agualusa: Das Lachen des Geckos. Roman. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. A1 Verlag. 176 S., geb., 17,80 EUR.

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