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Alles – außer bilden

Die beliebteste Wissenssendung im Fernsehen: »Galileo« auf Pro7

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»Galileo«-Abdallah feiert sich
»Galileo«-Abdallah feiert sich

Armer Galilei. Er würde sich im Grabe umdrehen, wüsste der brillante Erfinder, dass sein Name eine solche Sendung betitelt. Seit zehn Jahren schon betreibt »Galileo« auf Pro 7, was unter zeitgemäßem Wissensfernsehen firmiert. Kurz vor der Jubiläumssendung am Sonntag waren das zum Beispiel: ein Nationenkampf im Wasserrutschen, die perfekte Kohlroulade oder zehn vermeintliche Bio-Irrtümer. Mehrwert? Mau! Nachhaltigkeit? Null! Unterhaltungsfaktor? Hoch! Zumindest in Zeiten, da ein Mario Barth Deutschlands erfolgreichster Komiker werden konnte.

Letztes Jahr zur Adventszeit baute »Galileo« einen »Hummer« zum Weihnachtsmobil um, ohne ein Wort zur Umweltverschmutzung des militanten Straßenkreuzers zu verlieren. Was belegt: dieses absurde Stück TV wird in seinem Mangel an Verantwortung nur überboten von seiner Belanglosigkeit. Schlimm genug. Doch angesichts eines anderen Produktes der »Galileo«-Familie verblasst selbst die Dreistigkeit des Jubilars. Denn Aiman Abdallah, ihr Moderator, feiert zugleich 50 Ausgaben von »Galileo Mystery«. Gleich zum Auftakt vor eineinhalb Jahren löste er dort das Rätsel von König Artus! Kurz einige Eingeborene befragt, in alten Schinken geblättert, etwas Sand von Steinplatten gepinselt und so im Vorübergehen eines der »größten Geheimnisse der Menschheit« gelüftet. Danke, Aiman-Albert-Archimedes-Liebig-Isaac-Schliemann-Kepler-Amundsen-Cook-Abdallah. Und bitte mix uns doch bei der Gelegenheit noch etwas Antimaterie! Keine Frage, das Bildungsfernsehen wurde 1998 durch »Galileo« bereichert. Es hat das trockene Genre aufgemöbelt, durch pure Penetranz primetimetauglich gemacht und damit allein unter den 14- bis 49-Jährigen sechs Mal wöchentlich weit über eine Million Zuschauer – mehr als jedes vergleichbare Magazin.

»Galileo« hat Info sein »-tainment« verpasst und dadurch wissensferne Zuschauerschichten für Sachthemen erschlossen. Es erklärt die Funktion von Reaktoren ebenso wie die effektivste Methode beim Spicken. Vor allem aber nervt es durch Überdramatisierung, Irrelevanz, Niveaulosigkeit und betreibt dabei Schleichwerbung, als sei sie gänzlich legal. Ohne Verlust journalistischer Unabhängigkeit, beharrt Abdallah trotzig. Na, dann glauben wir ihm mal, dass all die Produktvergleiche, Fabrikbesichtigungen oder Kopierversuche bekannter Markenwaren (mit Link zum Hersteller des Originals auf der Homepage) völlig unabsichtlich Reklame betreiben. Und den Bau eines Bond-Mobils zum Start des neuen 007 hat man bestimmt ohne jede Gegenleistung gemacht, bei »Galileo Mystery« …

Dort übrigens unablässig zu behaupten, Aiman Abdallah kläre Geheimnisse auf, an denen bereits ganze Forschergenerationen gescheitert sind, grenzt medizinisch an Autismus. Und Themen wie »Die letzten Tage Jesu Christi« anzukündigen, man schreibe »bekannte Kapitel unserer Geschichte neu«, erfüllt mehrere Kriterien des Größenwahns. Bleibt doch jeder Erkenntnisgewinn nur ein Feigenblatt, schrilles Entertainment im Dauerbeschuss schreiender Geigen unters anspruchslose Publikum zu prügeln. »Wenn man junge Zuschauer ansprechen möchte, werden die sich an Bilder mit einer bestimmte Sound- und Bildsprache erinnern«, erläutert Abdallah und scheut sich nicht, seinen Einfluss auf die universitäre Forschung als »Annäherungsprozess« zu beschreiben, »weil durch unsere Formate ein Klick in den Köpfen der Wissenschaftler vollzogen wurde«.

Den Ruf von »Galileo«, das Sein dem Schein zu opfern, dürfte Abdallah, der sich ohne zu erröten dem Heiligem Gral auf der Spur wähnte, so kaum verbessern. Solange die Quoten stimmen. »Galileo« ist eine Art gesendetes »Bild«: Es verwendet alle kreative Energie an wertkonservative Bespaßung schlichter Gemüter, wo Werkzeuge für Männer gedacht sind und Putzmittel für Frauen, die sich dennoch bei jeder Gelegenheit ausziehen müssen. Wo Antworten nicht halb so wichtig sind wie Fragen, die nur düster genug von den Synchronstimmen einer Akte-X-Agentin oder Clint Eastwood gestellt sein müssen, um die Ratlosigkeit zu verbergen.

Das ist bei bis zu fünf Themen pro Sendung, sechs Tage die Woche, dazu Specials, Extras, Shows auch kein Wunder. Wie wenig es letztlich um Wissen geht, belegt der Ludwig-Bölkow-Journalistenpreis 2006 für den Beitrag »Der Superjumbo wird lackiert«. Klingt respektabel, wird indes vom Erbauer des Airbus A380 gestiftet. Dass der Luftfahrtkonzern kritische Töne prämiert, kann als ausgeschlossen gelten. Aber mit denen hat’s »Galileo« ohnehin nicht so. Es geht um Phänomene, nie um deren Folgen. Der Prototyp dazu heißt »Brainiac«, stammt aus England und macht Wissensfernsehen zu einem Mix aus »Cobra 11« und Comedy.

Wenn also zum Jubiläum im neu gestalteten Studio die größte Sektpyramide der Welt entsteht, zeigt sich wie immer: Hauptsache es scheppert und macht Fun. Auch neue Rubriken wie der Test moderner Mythen oder ein »Galileo-Psychodoc«, der unser Verhalten analysieren soll, tun wohl alles – außer bilden. Wer übrigens »Galileo« googelt, landet erst auf Pro 7, dann beim Erfinder. Armer Galilei.

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