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Die Armen bezahlen die Rechnung

Internationale Finanzkrise lässt Zahl der Hungernden deutlich anwachsen

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Die weltweite Finanzkrise trifft vor allem die Armen. Olivier de Schutter, der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, erwartet, dass die Zahl der Hungernden und Unterernährten im kommenden Jahr die Milliardengrenze überschreitet.

»Im Gegensatz zu Banken sind hungrige Kinder nicht selbst schuld an ihrer Misere«, warnt die scheidende Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble. Die Finanzkrise dürfe nicht dazu führen, dass die Bedürfnisse der wachsenden Zahl hungernder Menschen weltweit in den Hintergrund treten. Fast eine Milliarde hungriger und unterernährter Menschen – das sei »eine Schande für die Menschheit«. Ihre Forderung: Das allgemeine Umdenken über die Rolle des Staates und der internationalen Gemeinschaft, das durch die Finanzkrise eingesetzt habe, müsse sich auch auf die Hungerkrise erstrecken. Die Welt brauche ein Rettungspaket gegen den Welthunger.

Dem UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter, zufolge ist bereits aufgrund der rapide gestiegenen Lebensmittelpreise 2007/2008 die Zahl der Hungernden auf 970 Millionen geklettert. Zusätzlich lebten mindestens weitere 100 Millionen in extremer Armut. Sie liefen ständig Gefahr, hungrig zu Bett gehen zu müssen, erläuterte de Schutter auf einer Veranstaltung der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Frankfurt am Main. Und die Krise werde weitere Millionen in prekäre Verhältnisse stürzen.

De Schutter erwartet, dass die Lebensmittelpreise aufgrund der steigenden Nachfrage (Bevölkerungswachstum, Fleischkonsum, Bioenergie und Klimawandel) in der globalen Rezession höchstens leicht zurückgehen. Er ist sicher: »Die Zahl der Hungernden wird im kommenden Jahr die Milliardengrenze überschreiten.«

Wegfallende Einkommen als Folge der Finanzkrise werden die Ernährungslage vieler armer Familien noch verschärfen. In Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, können sich Frauen etwas Geld verdienen, wenn sie an zwei Tagen in der Woche die Straße fegen. Umgerechnet 1,20 Euro erhalten sie dafür am Tag. Viel zu wenig, um damit ihre vielköpfigen Familien zu ernähren. Mit den davongaloppierenden Lebensmittelpreisen halten sie nicht Schritt. Doch das Zubrot ist wenigstens sicher. Den Frauen von der Grünen Brigade geht es besser als den meisten Bewohnern der Millionenstadt, die sich täglich irgendwie durchschlagen müssen.

Viele Einwohner haben als Folge der Lebensmittelkrise ihre Mahlzeiten auf eine pro Tag reduzieren müssen. Die Frauen essen zuletzt und erst wenn die männlichen Familienmitglieder und die Kinder gegessen haben. Nicht wenige Familien in Ouagadougou geben 75 Prozent und mehr ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Für Gesundheit, Schule, Bekleidung bleibt da nur wenig übrig. Gespart wird in diesem Fall zuerst bei Frauen und Mädchen. Mädchen sind stets die Ersten, die von der Schule genommen werden.

Olivier de Schutter erwartet deshalb erhebliche Folgen für Gesundheit, Ernährung und Kinder-sterblichkeit durch die Nahrungskrise und die internationale Finanzkrise. Von der Ostasienkrise 1997/98 sei bekannt, so der UN-Sonderberichterstatter, dass die Kindersterblichkeit in Indonesien um drei Prozent gestiegen, die Zahl der Schulabbrecher auf dem Land von sechs auf zwölf Prozent geklettert sei. Zahlen aus Brasilien zeigten, dass 50 Prozent mehr Mädchen die Schule abbrechen, wenn der Haushaltsvorstand seinen Arbeitsplatz verliert.

Wurde um die Gelder für die Bekämpfung von Armut und Hunger in der Vergangenheit mühsam gerungen, sind Industrieländer und internationale Geldinstitute nun schnell dabei, ein Vielfaches an Mitteln zur Rettung der Banken auszugeben, kritisieren Menschenrechtler und entwicklungspolitische Experten. »Wir müssen verhindern, dass diejenigen, die am wenigsten zum Scheitern der Finanzmärkte beigetragen haben, am meisten unter der Krise leiden«, betont Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Sie verlangt »Lösungen mit Entwicklungsperspektiven«. Nach den Märkten müssten endlich auch das Recht und der Schutz der Menschen globalisiert werden. Das bedürfe klarer und verbindlicher internationaler Regelwerke.

Die Armen in den Entwicklungsländern werden die eigentlichen Verlierer sein. Investitionen werden ebenso ausbleiben wie die Rücküberweisungen der Ausgewanderten, die vielen das Überleben sichern. Exporte werden einbrechen, Kredite kaum mehr zu bekommen sein. Kein soziales Sicherungsnetz wird die Folgen für den Einzelnen abfedern, kein Konjunkturprogramm die Wirtschaft ankurbeln. Die Millenniumsziele zu erreichen, wird damit unmöglich.

Joachim von Braun, Direktor des Forschungsinstituts für Ernährungspolitik in Washington, plädiert dafür, ein Rettungspaket zu schnüren, um das erste Millenniumsziel noch zu erreichen: den Hunger in der Welt zu halbieren. Dazu brauche es keine 500 Milliarden Euro. »14 Milliarden US-Dollar pro Jahr würden reichen, um ein signifikantes weltweites landwirtschaftliches Wachstum zu erreichen.«

Auch de Schutter hält eine Steigerung der Produktion für unabdingbar. Doch er warnt davor, den Blick allein darauf zu richten: »Die Lebensmittel müssen auch jene erreichen, deren Versorgung besonders unsicher ist: Kleinbauern, Landlose, Hirten, Fischer – sowie die städtischen Armen. Und das geht nur, wenn sich deren Einkommen erhöhen.« Unterstützung kommt inzwischen selbst von der Weltbank, die vor nicht allzu langer Zeit staatliches Engagement noch für Teufelszeug hielt: Sie schlägt kommunale Projekte und öffentliche Notstandsarbeiten vor. »Jedes Prozent Wachstumsrückgang in den Entwicklungsländern wirft weitere 20 Millionen Menschen in Armut«, sagt de Schutter.

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