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Der Kampf ums Gute

In den Sophiensaelen tagt »Der Familienrat II«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Am Anfang scheint die Welt in Ordnung. Fast jedenfalls. Denn vor der roten Bretterwand auf der Szene der Sophiensaele gibt es kleine Unregelmäßigkeiten: In einem Schrank lehnt eine Frau, auf der Bank gegenüber stiert ein Mann Löcher in die Luft. Sich sprachlos wohlfühlen sei wunderbar, räkelt sich eine Frau mit Zigarette im Mund, die Dritte duscht sich im umfunktionierten Schrank tagfein und tritt strahlend herein.

Doch schon straft sich das Idyll selbst Lügen. Eine Frau pichelt unentwegt, ein Mann, unbeobachtet, putzt einen Pumps, um dann an ihm zu masturbieren. Heimlich möchte ein anderer den zweiten Pumps greifen, sieht sich jedoch gestört, denn die Stange im Schrank wird zum Reck für herb männliches Turnen. Nichts in dieser Welt ist offenbar, wie es scheint, dafür scheint alles möglich.

Seit der Uraufführung 2002 tourte »Der Familienrat« von Nico and The Navigators europaweit, entwickelte sich, erlebt nun eine neue Aufführungsserie. Was sich gegenüber der Premiere auch verändert haben mag, die Grundaussage ist geblieben: In unseren Familien laufen die Dinge nicht rund, dafür geht es rund und bunt zu. In der gruppentypischen Mischung aus viel amüsanter Körpersprache und wenig Textkommentar schürft Regisseurin Nicola Hümpel unter die Oberfläche der heilen Keimzelle unserer Gesellschaft, fördert reichlich Abnormitäten und Deformationen zutage. Oliver Proske hat ihr dafür eine wahre Wunderdekoration gebaut: eine Wand mit vielen sich öffnenden Klappen, die zudem um Gelenke drehbar sind und so wesentlicher Bestandteil der Inszenierung werden. Wie die Bretterfläche Einblicke in ihr Innenleben gewährt, so zerklüften sich auch die Beziehungen der sieben Akteure.

Dem Gaffer vom Beginn ist nicht zu helfen: Weder die Goldtasche als Hut noch als schnappendes Maul erheitern ihn. Dafür wird er sich später an Frauenleibern warmreiben. An der Festtafel drängen sich lustlose Lümmler um den Ersteinschank von Tee. Männer prosten sich überkopf hängend zu, springen sich dann wie balzende Tiere an die Brust, der Schuhfetischist gibt nicht auf, die asiatische Duscherin lächelt sich über alle Peinlichkeiten hinweg, bis ihr beim Putzen die Gemeinheit einer Mitbewohnerin den Mantel über den Kopf treibt. Da irrt sie eine Weile gesichtslos umher, verliebt sich in den, der gerade von einer anderen per Goldgürtel gefesselt wird.

Der Blick ins Fotoalbum wird zur entlarvenden Abrechnung mit einer innerlich verwüsteten Familie, das Begießen der Fotos wischt die Erinnerungen nicht fort. Die befeuernde Rede der Asiatin, oben auf dem Gerüst lässt die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit nur noch tiefer klaffen. Wie böse kleine Pubertierende und fast in Zeitlupe gehen die Verwandten aufeinander los, fallen übereinander her, ratlos, planlos, ziellos. Das Unausgesprochene, Unaussprechliche, hier tönt es laut in fein komponierten Bildern, aus denen alles Zufällige getilgt ist. Wer versagt hat, bleibt offen. Zur »Stillen Nacht« aus Ziegen-Gemäh krümeln sie altbackene Brötchen wie Schnee über einen der Ihren und erstarren, ehe Dunkel sie schluckt.

Nochmals heute, 20 Uhr, Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte, Infos unter www.sophiensaele.com

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