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Die fatale »Vertafelung der Gesellschaft«

Die Solidarität mit Bedürftigen hat Schattenseiten – eine Studie klärt auf

  • Von Stephan Stracke
  • Lesedauer: 4 Min.

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Tafeln sind aus dem bundesdeutschen Sozialstaat nicht mehr wegzudenken. Über eine Million Bürger dieses reichen Landes waren allein in diesem Jahr »Gäste« solcher sozialen Einrichtungen.

Besonders gegen Ende des Monats werden die Schlangen vor den Ausgabestellen und Suppenküchen länger. Hartz IV und die kleinen Renten reichen für viele zum Leben nicht. Die Idee ist auf den ersten Blick wunderbar und mobilisiert Tausende von ehrenamtlichen Helfern und viele Spender. Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, werden nicht weggeschmissen, sondern an Bedürftige verschenkt. Seit der Einführung von Hartz IV haben sich die Tafeleinrichtungen in Deutschland auf 800 verdoppelt. Ein trauriger Rekord wie der Soziologe Stefan Seile findet, der jetzt eine entsprechende Studie vorgelegt hat.

Hilfe für das eigene »gute« Gewissen

Auch das Berliner Sozialforum hat jetzt auf einer Veranstaltung im Berliner Mehringhof, über die Konsequenzen dieses Booms diskutiert. »Die Vertafelung der deutschen Gesellschaft« sei ein »Besorgnis erregendes Zeichen«, konstatierte Siggi Graumann vom Berliner Sozialforum. Der Rückzug des Sozialstaates führe in ein Almosensystem, der Suppenküchenstaat ersetze schleichend die garantierten Rechte auf ein ausreichendes Grundeinkommen für Jeden. So verdecke der Boom der Mildtätigkeit und des großen ehrenamtlichen Engagements bei der Verköstigung der Armen, die politischen und ökonomischen Schattenseiten.

Die Kritik am Tafelsystem lässt sich in sechs Punkten zusammenfassen: Erstens beweisen die Schlangen vor den Suppenküchen und Ausgabestellen, Hartz IV reicht zum Leben nicht. In der letzten Woche des Monats müssen zahlreiche Hartz IV-Empfänger ihre Scham überwinden und zu den Tafeln gehen. Zweitens: Die Tafeln arbeiten keineswegs nur mit Ehrenamtlichen und Freiwilligen. Ein großer Teil der Beschäftigten bei den Tafeln sind Ein-Euro-Jobber, die für eigentlich gesellschaftliche sinnvolle Arbeit nur einen Hungerlohn bekommen. Drittens: Die Supermärkte, die die Tafeln so großzügig beliefern, sparen mit ihren Lebensmittelspenden enorme Entsorgungskosten und sogar noch Steuern. Außerdem stehen sie in der Öffentlichkeit als ehrenwerte Sponsoren da. Dieses positive Image der Tafel-Unterstützer zieht viele Sponsoren an. So verschenkt Daimler-Benz LKW, die McKinsey berät den Bundesverband der Tafeln kostenlos und hat sogar einen Leitfaden für die Gründung von Tafeln erstellt.

Viertens: Den Verfechtern des Neoliberalismus ist die große Bedeutung der Tafeln in Zeiten der Krise besonders einsichtig. Die Tafeln federn die unsozialen Folgen des Kapitalismus ab, sie mobilisieren gleichzeitig die kostenlose Arbeitskraft von Ehrenamtlichen und Erwerbslosen für Dienst- und Geldleistungen, die eigentlich der Sozialstaat erbringen müßte.

Diese schlanke und kostengünstige Verköstigung der Armen gräbt sogar den »gestandenen« Wohlfahrtsverbänden, die traditionell das Geschäft mit den Armen übernehmen, das Wasser ab. Diakonie und Caritas beispielsweise haben noch garantiert Beschäftigte neben ihren Ein-Euro-Jobbern und können diesen Armensektor so kostengünstig nicht mehr bedienen.

»Second life« wird zum richtigen Leben

Fünftens: Die Tafeln und andere Wohltäter weiten ihr Engagement auch in andere Bereiche aus: Kinderküchen, Kleiderkammern, Sozialkaufhäuser und sogar Sozialweihnachtsmärkte entstehen. Es entsteht eine Art »Second life« , eine Parallelwelt für die Armutsbevölkerung Auch hier arbeiten neben den Ehrenamtlichen ein Heer von Ein-Euro-Jobbern. Es droht ein privater und schlanker Almosenstaat, der sogar die Bedürftigkeitsprüfung in die eigene Hand nimmt und die Armut privat in den Griff kriegen will. Soziale Rechte, wie ein zum Leben ausreichendes Grundeinkommen sollen in diesem Meer von Wohltätigkeit verschwinden.

Sechstens sei darauf hingewiesen, das die Tafeln bundesweit sehr unterschiedlich sind. Besonders kleinere Einrichtungen sind mit langen Schlangen und ungeduldigen Armen konfrontiert. Sie müssen aus dem Mangel heraus, mit teilweise rigiden Mitteln die Almosen an die Bedürftigen verteilen.

Aber nicht überall gibt es diese diskriminierenden und auch noch privat organisierten Bedürftigkeitsprüfungen, bevor man die Almosen erhalten kann. Zahlreiche Einrichtungen sorgen Dank des Engagements der Ehrenamtlichen, Ein-Euro-Jobbern und engagierten Nutzern mit Erfolg für würdige Bedingungen. Die Suppenküchen können so zu realen Sozialkantinen werden, die sich zu Orten der sozialen Kommunikation wandeln.

Stefan Selke, der Autor der lesenswerten Studie »Fast ganz unten«, der diesen Mikrokosmos der bundesdeutschen Armut engagiert und eindrücklich beschrieben hat, hofft in seinem Resümé auf politische Verhältnisse, die die Tafeln eines Tages überflüssig machen.

Suppenküchen als ein Ort des Widerstandes?

Die LINKE, die Massenverarmung nicht hinnehmen will, sollte sich im Vorgriff auf diese Utopie zudem an die Tradition der Arbeiterbewegung erinnern, dass Stempelstellen und Suppenküchen wichtige soziale und politische Orte des Widerstandes waren. Vielleicht beginnen die Widerstandsaktionen der Zukunft mit einem gemeinsamen Essen in den Tafeln und verlagern sich gestärkt wieder auf die Straßen.

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