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Grusel-Blicke durch den Türspalt

Nirgendwo gibt es bundesweit mehr misshandelte und vernachlässigte Kinder als in Berlin

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Die Tragödien ereignen sich zuallermeist hinter wohlverschlossenen Türen: Kinder werden verprügelt, gewürgt, getreten, man lässt sie hungern oder dursten, in Dreck, Schimmel oder eigenem Kot dahinsiechen. Meist fehlt ein vernünftiger Schlafplatz. Die Schule wird oftmals nur unregelmäßig besucht. Um amtlicherseits den Türspalt weiter öffnen zu können, in den man viel zu selten hineinschauen kann, soll eingangs nächsten Jahres ein verändertes Kinderschutzgesetz in Kraft treten.

In Berlin stellt sich die Situation besonders dramatisch dar. Übers Jahr 2007 hat es 645 angezeigte Fälle von Kindesmisshandlung gegeben, wie das Polizeipräsidium bekannt gab. Das entspricht gegenüber dem Vorjahr einem Anstieg um 14,6 Prozent. Darüber hinaus registrierte man 751 Delikte, bei denen die Fürsorgepflicht verletzt wurde. Hier handelt es sich um einen Zuwachs von 29 Prozent.

Für 2008 sind die Zahlen noch nicht aufgearbeitet. »Im Moment sehe ich aber weder eine prägnante Steigerung noch einen Abschwung, wir haben es wohl im Trend mit einer Stabilisierung auf hohem Niveau zu tun«, denkt Hans-Joachim Blume. Er leitet das Dezernat, das sich u. a. mit Delikten an Schutzbefohlenen befasst, gewissermaßen mit Folgen von Liebesentzug für Kinder, sagt er.

Die Berliner Zahlen erweisen sich um ein Vielfaches höher als die anderer Bundesländer. Das hat aber keinesfalls damit zu tun, dass es anderswo weniger solcher Vorfälle gäbe als in der Hauptstadt, da ist sich Blume sicher.

Natürlich habe eine Großstadt mit all ihren sozialen Problemen mehr Fälle. Die krassesten seien aber in ländlichen Gebieten der Region registriert worden. Andererseits gebe es dort nicht die gehäufte Anzahl, weil dort die soziale Kontrolle größer sein dürfte. Möglicherweise wird auch nicht angezeigt, was passiert, meint Blume.

Schlagzeilen, nach denen Berlin die Hauptstadt der Kinder in Nöten ist, mag Blume gar nicht. Es handele sich gewissermaßen vielmehr um den Fluch der guten Tat. Denn nirgendwo anders habe es in den letzten Jahren mehr Mühen gegeben als hier, die Bürger für das Thema zu sensibilisieren, ihnen deutlich zu machen, dass es mit Anschwärzen und dergleichen wenig zu tun hat, wenn man die Behörden informiert, um Kinder aus dem Dreck sowie aus dem Dunst der Gewalt herauszuholen. Es sei gelungen, das Dunkelfeld ein wenig mehr aufzureißen, als dies anderswo versucht wurde. Was zwangsläufig zu einem Anstieg in der Statistik führe.

Es liegt in der Natur der Sache, dass selbiges Dunkelfeld für derartige Straftaten ungewöhnlich groß ist. Im Brandenburger Landeskriminalamt wollte man sich zu dieser Frage nicht äußern. Es gebe keine seriösen Untersuchungen, so Toralf Reinhardt vom LKA in Eberswalde. Das bestätigt auch Blume. Er würde sich aber nicht wundern, so seine Überlegung aus langer Erfahrung, wenn »wir vielleicht nur die Hälfte des tatsächlichen Lagebildes erfahren, vielleicht noch weniger«. Eine Menge Spekulation sei freilich dabei.

Als Täter bei Vernachlässigungen erweisen sich vornehmlich Eltern, aber auch Großeltern, Lebenspartner, Lehrer, Erzieher, all jene, denen ein Kind anvertraut ist und wo dadurch eine sogenannte Garantenstellung entsteht, eine Pflicht, etwas tun zu müssen für Schützlinge. Typisch bei Eltern-Tätern ist überwiegend ein sozial bedürftiges Umfeld. Häufig handelt es sich um keine klassischen Familien mit Mutter, Vater und Kind, sondern um Alleinerziehende, vornehmlich solche mit vielfach wechselnden Partnern. Auffällig sei auch eine gewisse Bildungsferne. Die Täter seien oftmals in ihrer Kindheit selbst Opfer ähnlicher Szenarien gewesen, sagt Blume.

Fälle von Misshandlung wiederum gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten. Von Übergriffen mit Übeltätern aus dem gutbürgerlichen Milieu erfährt die Öffentlichkeit allerdings nur selten, weil es in diesem Umfeld genügend Instrumente gibt, Vorfälle zu vertuschen. Man findet eher Mittel und Wege, mit der Verletzung eines Kindes so umzugehen, dass eben niemand stutzig wird.

In allen Fällen erweisen sich die Anlässe für Züchtigungen als eher geringfügig – wegen einer als pampig empfunden Antwort, eines verlorenen Euros, einer kleinen Lüge oder Unpünktlichkeit und manchmal auch ganz ohne Grund. Die Motive liegen nach wissenschaftlichen Studien oftmals irgendwo zwischen Überforderung und Sadismus, beinahe krankhaften Leistungsansprüchen an Kinder, dem Gefühl der Ausweglosigkeit in sozialer Not, in einem Gemisch aus psychologischen Problemen und wenig ausgeprägter Fähigkeit zur sozialen Bindung, im Missbrauch von Drogen und Alkohol und vielem anderen mehr.

Seit Februar 2007 müht sich ein Netzwerk, den Kinderschutz zu befördern. Das Gremium, das beim Bildungssenat angesiedelt ist, zielt darauf, Kooperationsdefizite abzubauen, Prävention zu verstärken, frühzeitig Fälle zu erkennen, einzugreifen, zu helfen, zu koordinieren. Ihm gehören u.a. Vertreter von Jugendämtern, Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten, Polizei, Justiz, Wohlfahrtspflege an. Abgestimmtes Handeln zwischen den Ämtern und Institutionen erweist sich schon wegen unterschiedlicher Arbeitsansätze als geboten. Denn die Sozialämter versuchen, Gefährdungen zu vermeiden oder zu beenden, und zwar durch Hilfe zur Selbsthilfe, also durch amtliche Begleitung die Familien in die Lage zu versetzen, ihr Leben zu meistern.

Die Polizei setzt an, wenn sie Kenntnis von strafrechtlicher Relevanz bekommt. Auch dieses abgestimmte Zusammenspiel soll ein gutes Stück dazu beigetragen, die eingangs erwähnte Tür einen wenig weiter zu öffnen.

Dass auch die Bundesregierung die Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung nicht als ein besonderes Problem Berlins sieht, zeigt ihr ungewohnter Drang, das Gesetz rasch in Kraft treten zu lassen. Danach werden Jugendämter verpflichtet, keineswegs mehr nach Aktenlage zu entscheiden, sondern bei entsprechenden Anhaltspunkten Kind und Umfeld persönlich in Augenschein zu nehmen. Bei Umzügen muss das neu zuständige Jugendamt informiert werden. Ärzte dürfen bei akuter Gefahr für Kinder ihre Schweigepflicht brechen. Und wer beruflich mit Kindern zu tun hat, muss künftig über ein erweitertes Führungszeugnis verfügen.

Hilfe bekommt man in Berlin rund um die Uhr: Kinderschutz-Hotline (030) 61 00 66; Kindernotdienst: (030) 61 00 61.

  • 2390 Kinder wurden im Land Brandenburg anno 2007 Opfer von Straftaten; im Jahr davor waren es 2150, 2005 noch 2258.
  • Bei 675 dieser Fälle handelt es sich um Sexualstraftaten.
  • Misshandlungen und Vernachlässigungen beginnen oft bereits im Säuglingsalter der Opfer.
  • FU-Studien zufolge strafen bundesweit die Hälfte bis zu zwei Drittel der Eltern irgendwann ihre Kinder in gewalttätiger Weise – von der Ohrfeige bis zu Prügel.
  • Die Rückfallquote von Tätern, die ihre Kinder vernachlässigen, liegt in Deutschland bei ungefähr 66 Prozent.
  • Jahr für Jahr soll es in der Bundesrepublik durchschnittlich zu 40 000 Fällen von Kindesmisshandlungen kommen.
  • 968 Berliner Kinder und Jugendliche wurden voriges Jahr ihren Familien entzogen und in die Obhut der Jugendhilfe genommen, um eine akute Gefahr von ihnen abzuwenden.
  • 2006 betraf Letzteres 910, 2005 noch 779 Personen.

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