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Blühendes Geschäft mit Mikrokrediten

In Schweden kann fast jeder Kleinkredite per SMS aufnehmen – den oft jungen Kunden droht schnell die Schuldenfalle

  • Von Bernd Parusel, Stockholm
  • Lesedauer: 3 Min.

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Kleinkredite ohne Sicherheiten treiben immer mehr Schweden, vor allem Jugendliche, in die Schuldenfalle. Die Finanzkrise, ein Einbruch der Konjunktur und Entlassungen drohen das Problem weiter zu verschärfen.

Die vielen neuen Unternehmen, die in der Stockholmer U-Bahn, im Radio und im Fernsehen recht aggressiv für schnelle und flexible Kleinkredite werben, scheinen ein Erfolgskonzept zu haben. Bei Verbraucherschützern aber läuten die Alarmglocken, und es häufen sich Klagen über »zynische Geschäftsideen« der Kreditfirmen.

Seit rund zweieinhalb Jahren kann jeder, der einen festen Wohnsitz und eine schwedische »Personennummer« hat, per Textnachricht (SMS) vom Handy oder über das Internet einen »Mikrokredit« aufnehmen, etwa um sich eine Ferienreise oder ein neues Haushaltsgerät leisten zu können. Um bei Firmen wie »sms-pengar«, »Mobillån Sverige« oder »Folkia« Geld zu bekommen, reicht es, per SMS den gewünschten Betrag, Bankverbindung und Personennummer – eine persönliche Zahlenreihe aus Geburtsdatum und vier weiteren Ziffern – anzugeben. Wenn die SMS vor 13 Uhr abgeschickt wird, bekommt man noch am selben Tag 1000 schwedische Kronen (rund 93 Euro). Auch 2000 oder 3000 Kronen können geliehen werden. Der Betrag muss 30 Tage später zurückgezahlt werden.

Zinsen verlangen viele Mikrokreditanbieter keine, stattdessen wird eine »Bearbeitungsgebühr« fällig, je nach Anbieter und Kreditbetrag zwischen 250 und 550 Kronen (23 bzw. 53 Euro). Das Mindestalter liegt meist bei 18 Jahren. Die finanzielle Lage des Kunden wird nicht geprüft, und es ist möglich, bei mehreren Instituten gleichzeitig Geld zu leihen.

Obwohl Kleinkredite dieser Art erst seit 2006 auf dem Markt sind, gingen bei der schwedischen Vollstreckungsbehörde »Kronofogden« schon im selben Jahr über 1400 Forderungen von Mikrokreditfirmen an Kunden ein, die das geliehene Geld nicht zurückzahlen konnten. Dieses Jahr rechnen die Vollstrecker mit 50 000 bis 60 000 neuen Fällen. »Die Situation ist schlimmer, als wir anfangs befürchtet hatten«, kommentierte Jan Åkerlund, bei »Kronofogden« für SMS-Kredite zuständig, kürzlich in der Zeitung »Dagens Nyheter«. Åkerlund rechnet damit, dass die Finanzkrise, der Niedergang der Konjunktur und die steigende Zahl von Entlassungen immer mehr Schweden dazu treibt, auf Pump zu leben.

Während 2006 und 2007 vor allem jüngere Menschen SMS-Kredite aufnahmen, sind jetzt zunehmend auch Ältere betroffen, die anders nicht mehr über die Runden kommen. Viele greifen auf SMS- oder Internetkredite zurück, weil sie von ihrer Hausbank kein Geld mehr bekommen. Das führt jedoch schnell immer tiefer in die Schuldenfalle. Nimmt man etwa bei »sms-pengar« 3000 Kronen als Kleinkredit auf, so sind nach 30 Tagen 3600 Kronen zurückzuzahlen. Wird die Rechnung nicht pünktlich beglichen, kommen jeden Monat 2,5 Prozent Überziehungszinsen dazu, außerdem eine »Verspätungsgebühr« (125 Kronen) und eine Mahngebühr (50 Kronen). Nach einem Jahr fordert der Gläubiger fast das Doppelte der ursprünglich geliehenen Summe. Die Geschäftsidee der Anbieter laufe darauf hinaus, mit Überziehungszinsen und Inkassogebühren Geld zu verdienen, sagt Sara Ekstrand von der schwedischen Finanzaufsichtsbehörde »Finansinspektionen«.

Auch die Politik ist inzwischen auf das Problem aufmerksam geworden. Im Justizministerium in Stockholm wird jetzt an einem Gesetzentwurf gearbeitet, der die Regeln für die Kleinkreditbranche verschärfen soll. Unter anderem sollen die Anbieter verpflichtet werden, die Kreditwürdigkeit der Kunden ebenso genau zu prüfen, wie es Banken bereits tun müssen. Bisher sind Kleinkredite unter 4100 Kronen und mit einer Laufzeit unter 45 Tagen von den für Banken geltenden Verpflichtungen ausgenommen. Viele Anbieter verleihen auch dann noch Geld, wenn der Kunde bereits bei den Vollstreckungsbehörden registriert ist.

Neben strikteren Gesetzen wollen Vollstrecker und Verbraucherschützer auch die Aufklärung von Jugendlichen verbessern. Diesen Herbst besuchten Mitarbeiter der Vollstreckungsbehörden 24 Gymnasien und diskutierten mit Schülern und Lehrern über Finanz- und Haushaltsfragen. Die staatliche Finanzaufsicht will, dass »Privatökonomie« als neues Unterrichtsfach eingeführt wird.

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