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Ungelöste Ernährungskrise

Keine Entwarnung trotz sinkender Getreidepreise auf dem Weltmarkt

  • Von Marita Wiggerthale
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Nahrungsmittelkrise in vielen Entwicklungsländern ist zwar aus den Schlagzeilen verdrängt worden, aber alles andere als gelöst.

Das Jahr 2008 wird als »Krisenjahr« in Erinnerung bleiben. Dabei ist die Nahrungsmittelkrise eng mit der Öl- (hohe Düngemittelpreise) und der Finanzkrise (Spekulation) verknüpft. Die sprunghaft ansteigenden Preise für Nahrungsmittel hatten von der Karibik über Afrika und Asien zu gewaltsamen Protesten geführt. Betroffen waren besonders jene Länder, die stark vom Weltmarkt abhängig sind. Mais war an der Chicagoer Börse zeitweise um 33 Prozent teurer geworden, Weizen um 64 Prozent und Reis um 63 Prozent. Die Preise, die in Chicago ausgehandelt werden, bestimmen das Leben von Reisbauern in Vietnam, von Bettlern in den Slums von Manila und von Bäckern in Ägypten. Nahrungsmittel wurden für viele Menschen in den armen Ländern unbezahlbar.

Die Bilanz am Ende des Jahres ist verheerend: Die Zahl der Hungernden stieg um 75 Millionen. Knapp eine Milliarde Männer, Frauen und Kinder gehen Abend für Abend hungrig ins Bett. 65 Prozent der Hungernden leben in nur sieben Ländern: Indien, China, DR Kongo, Bangladesch, Indonesien, Pakistan und Äthiopien. Jeder Dritte ist in Subsahara-Afrika unterernährt. Zwei Drittel der Hungernden leben in Asien. Erhebliche Zuwächse sind auch bei den extrem Armen zu verzeichnen. Schätzungen zufolge fielen seit 2006 zwischen 109 und 126 Millionen Menschen unter die Armutsgrenze. Angesichts von Finanzkrise und sich abzeichnender globaler Rezession warnt die Welternährungsorganisation bereits vor der nächsten Nahrungsmittelkrise im Erntejahr 2009/2010.

Genauso beispiellos wie der Anstieg der Getreidepreise war auch ihr Fall. Mittlerweile sind sie auf dem Weltmarkt um mehr als 50 Prozent gefallen. Dies steht offensichtlich mit dem Abzug spekulativen Kapitals aus den Rohstoffmärkten im Zusammenhang, ist aber auch auf teilweise gute Ernten zurückzuführen. In vielen Entwicklungsländern sind die Nahrungsmittelpreise aber nach wie vor hoch. Selbst dort, wo die Preise gefallen sind, fiel der Rückgang im Inland geringer aus als auf den Exportmärkten. Im Senegal ist Getreide immer noch um 85 Prozent und in Burkina Faso um 65 Prozent teurer als ein Jahr zuvor.

Gleichzeitig verweist die UNO jedoch darauf, dass die Nahrungsmittelpreise seit 2002 inflationsbereinigt weit unterhalb des Niveaus von vor 25 Jahren liegen. Wenn die preislichen Anreize zur Ausweitung der Nahrungsmittelproduktion zu schwach werden, steht die nächste Krise wieder vor der Tür.

Eine wichtige Rolle bei der Ernährungssicherung spielt neben den Preisen auch die staatliche Unterstützung des landwirtschaftlichen Sektors, insbesondere der kleinbäuerlichen Nahrungsmittelproduktion. Beim Welternährungsgipfel im Juni 2008 wurden viele Versprechen gemacht – und nicht eingehalten. Von den zugesagten 22 Milliarden Dollar an Finanzhilfen flossen bislang nur zehn Prozent. Die EU hat allein fünf Monate gebraucht, um die angekündigte Milliarde Euro, die als schnelle Hilfe für arme Kleinbauern gedacht war, zu verabschieden. Der größte Teil der internationalen Gelder wurde bislang in der Nothilfe eingesetzt. Dringend notwendige Investitionsmittel für eine nachhaltige und kleinbäuerliche Landwirtschaft flossen nur spärlich.

Dass dies aber der richtige Weg wäre, hat uns die Nahrungsmittelkrise gezeigt: Jene Länder, die in die kleinbäuerliche Landwirtschaft investiert, soziale Sicherungssysteme eingeführt oder die Löhne für Arbeiterinnen und Arbeiter angehoben haben, waren weniger von der Krise betroffen. Ausschlaggebend war, dass die Maßnahmen auf hungergefährdete und marginalisierte Gruppen ausgerichtet waren. Die von Bundesregierung, EU und internationalen Finanzinstitutionen proklamierten »Quick Fixes« – Einsatz von Düngemitteln und Hochertragssorten – setzen hingegen einseitig auf eine schnelle Steigerung der Produktivität. Eine angepasste, die Bodenfruchtbarkeit verbessernde Landbewirtschaftung ist jedoch in Zeiten des Klimawandels drängender denn je. Der Weltagrarbericht hat deutlich gemacht: Nur eine Steigerung der Lebensmittelproduktion, die traditionelles Wissen integriert, auf Kleinbauern zugeschnitten ist und den Erhalt und den Aufbau der Bodenfruchtbarkeit in den Mittelpunkt stellt, ist geeignet, um den Hunger nachhaltig zu bekämpfen!

Unsere Autorin ist Agrarexpertin bei Oxfam Deutschland

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