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  • Politik
  • Verheerende Luftangriffe der israelischen Armee auf den Gaza-Streifen

Gespannte Ruhe in Israel

Olmert: Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet

  • Von Oliver Eberhardt, Jerusalem
  • Lesedauer: 5 Min.

Die arabischen Medien berichten rund um die Uhr von der Lage in und um Gaza, auch die israelischen, freilich mit anderem Tenor. Nach der erneuten Eskalation der Lage im Nahen Osten dominieren Entsetzen, Trauer, aber auch die Kriegsrhetorik.

Im arabischen Ost-Jerusalem herrschte am Sonntagmorgen – normalerweise ein geschäftiger Werktag – gespenstische Stille. Aus Protest gegen die Luftangriffe haben die Ladenbesitzer ihre Geschäfte geschlossen; auf der Straße halten sich nur wenige Menschen auf: Reisende, die hoffen, es über die eigentlich ebenfalls geschlossenen Kontrollpunkte ins Westjordanland zu schaffen. Und Hunderte von Sondereinsatzkräften der israelischen Polizei, die Aufstände verhindern sollen. Es ist eine Situation, wie sie überall in den überwiegend von Arabern bewohnten Gebieten im besetzten Ost-Jerusalem und westlich des Jordans anzutreffen ist.

Unaufhörlich haben die arabischen Nachrichtensender seit Samstagmorgen dramatische Bilder aus dem Norden des Gaza-Streifens gesendet und damit eine Wirkung erzielt, wie sie nie zuvor bei israelischen Militäroperationen, selbst dem Libanon-Krieg im Sommer 2006, zu erkennen gewesen war. Auch in Israel tut niemand so, als ginge das Leben seinen gewohnten Gang. Aller Orten diskutieren die Menschen darüber, was nun passieren wird. Man hat Angst.

Nicht vor der rabiaten Politik der eigenen Regierung und deren möglichen Folgen, sondern vor der Hamas. Deren selbstgebaute Raketen scheinen ungeachtet israelischer Bombardements im Laufe der vergangenen Jahre sehr viel besser geworden zu sein. Sie können offensichtlich besser treffen und reichen weiter als bisher.

So schlugen am Sonntag Morgen in der Großstadt Ashdod drei Raketen ein; in der Umgebung von Ashkelon waren es zwei. Dass die israelische Luftwaffe mit voller Härte gegen Ziele der Hamas im Gazastreifen vorgeht und dabei eine Vielzahl an Opfern in Kauf nimmt, scheint die Hamas auf ihrem neuen Kurs nur noch bestärkt zu haben.

Nachdem sie vor eineinhalb Wochen einen sechsmonatigen Waffenstillstand mit Israel für beendet erklärt hatte, wurden vom Gaza-Streifen Dutzende von Raketen abgeschossen – so viele, dass das Militär nicht mehr genau mitteilt, wie viele es eigentlich waren. Man betrachte die israelischen Luftschläge als Kriegserklärung und werde dementsprechend antworten, hatte am Samstag ein Sprecher der Hamas geäußert. Vorausgegangen war die Ankündigung eines israelischen Militärsprechers, die Luftangriffe seien nur der Anfang, falls die Hamas nicht umgehend wieder eine Waffenruhe erkläre.

Die Hamas begründet ihr Vorgehen mit der miserablen Versorgungslage im Gaza-Streifen, für die sie Israel verantwortlich macht: Die israelische Armee hatte, anders als im von Ägypten ausgehandelten Waffenstillstandsabkommen, die Übergänge in den Landstrich zwar für Hilfsgüter, nicht aber für Personen und allgemeine Warenlieferungen geöffnet. Man wolle damit verhindern, dass die Hamas und andere militante Organisationen ihre Waffenlager auffrischen und damit eine Gefahr für die Nachbarschaft darstellen, hatten dies Sprecher von Regierung und Militär in den vergangenen Monaten immer wieder begründet.

Aber die Israelis blicken auch nach Norden. Dort, in Libanon, erklärte die Hisbollah, die Israel im Sommer 2006 bei seinem Einmarsch heftigen Widerstand geleistet hatte, der Hamas zu Hilfe zu kommen. Am Freitag hatte die libanesische Regierung bekannt gegeben, Soldaten hätten fünf zum Abschuss bereite Katjuscha-Raketen entschärft, und die UNIFIL, die Blauhelmmission der Vereinten Nationen, erklärte, man sei darauf vorbereitet, einen Raketenbeschuss Israels durch die Hisbollah zu verhindern.

Von Premierminister Ehud Olmert und Verteidigungsminister Ehud Barak kommt die kategorische Erklärung, man sei im Norden auf alle Eventualitäten vorbereitet, brauche keine zusätzlichen Soldaten dort. Von Olmert heißt es, er wolle die Fehler des Libanon-Krieges nicht wiederholen. Was ihm seine israelischen Gegner vorwarfen, war freilich nicht der kriegerische Überfall auf Libanon, sondern die ungewohnt hohen Verluste der Israelis dabei.


Chronologie

Juni 2007: Die Hamas übernimmt nach monatelangem Bruderkrieg mit der Fatah die Kontrolle im Gaza-Streifen. Israel und Ägypten schließen daraufhin die Grenzen zu dem Palästinensergebiet.

September 2007: Israel erklärt den Gaza-Streifen zum »feindlichen Gebiet«. Strom- und Treibstofflieferungen an die Zivilbevölkerung werden gekürzt.

November 2007: Israel und die Fatah vereinbaren in Annapolis (USA) eine Wiederaufnahme ihrer Friedensgespräche.

15. Januar 2008: Die israelische Armee tötet bei einem Militäreinsatz im Gaza-Streifen 19 Palästinenser.

18. Januar 2008: Als Reaktion auf den andauernden Raketenbeschuss riegelt Israel den Gaza-Streifen ab. Die Stromversorgung für etwa 800 000 Einwohner bricht zusammen.

März 2008: 125 Palästinenser und zwei israelische Soldaten werden bei Kämpfen im Gaza-Streifen getötet.

19. April 2008: Hamas verübt einen Anschlag auf den Grenzübergang Kerem Schalom. Drei Angreifer werden getötet, 16 israelische Soldaten verletzt. Bei folgenden israelischen Luftangriffen werden daraufhin zehn militante Palästinenser getötet.

19. Juni 2008: Israel und 12 militante Palästinenserfraktionen im Gaza-Streifen vereinbaren eine sechsmonatige Waffenruhe. Sie läuft am 19. Dezember aus.

August 2008: Neun Tote und mehr als 100 Verletzte bei neuem Ausbruch innerpalästinensischer Gewalt. Die verbliebene Fatah-Führung flieht vor der Hamas aus Gaza.

5. November 2008: Erster gezielter israelischer Militäreinsatz im Gaza-Streifen seit der Waffenruhe.

26. Dezember 2008: Wenige Tage nach Ablauf der Waffenruhe fliegt Israel Angriffe im Gaza-Streifen an. (dpa/ND)

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