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»Nur wenige trauen sich vor«

Warum Harald Stubbe aus der Gewerkschaft NGG ausgetreten ist

  • Von Martina Benzing, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.

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Nach über 20-jähriger Mitgliedschaft hat Harald Stubbe seine Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten verlassen. »Einfach so« ist er nicht gegangen. In dem 53-Jährigen brodelt viel Kritik an dem Gewerkschaftsapparat.
Verhandlungen nur noch hinter verschlossenen Türen gingen Harald Stubbe gegen den Strich.
Verhandlungen nur noch hinter verschlossenen Türen gingen Harald Stubbe gegen den Strich.

Als engagierter Betriebsrat hat sich der Koch Harald Stubbe schon mehrfach gegen seinen Arbeitgeber vor Gericht durchgesetzt. Erst vor zwei Jahren war der Caterer EUREST, der die Kantine in der Frankfurter Commerzbank-Zentrale betreibt, vor dem Arbeitsgericht mit dem Versuch gescheitert, Stubbe durch Kündigung loszuwerden. Auch hohe Abfindungen hatte der »klassenbewusste Arbeiter« (Stubbe über Stubbe) stets abgelehnt. Vor wenigen Tagen sorgte nun sein Austritt aus der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und sein Eintritt in die Gewerkschaft IWW (Industrial Workers of the World) in Gewerkschaftskreisen für Aufsehen.

Der Tropfen, der für Stubbe nach über 20 Jahren NGG-Mitgliedschaft das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, war die jüngste Tarifrunde, die den EUREST-Mitarbeitern, die noch nie zu den »Besserverdienenden« gehört hatten, nur eine bescheidene Lohnerhöhung von 2,7 Prozent brachte. Als Befürworter eines einheitlichen Sockelbetrags für alle und Mitglied der Tarifkommission hatte er miterlebt, wie alles »hinter verschlossenen Türen« ausgehandelt wurde und ehrenamtliche Funktionäre letztlich nur die weitere Reallohnsenkung und eine Öffnungsklausel mit der Möglichkeit einer Streichung des Weihnachtsgeldes abnicken sollten.

Seit den 90er Jahren habe es im Grunde immer nur reale Absenkungen gegeben. Zudem, so Stubbe, müssten die Kantinen-Beschäftigten, die früher noch vom übrig gebliebenen Essen satt wurden, jetzt ein Essensgeld von 1,80 Euro entrichten. »Das hätten wir kippen können«, ist sich Stubbe sicher, doch der Wille dazu habe im Gewerkschaftsapparat gefehlt.

Harald Stubbe hatte in der Commerzbank-Kantine vor Jahren die Wahl eines Betriebsrates initiiert. Er forderte Mitbestimmungsrechte ein, führte Betriebsvereinbarungen zum Nutzen der Belegschaft herbei, lehnte Überstunden ab und sorgte für die richtige tarifliche Eingruppierung der Beschäftigten. Da nur wenige deutsche EUREST-Betriebe einen Betriebsrat haben, war sein Einsatz dem Management ein Dorn im Auge.

Schon bei seinem spektakulären Kündigungsschutzprozess vor zwei Jahren habe er mehr Solidarität von außerhalb als innerhalb der NGG erfahren, erinnert sich Stubbe. Ansätze zu einer aktiven Verteidigungskampagne seien im hauptamtlichen Apparat ausgebremst worden, weiß er zu berichten. Dabei sei eine Firma wie EUREST besonders auf ihren Ruf bedacht und somit für öffentliche Kampagnen sensibel.

Harald Stubbe, der durch seinen Einsatz in mehreren Betrieben einen gewerkschaftlichen Organisationsgrad von nahezu 100 Prozent erreicht hat, reflektiert (selbst-)kritisch über seine »kleine Karriere« als Delegierter im Landesbezirk und Mitglied im NGG-Regionsvorstand. »Es war in der NGG nicht erwünscht, sich negativ über das Rauchen zu äußern«, sagt der 53-Jährige. »Denk mal an die Arbeitsplätze in der Zigarettenindustrie«, habe man jedem Sitzungsteilnehmer entgegnet, der in einem verqualmten Raum gemahnt habe, das Rauchen ein wenig einzustellen. Ein anderer Kollege habe dies sarkastisch kommentiert: »Zum Glück vertritt die NGG nicht die Henker, denn sonst wären wir für die Einführung der Todesstrafe.«

Ganzseitige Anzeigen der Tabakindustrie im NGG-Zentralorgan hätten »sicher einen nicht geringen Einfluss« gehabt, so dass die NGG strikt gegen ein Werbeverbot für Zigaretten gewesen sei. »Natürlich ist man auch gegen eine Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln, denn die Süßwarenindustrie könnte darunter leiden«, beklagt Stubbe. Mit der Ampelkennzeichnung können Lebensmittel nach dem Anteil von Fett, Zucker und Salz mit einem roten, gelben oder grünen Punkt versehen werden.

Dass die NGG von Arbeitgebern bezahlt werde, will Stubbe damit nicht sagen. Der »Deal« laufe anders: »Die NGG erwartet von den Arbeitgebern, dass diese die Betriebsräte in Ruhe lassen. Dafür machen die Betriebsräte den Arbeitgebern das Leben nicht schwer. In großen Unternehmen haben freigestellte Betriebsräte so ihre Privilegien.« Die jährlichen Tarifverhandlungen seien nur noch »ein Ritual, in dem beide Seiten öffentlichkeitswirksam mit den Säbeln rasseln und danach moderate Abschlüsse tätigen«. Kritischere Gewerkschaftssekretäre, die weitergehende Kämpfe führen wollten, hätten als Angestellte des Geschäftsführenden Hauptvorstandes »die Schere im Kopf«; nur wenige »trauen sich mehr vor«.

Es gebe kämpferische Aspekte, aber »der Schmusekurs hat immer Vorrang vor dem Kämpfen«. Dabei zeigten einzelne erfolgreiche Streiks, dass »Belegschaften zum Kampf bereit sind, wenn die Sekretäre und Betriebsräte sie dazu mobilisieren«. Mit dem Trend zum Co-Management einhergegangen sei eine Entpolitisierung der Bildungsarbeit, beklagt Stubbe. Statt Geschichte der Arbeiterbewegung würden zunehmend nur noch Rhetorik- und Arbeitsrechtsseminare angeboten.

Harald Stubbes Kritik beschreibt nicht nur die NGG. »Da wird sich erst was bewegen, wenn die Mitglieder die Vorstände zum Teufel jagen«, sagt er. Die Frage ist nur: Wird die Erreichung dieses Ziels durch Abkehr der bewusstesten Arbeiter von den DGB-Gewerkschaften schneller zu erreichen sein oder vielleicht sogar erschwert?

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