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Frankreichs Justiz verhandelt im Auftrag

Paris: Prozess gegen angebliche Komplizen des Djerba-Attentäters – ein Deutscher ist darunter

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Fast sieben Jahre nach dem Anschlag auf eine Synagoge im tunesischen Djerba hat gestern in Paris ein Prozess gegen drei mutmaßliche Hintermänner begonnen. Einer der drei ist Deutscher: Christian Ganczarski, Islamist, Bote und Insulin-Lieferer von Al-Qaida-Chef Osama bin Laden. Er soll dem islamistischen Attentäter unmittelbar vor dessen Wahnsinnstat, die 21 Menschen ums Leben brachte, seinen »Segen« gegeben haben.

Es ist der 11. April 2002. Christian Ganczarskis Handy klingelt. Angerufen hat ihn ein Mann, vermutlich Nizar Nawarder, der sich wenige Minuten später mit einem Flüssiggas-Laster in die Luft sprengen und 21 »Ungläubige« mit in den Tod nehmen wird. Ganczarski sagt: Gehe in Frieden, Allahs Gnade und Segen sei mit Dir.

Da Garczarski für die deutschen Dienste kein Unbekannter ist, hören die mit und begreifen erst einige Zeit später, dass sie den Beginn eines verheerenden Terroranschlages registriert haben. Doch der kurze telefonische Kontakt zwischen Attentäter und dem deutschen Islamisten sowie die verschiedenen (zum Teil vermuteten, zum Teil bewiesenen) Aufenthalte von Ganczarski in Tschetschenien, Pakistan und Afghanistan reichen nicht aus, um einen Haftbefehl zu erwirken. Die Mitgliedschaft eines Deutschen in einer ausländischen terroristischen Vereinigung war damals noch nicht strafbewehrt.

Frankreich war da rechtlich weiter. Als Ganczarski im Juni 2003 mit Frau und vier Kindern aus Saudi Arabien kommend, in Paris in eine Maschine nach Frankfurt am Main umsteigen wollte, waren die durch die saudischen Kollegen bestens informierten französischen Geheimdienstler zur Stelle.

Abu Ibrahim, wie sich Ganczarski nach seinem Übertritt vom Katholizismus zur islamischen Heilslehre auch nennt, kommt aus Oberschlesien. In Gliwice, dem ehemaligen Gleiwitz, wo die Nazis den Zweiten Weltkrieg provozierten, wurde er geboren, siedelte 1976 im Alter von neun Jahren nach Deutschland um. In der Hauptschule schafft Ganczarski die siebte Klasse, mehr nicht.

Mit der Arbeit klappt es besser. Bei Mannesmann in Mülheim beginnt Ganczarski eine Lehre als Schmelzschweißer, schließt als Bester ab. Im Frühsommer 1986 – so berichtet er Vernehmern des Bundeskriminalamtes – spricht er in der Moschee des Islamischen Zentrums Wuppertal mit Gläubigen die »Schahada«, das Bekenntnis: »Es gibt keinen Gott außer Gott. Und Mohammed ist sein Gesandter.« Die Mülheimer Moschee wird ihm zur Heimat. Er lernt Nicola Garbrecht kennen. Sie war kurz vor ihm zum Islam übergetreten. Die beiden heiraten 1990. 1991 bietet ihm die saudi-arabische Universität von Medina ein Stipendium zum Studium der islamischen Theologie an. Er beißt an, die Falle klappt zu. Doch auf Dauer will man den Deutschen denn doch nicht durchfüttern, weder mental noch im Wortsinn. Man hat in an der Angel und alles weitere wird sich ergeben.

Für Insider damals schon interessant war die zwar rechtlich illegale, doch praktisch vollzogene Zusammenarbeit der Geheimdienste im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. Die Saudis wollten den Deutschen nicht schützen, aber loswerden, Deutschland hätte ihm nichts anhaben können, beide signalisierten Frankreich, das beim Anschlag zwei Landsleute verlor: Es ist Zeit zu handeln.

Die französischen Ermittler sind überzeugt: Der Deutsche ist ein wichtiges Mitglied des Terrornetzwerks Al Qaida. Die Anklage stützt sich unter anderem auf Videoaufnahmen, mit denen sie beweisen will, dass Ganczarski sehr früh zur Al-Qaida-Spitze gehörte. Auf Ausschnitten ist er inmitten von Gotteskriegern und Vertrauensleuten Osama bin Ladens zu sehen. Ganczarski soll einen engen Draht zum Terrorchef gehabt haben. Heißt es; es zu beweisen ist schwer.

Mit Ganczarski steht der Bruder des angeblichen Selbstmordattentäters in Paris vor Gericht. Er muss sich wegen Beihilfe zum Mord und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten. Dem dritten Angeklagten wird in Abwesenheit der Prozess gemacht: Der Pakistaner Chalid Scheich Mohammed sitzt noch im US-Gefangenenlager Guantanamo. Er gilt auch ohne Urteil als Chefplaner der Terroranschläge vom 11. September.

In einem öffentlichen Brief hatte der Häftling Ganczarski Bundeskanzlerin Angela Merkel um Hilfe gebeten. Er bat um eine »gerechte und faire Verhandlung«. Ganczarski meint, er werde vorverurteilt und beteuert, dass er nichts mit einem »schrecklichen Attentat« zu tun hat. Auch sei er kein hochrangiges Al-Qaida-Mitglied, wie es der damalige französische Innenminister 2003 behauptet hatte. Der heißt Nicolas Sarkozy und ist nun Präsident der französischen Republik.

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