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Rotterdams neuer Bürgermeister heißt Ahmed

Einst Basis des Rechtspopulisten Pim Fortuyn, wird die Hafenstadt jetzt von einem eingewanderten Bürgermeister verwaltet

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Alles ist in Bewegung an diesem Nachmittag. Marokkanische Jugendliche rauchen vor dem »Shanghai Supermarkt«, Mädchen, deren Vorfahren offensichtlich von den Niederländischen Antillen kamen, strömen aus US-amerikanischen Markengeschäften, »eingeborene« Holländer wärmen ihre winterlich kalten Hände an einem Glas türkischen Tee. Die Westkruiskade, die babylonische Einkaufsmeile im Herzen Rotterdams, vibriert.

Elaine, Inhaberin des gleichnamigen Afro-Haarsalons, hat vorzügliche Laune. Die Kundschaft ist zahlreich gekommen, und dann sah sie eben auch noch im Fernsehen, dass es jetzt offiziell ist: Seit Montag hat Rotterdam einen neuen Bürgermeister.

Das war zu erwarten, denn die Amtszeit des alten ging zu Ende. Bemerkenswert dagegen ist, dass Ahmed Aboutaleb in Marokko geboren wurde und erst im Alter von 15 Jahren in die Niederlande kam. Als erste Großstadt Europas wird Rotterdam von einem Einwanderer regiert. Elaine, die selber vor gut 40 Jahren das Licht der Welt in Surinam erblickte, setzt ein breites Grinsen auf, dann formt sie die Lippen zu einem Kuss: »Fantastisch ist das! In dem Land, aus dem ich komme, kann jeder Minister werden, egal ob Schwarzer, Chinese oder Hindu. Da wird es hier doch auch langsam Zeit!«

Metropole der Widersprüchlichkeit

Ausgerechnet hier, mag sich mancher denken. Andererseits: Wo auch sonst? Rotterdam ist die Metropole der Widersprüchlichkeit, Heimat des brutalsten Gabber-Techno, der architektonischen Avantgarde, des weltgrößten Hafens, hässlicher Häuser und herzlicher Menschen. Nirgends in den Niederlanden gibt es so viele sogenannte Problemviertel, die das Kabinett in Vorzeigekieze verwandeln will. Rotterdam ist das Zuhause von 170 Nationalitäten – und war vor sechs Jahren Ausgangspunkt einer Welle von Null-Toleranz-Sicherheitspolitik, mit der Rechtspopulist Pim Fortuyn dem vermeintlichen multikulturellen Mainstream die Rote Karte zeigen wollte. Im Rest vom Land ist die »Fortuynsche Revolution« inzwischen weitgehend verebbt. Hier dagegen hält sich seine alte Partei Leefbaar Rotterdam (Lebenswertes Rotterdam) als zweitstärkste noch immer im Stadtrat. Und dass »der neue Bürgermeister Ahmed heißt«, wie eine Tageszeitung süffisant titelte, davon sind ihre Abgeordneten gar nicht begeistert.

»Fehlbesetzung« – »am richtigen Platz«

Schlimmer als den Namen findet Ronald Sørensen noch, dass Aboutaleb zwei Pässe hat. Unmittelbar nachdem sich der Gemeinderat im Oktober für den Staatssekretär im Sozialministerium ausgesprochen hatte, brannten dem Gründer von Leefbaar Rotterdam die Sicherungen durch. Als Angehöriger einer Gruppe, die für so viel Ärger im Land sorge, sei Aboutaleb eine Fehlbesetzung als Bürgermeister, polterte er im Lokalradio.

Den marokkanischen Pass »weg-zuschmeißen«, das rät er Aboutaleb noch immer. Vom Rest seiner Aussage distanzierte sich Sørensen später unbeholfen. »Das war die erste emotionale Reaktion. Ich war in dem Moment nur das Sprachrohr meiner Wählerschaft.« Und die, so der frühere Sozialdemokrat, schaut zuerst darauf, dass »über 50 Prozent der Marokkaner hier schon mit der Justiz in Kontakt kamen«.

Doch nicht nur seine Abstammung macht Ahmed Aboutaleb umstritten. Sørensen eröffnet die Anklage: »Er ist ein Karrierist, der die Dinge nicht zu Ende bringt. Als er vor zwei Jahren Staatssekretär wurde, nannte er das eine große Herausforderung. Und jetzt geht er einfach. In seinem vorigen Job war es dasselbe.« Die vorletzte Tätigkeit des neuen Bürgermeisters ist auch so ein Punkt, der vielen Rotterdamern Bauchschmerzen bereitet. Er saß als Sozialdezernent in einem anderen Stadtrat – in Amsterdam. Und damit gewinnt man in der Hafenstadt keine Freunde. »In Dortmund machen sie doch auch keinen Schalker zum Bürgermeister«, lacht Deutschlandfan Søren-sen. Dass diese Abneigung irrational ist, räumt er freimütig ein. »Menschen sind nun einmal so, und dagegen ist nichts zu sagen.«

Davon abgesehen jedoch gibt auch Sørensen unumwunden zu, was hinter der Symbolik der Ernennung eines Marokkaners zum Bürgermeister einer niederländischen Metropole leicht verschwindet: Der Sozialdemokrat Aboutaleb ist durchaus ein Freund deutlicher Worte und unkonventioneller Konzepte, wie man sie auch aus dem Mund eines Leefbaar-Politikers hören könnte. Unangekündigte Hausbesuche bei Sozialhilfeempfängern? Migranten, die die niederländischen Werte nicht teilen, zum nächsten Flug ins Herkunftsland raten? Auch das ist Ahmed Aboutaleb, und auch daraus speist sich seine Popularität bis ins konservative Spektrum. »Kirchen verschwinden, Moscheen kommen«, sinnierte er in seiner Einführungsrede und bekannte sich dazu, die Sorgen der Menschen über diese Entwicklung ernst zu nehmen.

»Wenn er irgendwo am richtigen Platz ist, dann doch hier«, findet daher auch Peter van Heemst. Der Fraktionsvorsitzende der Rotterdamer Sozialdemokraten hält Aboutaleb schlicht für die beste Besetzung des vakanten Postens. Dessen Ruf, in Sachen Sicherheit eine harte Hand zu haben, spiele dabei auch mit, ebenso wie seine »klaren Positionen« zum Thema Integration. »Die Kommission, die über die Kandidaten entscheidet, hat rein sachlich entschieden. In ihrem Reglement steht, dass sie weder auf Herkunft, Alter noch auf Anzahl der Pässe zu achten hat, sondern auf die Qualifikation.«

Ganz außer Acht lassen will van Heemst die Biografie des Parteikollegen aber doch nicht. »Er hat natürlich das Potenzial, die Galionsfigur dieser Weltstadt zu werden.« Und die Skepsis, die Aboutaleb in Teilen der Bevölkerung entgegenschlägt? Peter van Heemst lacht. Zurückhaltend seien seine Stadtgenossen immer gewesen, wenn ein neuer Bürgermeister sein Amt antrat. »Das ist so eine typisch Rotterdamer Haltung:. Wir geben ihm eine ehrliche Chance, aber um die zu nutzen, muss er sich sehr anstrengen.«

Soziales Engagement ist gefordert

Nicht unwahrscheinlich dennoch, dass es für Aboutaleb, der wie 75 Prozent aller niederländischen Marokkaner aus dem Rifgebirge stammt, besonders hart wird. Das fürchtet zumindest Aruna Vermeulen, seit über zehn Jahren fester Bestandteil der internationalen Hip-Hop-Kultur Rotterdams. Die Breakdancerin freut sich einerseits darüber, »dass so jemand auf so einen Posten gekommen ist. Das ist eine Art von Anerkennung für Einwanderer.« Im »Hip Hop Huis«, einem selbstverwalteten Kulturzentrum, wo Aruna Breakdance-Kurse gibt, werde viel diskutiert über Aboutaleb, und nicht wenige zögen eine Parallele zu den USA: »Dort gibt es einen schwarzen Präsidenten. Wir haben einen marokkanischen Bürgermeister.« Doch die 32-Jährige traut dem Braten nicht so recht. »Ich hoffe, sie haben sich nicht für ihn entschieden in der Erwartung, dass er nun in kürzester Zeit sämtliche Integrationsprobleme löst.«

Wichtig ist für Aruna, dass der neue Stadtvater mehr soziales Engagement zeigt als sein Vorgänger Ivo Opstelten von der rechtsliberalen VVD. »Bei ihm lag der Schwerpunkt auf der Wirtschaft. Doch Rotterdam braucht jemanden, der die Leute auf der Straße ansprechen kann und sich um Jugendliche, Integration und Kultur kümmert.« Was sie sich wünscht, ist ein neuer Ansatz: weniger Prestigeprojekte, dafür mehr Unterstützung von Initiativen aus der Bevölkerung. Wie das »Hip Hop Huis« zum Beispiel, wo seit sechs Jahren Kurse in Breakdance und Graffitisprühen, für DJs und MCs angeboten werden. »Wir sind rappelvoll mit Kindern und Jugendlichen, und alles läuft friedlich. Keine Kämpfe, keine Messer, kein Ärger. Doch wir kriegen nur sehr wenig städtische Zuschüsse. Stattdessen diskutieren sie über ein großes Zentrum für urbane Kultur, und die Menschen, die etwas für die Gemeinden tun, sitzen bei dieser Entscheidung nicht mit am Tisch.« Vielleicht gelingt es dem neuen Bürgermeister ja, das zu ändern.«

Aruna schließt mit einer Weisheit aus der Hip-Hop-Welt: »Der Hintergrund einer Person interessiert uns nicht, die Stadt ist ohnehin gemischt. Wir schauen nicht auf deine Hautfarbe. Wir schauen auf deine Fähigkeiten.«

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