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Gab es die »tickende Bombe«?

Reuven Moskovitz zu israelischen Kriegszielen und deutschen Reaktionen / Der 80-Jährige Reuven Moskovitz ist ein Veteran der israelischen Friedensbewegung

Nach dem dritten Tag des israelischen Einmarsches: Gab es die »tickende Bombe«?

ND: Welche Folgen wird der Einmarsch israelischer Bodentruppen in den Gaza-Streifen Ihrer Meinung nach haben?
Moskovitz: Dieselben Folgen wie bei allen willkürlichen Kriegen, die keine Verteidigungskriege waren: Mord, Zerstörungen, Eroberungen und Siege, die keinen Frieden schaffen. Für die zahlreichen Kriege, die Israel provoziert und geführt hat, wurden politische Ziele gesetzt, die unerreichbar sind: erstens die Entstehung eines palästinensischen Staates zu verhindern; zweitens die israelischen Grenzen auf Kosten der Nachbarn auszuweiten; drittens sich der eigenen Verantwortung für Vertreibung und ethnische Säuberung zu entziehen.

Wie erklären Sie, dass größere Teile der israelischen Linken anfänglich für einen Militärschlag gegen den Gaza-Streifen war?
Ein Teil der Linken in Israel greift fast reflexartig zum Schrank, wo Reservisten Militäruniform und Waffe haben. Man kann diese Erscheinung mit der schrecklichen Vergangenheit erklären, wenn auch nicht rechtfertigen.

Wie beurteilen Sie die Ansicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel, ausschließlich Hamas trage die Verantwortung für die Bombenangriffe auf Gaza?
Kanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier sind schlecht orientiert oder schlecht informiert. Die Schuld am Zusammenbruch der »Tahadia« (Beruhigung) trägt ausschließlich Verteidigungsminister Ehud Barak. Die israelische Zeitung »Haaretz« hat am 30. Dezember treffend berichtet: »Alles hat am 4. November angefangen, als die israelische Armee in den Gaza-Streifen eindrang, um einen Tunnel zu sprengen, der ›eine tickende Bombe‹ sein sollte, nämlich ein Mittel, israelische Soldaten zu entführen. Am 11. November umzingelte die Armee ein Haus und sprengte es. Dabei wurde ein Hamas-Mann getötet ... War es der einzige Tunnel in Gaza? ... Man hätte doch den Ausgang des Tunnels auf der israelischen Seite blockieren oder einen Hinterhalt vorbereiten können. Israel hat sich aber mit dieser Aktion nicht begnügt. Am nächsten Tag liquidierte man ein Fahrzeug mit sechs Menschen, angeblich Hamas-Leute. Vielleicht sind es aber Menschen auf dem Weg zum Einkaufen gewesen. Diese Aktion tief im Gaza-Streifen hat zur Eskalation geführt. Hamas hat darauf mit einem Hagel von Raketen geantwortet. Israel reagierte mit der Sperrung der Übergänge. So hat die Aktion ›Gegossenes Blei‹ angefangen. Hamas hat sogar Leute von ›Dschihad Islami‹ festgenommen, die auf Israel schossen oder zu schießen planten.« So stand es am 30. Dezember in »Haaretz«.

Die deutschen Medien machen fast ausnahmslos die Hamas für den Bruch des Waffenstillstands mit Israel verantwortlich. Wie sehen Sie das?
Die deutschen Medien erscheinen mir, was Israels Politik anbelangt, fast gleichgeschaltet. Dies kommt zum Ausdruck in der bedingungslosen Solidarität mit allem, was sich Israel den Palästinensern gegenüber leistet.

Die israelische Friedensbewegung hatte am Sonnabend ihre größte Demonstration seit Jahren. Wächst ihre Bedeutung wieder?
Es ist ermutigend, dass so viele Menschen demonstriert haben. Dennoch bleibt die Friedensbewegung marginal im politischen Kalkül, gleichgültig welche Partei regiert.

Fragen: Rolf-Henning Hintze

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