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Eine Tafel in Paris

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 7 Min.
Das Rosa-Luxemburg-Komitee am Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Berlin-Pankow
Das Rosa-Luxemburg-Komitee am Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Berlin-Pankow

Der Vorgang dürfte einmalig sein: 1993, vier Jahre nach dem Ende der DDR, wählt ein Gymnasium in den neuen Ländern, das Gymnasium in Berlin-Pankow, den Namen »Rosa Luxemburg«. Die Schulkonferenz trifft die Entscheidung. Das Gremium, bestehend aus Schülern, Eltern, Lehrern und dem Schulleiter, spricht sich mehrheitlich dafür aus, die Schule solle künftighin Rosa-Luxemburg-Gymnasium heißen. Versetzt man sich in jenes Jahr zurück, in jene Zeit gestürzter Ideen und Ideale, in die Zeit der Suche nach neuen Werten und nach neuem Ansehen, ist das nicht nur einmalig, sondern auch verwunderlich.

Weniger verwunderlich erscheint der Vorgang allerdings, weiß man, dass das Gymnasium bis dato »Wilhelm-Pieck-Gymnasium« hieß. Hat ein Staat, ein System abgedankt, und zwar keineswegs unverschuldet, stürzen auch dessen Repräsentanten. Mit wem kann man sich identifizieren? Drei Vorschläge standen zur Abstimmung. Erstens: Eo Sander, Erbauer der Schule. Zweitens: der Schriftsteller Stefan Zweig. Drittens: Rosa Luxemburg. Dafür, dass die Wahl auf sie fiel, mag entscheidend gewesen sein, dass sich Teile der DDR-Opposition auf R.L. berufen hatten. Auf ihren vielzitierten Satz, der im Januar 1988 zum Eklat führte: Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Ein Satz, mit dem die leidenschaftliche Revolutionärin die revolutionäre Crux beschreibt: das Einfache, das schwer zu machen ist.

*

19. Dezember 2008. Letzter Schultag vor Weihnachten, nach der letzten Unterrichtsstunde. Das R.-L.-Komitee tritt zusammen. Man trifft sich im »Café Hugo«, im Souterrain, in einem Séparée. Draußen ist es bereits dunkel. Um den Tisch, eine lange Tafel, haben neun Mädchen Platz genommen. Sie bestellen Café latte. Hier unten darf geraucht werden, was einige freudvoll in Anspruch nehmen. Jungen gehören nicht zur Runde. »Die sind noch nicht reif genug«, vermuten die Komiteemitglieder, die nächste Vorhaben planen wollen. Als die Schulkonferenz entschied, die Schule nach R.L. zu benennen, waren sie noch im Krabbelalter oder gingen in die Kita. Heute sind es junge Frauen, selbstbewusst, wissbegierig, fröhlich. Und jede einzelne bildhübsch – undenkbar noch eine Gesellschaft, in der dies nicht erwähnenswert wäre.

Was interessiert sie an der Frau, die im vor- und vorvorigen Jahrhundert lebte? Die Antworten sind vielfältig.

Daniela, 20, schätzt ihr »politisches Engagement« – noch im Exil habe die polnische Jüdin ihre Arbeit fortgesetzt, sie habe nicht aufgegeben. Außerdem sei die erste Studentin an der Züricher Universität das gewesen, was man heute eine Feministin nennt. Sie sollte nicht vergessen sein, schon weil sie, selbst keine Extremistin, von Rechtsextremisten ermordet wurde, »wegen ihres politischen Andersseins«.

Susanne, 20, schätzt an R.L., »dass sie sich nie unterordnete, keinen Männern und keinem System«. Sie sieht in ihr eine »reflektierte Person«, die »keine Revolution wollte: Alles sollte gewaltfrei, demokratisch ablaufen«. Johanna, 17, imponiert, dass R.L. »ihre Meinung vertrat und die Konsequenzen trug«.

Ob R.L. tatsächlich Revolutionen oder revolutionären Terror ablehnte – der kleine, entscheidende Unterschied, in diesem Fall sei er geschenkt. Sie haben viel über R. L. gelesen, sich mit ihrem Leben beschäftigt. Selbstverständlich ist das auch an einer Rosa-Luxemburg-Schule nicht. Und es ist nicht schulische Pflicht. Doch es erzählt von kluger Pädagogik, nachhaltiger Demokratieerziehung.

Mit am Tisch sitzt Manuela Dräwe, Fachlehrerin für Chemie, Biologie und Ethik. Sie unterstützt das Komitee und gehört zu jenen Pädagogen, die, seit die Schule den Namen R.L. trägt, die Schüler an die Persönlichkeit der Namensgeberin heranführen. Alljährlich am 5. März feiert die Schule R.L.s Geburtstag. Für die »Neuen«, die 9. Klassen, wird ein Unterrichtstag veranstaltet, an dem sie zum Landwehrkanal fahren oder aber das Grab R.L.s auf dem Friedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde besuchen. Und seit fünfzehn Jahren finden die Rosa-Luxemburg-Fahrten statt; mittlerweile kann man durchaus von einer Tradition sprechen. Diese freiwilligen Fahrten führen Schüler der 9. und 10. Klassen in die polnische Heimat R.L.s – nach Warschau, Breslau, Krakau und Zamocz. Die 11. und 12. Klassen reisen nach Zürich, Basel, Paris, wo sie auf den Spuren Luxemburgs wandeln. Alles andere als Vergnügungsfahrten, »anstrengender als Schule«, meint Josefine, 16: »Wir sind den ganzen Tag auf den Beinen, und es schlaucht auch emotional.« Frau Dräwe fügt erklärend hinzu, man wolle bei diesen Fahrten auch deutsche Geschichte aufarbeiten: den Überfall auf Polen zum Beispiel, die Vernichtung jüdischer Menschen, polnischer und französischer: »Hätte Rosa Luxemburg länger gelebt, wäre auch sie Opfer der Verfolgung geworden.« So stünden auf dem Reiseprogramm auch Besuche in Auschwitz und Maidanek sowie im französischen Drancy, wo sich ehemals das Deportationslager für die Pariser Juden befand.

Marie-Christine, 19, bedauert sehr, dass es die Gedenkstätte in Drancy heute nicht mehr gibt. Sie wurde geschlossen, aus finanziellen Gründen; ein Wohnhaus steht heute an ihrer Stelle. Nicht nur Marie-Christine ist der Meinung, dass die Franzosen mit ihrer Geschichte »nicht besonders gut umgehen«. Die Schweizer erwiesen der ihren mehr Respekt: Wenn sie in Zürich ins Sozialarchiv gingen, halte die Leiterin einen Vortrag über R.L. An der Uni bewahre man das Original ihrer Doktorarbeit auf, und in der Altstadt finde man eine »Hinweisplakette auf R.L., sogar welche auf Lenin. Das zeigt, dass sie dort geachtet werden«.

*

Sie alle haben diese Fahrten absolviert und Gewinn aus ihnen gezogen. Daniela, die demnächst ihr Abitur ablegt, und Susanne, die inzwischen schon ein Lehramtsstudium für Deutsch und Biologie aufgenommen hat, gehören zu den Gründungsmitgliedern des Komitees, das vor fünf Jahren zusammenfand. Die Idee: einerseits die Kräfte zu bündeln, andererseits eine R.L.-Kultur an der Schule zu etablieren. Ein literarischer Nachtsalon, bei dem sie aus R.L.s Tagebüchern lasen, war gut besucht. Darauf sind sie stolz.

Stolz sind sie vor allem auf ihre Initiative, dass in Paris, im 18. Arondissement, am Haus Rue de Feutrier 21, in dem R.L. zeitweilig wohnte, nunmehr eine Erinnerungstafel angebracht wird. Leicht war das nicht. Viele Gespräche mit der Bürgermeisterin, Madame Danielle Furniere, waren nötig, auch musste die Einwilligung der heutigen Mieter eingeholt werden. Inzwischen ist die Tafel genehmigt, eigentlich müsste sie das Haus schon seit dem letztem Herbst schmücken. Ob es tatsächlich dazu kam, weiß das Komitee noch nicht. Noch kam keine Rückmeldung, Paris liegt ja nicht um die Ecke ....

Man wird nicht erleben, dass die Mädchen auf intime Weise von »Rosa« reden, als wären sie mit ihr per Du – es ist nicht ihr Stil. »Rosa« und »Sie«, das trifft ihr Verhältnis, das auch eine kritische Sicht einschließt. Susanne zum Beispiel findet es seltsam, dass R.L. mit Tieren und Pflanzen sprach; so steht es in ihren Tagebüchern. Ist das denn so absonderlich? Flugs bilden die Mädchen eine Front, um Susanne beizuspringen: »Das nicht«, erklären sie amüsiert, »doch sie schreibt, dass ihr die Tiere und die Pflanzen geantwortet hätten!«

In der poetischsten aller Welten bewahren sie eine gewisse Distanz und können sich doch identifizieren. Vorurteile, wie sie damals R.L. entgegengebracht wurden, bekommen auch sie heute zu spüren, wenn ihr Gymnasium aufgrund seines Namens als »die rote Schule« geschmäht wird. Wie R.L. ihre Meinung vertrat, so stehen sie zu der Namenswahl. Johanna, 17, findet es auch im schulischen Alltag schwer, die eigene Meinung nicht aufzugeben, wenn »alle anderen dagegen argumentieren«. Immerhin versucht sie es. Und Josefine macht nicht mit, wenn andere gemobbt werden, obwohl Mitmachen einfach wäre. Laura, 18, glaubt, R.L.s »demokratische Herangehensweise« biete Raum für Identifikation: »Wir leben heute in einem Land, in dem wir uns frei äußern können.«

Courage werden sie trotzdem brauchen, Courage haben sie. Von der Ausbildung her Elite, kennen sie keine Zukunftsängste. Dass die Werte, die sie vertreten, in einer Behörde, in einem Konzern vielleicht einmal nicht geschätzt werden könnten, können sie sich nicht vorstellen. Sie vertrauen dem Spruch, der über der Tür ihres mehr als hundertjährigen Schulgebäudes, das sie »die Villa« nennen, steht: Non scolae, sed vitae discimus – Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir.

Laura möchte Kriminalpolizistin werden. Weil sie beobachtet hat, dass »heute bei vielen Jugendlichen das politische Engagement verloren geht«. »Nur meckern, sich dem System verweigern«, das will sie nicht, sondern »einsteigen in das System, um es von innen zu verbessern«.

Christina Matte ist seit 1982 Redakteurin bei Neues Deutschland.

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