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  • Rosa und Karl

Januar 1919

»Die Ordnung herrscht in Berlin«

Karl Liebknecht spricht vor dem Ministerium des Inneren in Berlin (Unter den Linden), 5.
Karl Liebknecht spricht vor dem Ministerium des Inneren in Berlin (Unter den Linden), 5.

90 Jahre sind seit dem Januar 1919 vergangen. Wenn davon in Medien und Publikationen berichtet wird, ist immer noch vom »Spartakus-Aufstand« die Rede, obgleich von der seriösen Historiografie spätestens seit Mitte der 80er Jahre diese Bezeichnung eindeutig als falsch zurückgewiesen wird. Trotzdem: Berlin erlebte in den ersten Januarwochen 1919 eine Massenbewegung, im Kern einen Arbeiteraufstand, durchaus vergleichbar mit der revolutionären Erhebung am 9./10. November 1918.

Demonstration revolutionärer Soldaten und bewaffneter Arbeiter in der Leipziger Straße in Berlin, 6. Januar 1919
Demonstration revolutionärer Soldaten und bewaffneter Arbeiter in der Leipziger Straße in Berlin, 6. Januar 1919

Der Anlass war am 4. Januar die Entlassung des Polizeipräsidenten Emil Eichhorn, der auf dem linken Flügel der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) stand, durch die preußische Regierung, die sich wie der »Rat der Volksbeauftragten« seit Ende Dezember nur noch aus Mitgliedern der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) zusammensetzte. Eichhorn weigerte sich zurückzutreten mit dem Hinweis, er habe seine Funktion durch die Revolution erhalten und er werde diese nur der Revolution zurückgeben. Verfehlungen im Amt konnten ihm nicht nachgewiesen werden. Er sollte wohl seine Stellung räumen, da er sich zuletzt bei den Weihnachtskämpfen, der sogenannten Blutweihnacht, nicht auf der Seite des bombardierenden kaiserlichen Generals Lequis, sondern bei den »roten« Matrosen und Arbeitern aufgestellt hatte. Ein solcher Polizeipräsident war für die Regierung untragbar.

Die Polizeipräsidenten, hohen Militärs und der übrige alte Machtapparat in Preußen und im Reich sympathisierten in ihrer übergroßen Mehrheit nicht mit der »Revolutionsregierung«, sondern garantierten die rechte »Ordnung«. Gefahr drohte nur von links. Es gab entschiedene Forderungen von Militärs und Wirtschaftsbossen, die Linke zu bekämpfen. General Groener von der Obersten Heeresleitung gestand später: Am 29. Dezember rief der SPD-Vorsitzende und Reichskanzler Friedrich Ebert den Reichswehrminister Gustav Noske heran, um Truppen gegen die Spartakisten zu führen. Am 29. sammelten sich die Freiwilligenverbände, nun konnte der Kampf losgehen. Noch deutlicher war Hauptmann Papst von der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, der am 1. Januar 1919 an Ebert schrieb: »Solange Spartakus sich der Förderung des Polizeipräsidenten Eichhorn und ähnlicher Leute erfreut, wird es unmöglich sein«, »Ruhe« zu schaffen: »Wir fordern ... Entfernung aller Unruhestifter aus allen erforderlichen Stellen!«

Obgleich es damals lediglich Zeitungen und Flugblätter für die Verbreitung von Nachrichten gab, rief die Meldung von der Absetzung Eichhorns sofort einen Sturm der Entrüstung hervor. Am Abend des 4. Januar beschlossen die Revolutionären Betriebsobleute, mehrheitlich USPD-Anhänger, Mitglieder des Berliner USPD-Vorstandes, Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck von der soeben konstituierten Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) einen Aufruf zur Protestdemonstration für den 5. Januar. Die Massen strömten am Sonntagnachmittag in den Tiergarten und zum Alexanderplatz mit dem Polizeipräsidium. Die Kundgebung zeigte mit ihren Forderungen, dass der Massenprotest tiefere Ursachen hatte.

Die »Blutweihnacht«, die dringenden Forderungen nach weiteren revolutionären Veränderungen wie die Sozialisierung der Kernindustrien, die Demokratisierung der Armee und eine rasche Verbesserung der miserablen Lebenslage wirkten permanent auf die Stimmung der empörten Arbeitermassen. Die Redner, Ernst Däumig, Emil Eichhorn, Georg Ledebour (alle USPD) und Karl Liebknecht, mahnten vor Gewalttätigkeiten und riefen zu neuerlichen Demonstrationen am nächsten Tag auf. Ungeachtet dessen besetzten Demonstranten, zum Teil bewaffnet, am Abend – wie schon zu Weihnachten – das Gebäude des SPD-Organs »Vorwärts« in der Lindenstraße, das Wolffsche Telegraphenbureau in der Charlottenstraße und das Verlagshaus Mosse, wo das »Berliner Tageblatt« erschien, später dann auch den Scherl-Verlag mit dem »Berliner Lokal-Anzeiger« in der Zimmerstraße und Ullstein in der Koch-/Markgrafenstraße, wo die »Morgenpost« und andere Massenblätter herauskamen, sowie die Druckerei Büxenstein, das Haupttelegrafenamt und die Reichsdruckerei. Die Demonstration schlug damit spontan in einen Aufstand um.

In der Nacht bildeten Vertreter der USPD, der Revolutionären Obleute und der KPD, mit Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck, einen »Provisorischen Revolutions-Ausschuss« mit Ledebour, Liebknecht und Paul Scholze (von den Obleuten) an der Spitze. Er bestand aus 33 Mitgliedern, darunter lediglich drei Spartakusleute, und nahm seinen Sitz im Marstall, dem Depot der Volksmarine, musste dann aber nach deren überraschender »Neutralitäts«-Erklärung ins Polizeipräsidium umziehen. Er erließ einen Aufruf, in dem die Regierung Ebert-Scheidemann für abgesetzt erklärt wurde, da sie sich »unmöglich gemacht habe«. Unklar blieb, wie denn der Ausschuss »die Regierungsgeschäfte vorläufig übernehmen« wollte. Unklar blieb auch, wie der nur maschinenschriftlich gefasste, von Liebknecht und Scholze unterzeichnete Aufruf verbreitet wurde. Es wird berichtet, dass selbst die KPD-Zentrale keine Kenntnis hatte und erst am 14. Januar durch eine Publikation im »Vorwärts« davon erfuhr. Offenbar völlig überrascht hielt Rosa Luxemburg Liebknecht das Dokument vor: »Karl, ist das unser Programm? – Der Rest war Schweigen.« Der Übergang von der Agitationslosung »Nieder mit der Regierung Ebert-Scheidemann« zur scheinbaren Direktive zum Sturz war zweifellos eine schwere Fehlentscheidung. »Die elementarsten Regeln der revolutionären Aktion haben sie vernachlässigt«, meinte Rosa Luxemburg. Und in der Tat, das Kräfteverhältnis nicht allein in Berlin, sondern auch im Reich, war derart, dass für einen solchen Schritt einfach grundsätzliche Voraussetzungen fehlten.

Auch die am 6. Januar erneut im Tiergarten zu Hunderttausenden zusammenströmenden Massen erfuhren nicht, wie es weitergehen sollte: »Nieder mit der Gewaltherrschaft der Ebert-Scheidemann. Es lebe der revolutionäre Sozialismus!« Aber was tun? Enttäuscht verließen die Demonstranten das Zentrum. Der Revolutions-Ausschuss tagte in Permanenz, die Hochstimmung war verflogen, die Garnison, selbst die Reste der Volksmarinedivision verweigerten sich.

Inzwischen hatte die »Reichsregierung«, wie sie sich jetzt im Unterschied zum revolutionären »Rat der Volksbeauftragten« vorzugsweise nannte, weiter gehandelt. Schon am 4. Januar besichtigten Ebert und sein Oberbefehlshaber Noske in Zossen neu formierte konterrevolutionäre Einheiten, die Freikorps, die die »unzuverlässigen« Divisionen in Berlin im Kampf gegen die »Aufständischen« unterstützen sollten. Diese wurden von der Regierung schlechthin allesamt (im Aufruf vom 8. Januar) als »Spartakus« bezeichnet: »Die Stunde der Abrechnung naht!«, und die gesamte bürgerliche und SPD-Presse tönte vom »Spartakus-Aufstand«. Der provisorische »Vorwärts« sprach von »russischen Söldnern«, die den »Terror und die Diktatur der Maschinengewehre« wollten. General von Lüttwitz zog mit Noske, der sich selbst als »Bluthund« bezeichnete, ins Luisenstift in Dahlem. Von dort wurde nun der Angriff aufs revolutionäre Berlin organisiert. Aus Offizieren, Studenten und entlassenen Soldaten bildeten sich »Zeitfreiwilligen-Verbände«; ein »Helfer-Dienst der SPD«, »Bürgerwehren« entstanden. Erstes Ziel ab 7. Januar: Sicherung bzw. Rückeroberung der Staatsgebäude und Verlage.

Teile der USPD-Zentrale begannen nun Verhandlungen mit der Regierung, obgleich sie am 6. Januar ihren gewaltsamen Sturz mitbeschlossen hatten. Erfolglos. Die KPD-Zentrale war uneins, besser wohl: zerstritten. Ein Teil hatte noch Hoffnung auf einen neuerlichen Aufschwung der Massenbewegung, sie erwies sich aber als trügerisch. Für mehrere Genossen traf zu, was Annelies Laschitza treffend über Karl Liebknecht schrieb: »Die Diskrepanz zwischen seinen Worten und der Realität war ihm nicht klar«. Für den 9./10. Januar rief er gemeinsam mit dem USPD-Vorsitzenden Hugo Haase erneut zum Massenstreik. Aber überall verbreitete sich Aktions- und Streikmüdigkeit: kein weiteres Blutvergießen, Einigung der Arbeiterschaft über die Köpfe der Parteiführer hinweg. Der USPD-Arbeiterrat Stahlberg schilderte am 9. Januar die Lage nach dem 6./7. Januar so: »Die Massen riefen nach den Führern, um die Direktiven zu weiteren Taten zu bekommen, doch die Führer waren nicht vorhanden und jeder, der schreien konnte, kommandierte. Es war ein ganz wirres Durcheinander.«

Am 10. Januar beschlossen die Leitungen der KPD und der USPD den Rückzug aus den »revolutionären« Gremien. Das wurde aber erst am 13. Januar durch die KPD-Zeitung »Die Rote Fahne« bekannt. An diesem Tag begann Noskes Angriff mit dem Sturm auf das Rathaus Spandau. Dem weißen Terror fielen der Vorsitzende des Arbeiterrates Robert Pieser und der Vorsitzende des Soldatenrates Max von Lojewski sowie vier weitere Kommunisten zum Opfer. In Berlin wurden Ernst Meyer (KPD) und Georg Ledebour (USPD) verhaftet. Am 11. Januar bombardierten Haubitzen und Mörser den »Vorwärts«. Sieben Parlamentäre kamen aus dem Gebäude, um die Übergabe zu verhandeln, sie wurden verhaftet, misshandelt und in der Dragoner-Kaserne in der Belle-Alliance-Straße (heute Mehringdamm) erschossen. Dort misshandelte die Soldateska auch etwa 300 Männer und Frauen nach der Besetzung. Der hier verantwortliche Major von Stephani berief sich später im Prozess auf den Befehl der Regierung und wurde freigesprochen. Das Büro der KPD in der Friedrichstraße wurde gestürmt und verwüstet.

Ähnliches passierte in den besetzten Gebäuden des »Zeitungs-Viertels«. 300 Mann der Garde-Schützen-Division marschierten triumphierend vom Südwesten aus Friedenau zur Potsdamer und Leipziger Straße in die Wilhelmstraße. Noske hielt vor der Reichskanzlei eine Ansprache, in der er sich rühmte, als Arbeiter jetzt an der Spitze der bewaffneten Macht der »Sozialistischen Republik« zu stehen. In den nächsten Tagen besetzten seine Truppen Moabit, »um die Unruheherde in den großen Fabriken dieser Gegenden im Voraus zu beseitigen«, weiter die südlichen und mittleren Stadtbezirke der Hauptstadt. Razzien, Misshandlungen und Verwüstungen, so zum Beispiel im USPD-Büro am Schiffbauerdamm, waren an der Tagesordnung. Der »Vorwärts« druckte am 13. Januar das »Gedicht« eines gewissen Artur Zickler:

»Vielhundert Tote in einer Reih Proletarier!
Karl, Rosa, Radek und Kumpanei es ist keiner dabei ...«

Am 14. Januar erschien Rosa Luxemburgs Artikel »Die Ordnung herrscht in Berlin«. Sie gab eine erste Analyse der Kämpfe: Der Abwehrkampf gegen die Provokation war notwendig, aber ein endgültiger Sieg des revolutionären Proletariats angesichts des Kräfteverhältnisses nicht möglich. Sie sah einen Widerspruch zwischen dem »kraftvollen, entschlossenen, offensiven Auftreten der Berliner Massen und der Unentschlossenheit, Zaghaftigkeit, Halbheit der Berliner Führung ... Die Führung hat versagt«. Sie war zutiefst überzeugt: Aus dieser »Niederlage« wird »der künftige Sieg erblühen«. So auch Karl Liebknecht mit seinem »Trotz alledem« in der »Roten Fahne« am 15. Januar 1919. Eine tiefere Analyse gerade auch der Führung und der Rolle der jungen Partei wäre nötig gewesen. Aber dazu ließen die »Garde-Schützen« des Hauptmann Papst ihnen keine Zeit. Noch am gleichen Tag ermordeten sie beide Führer der KPD (Spartakusbund).

Die Januar-Ereignisse lasteten wie ein Alb auf der jungen Republik. Gewalt und Mord – millionenfach im Krieg gegen andere Völker geübt – gerieten zum gewohnten Mittel der politischen Auseinandersetzungen im eigenen Land.

Der Geschichtsprofessor (Jg. 1932) hat zahlreiche Bücher zum Thema herausgegeben, darunter den Dokumentenband »Groß-Berliner Arbeiter- und Soldatenräte in der Revolution 1918/19«.

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