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  • Rosa und Karl

Der Doppelmord

Hinter den Tätern stand die SPD

  • Von Klaus Gietinger
  • Lesedauer: 4 Min.
Der ermordete Karl Liebknecht auf dem Totenbett
Der ermordete Karl Liebknecht auf dem Totenbett

Wenn über den folgenschwersten Doppelmord der deutschen Geschichte in den Medien berichtet wird, heißt es meist kurz und knapp: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wären von Freikorpssoldaten ermordet worden. Bei solcher Darstellung schwingt mit, es seien Marodeure gewesen. Es handelte sich aber um reguläre Regierungstruppen. Und die Regierung war zu dem Zeitpunkt rein mehrheitssozialdemokratisch. Der Oberbefehlshaber der Freikorps hieß Gustav Noske (SPD), der schon Weihnachten 1918 dem Kriegsminister vorgeschlagen hatte, auf jeden zu schießen, »der der Truppe vor die Flinte kommt«. Er arbeitete zusammen mit Hauptmann Waldemar Pabst, dem faktischen Befehlshaber der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, einer ursprünglich kaiserlichen Elitetruppe, die Pabst in Absprache mit der SPD-Regierung in ein Freikorps verwandelt hatte. Finanziert wurde es vom Großindustriellen Hugo Stinnes und den Generaldirektoren Friedrich Minoux und Salomon Marx. Noske wiederum war am 6. Januar 1919 mit »unbeschränkter Vollmacht« ausgestattet worden, die revolutionäre Linke zu vernichten. »Die Stunde der Abrechnung naht«, verkündete ein Regierungsplakat. Es hätten sich viele gefragt, so Noske, ob denn »niemand die Unruhestifter unschädlich mache«. Pabst erklärte sich dazu bereit und schrieb in seinen Memoiren, dass die Liquidierung Luxemburgs und Liebknechts »durchgeführt werden musste, darüber bestand bei Herrn Noske und mir nicht der geringste Zweifel«.

Die Beisetzung von Rosa Luxemburg, Monate nach ihrem Tod, Juni 1919
Die Beisetzung von Rosa Luxemburg, Monate nach ihrem Tod, Juni 1919

Als ihm nun am Abend des 15. Januar 1919 die beiden Spartakistenführer von seiner Einwohnerwehr widerrechtlich in sein Stabsquartier ins Eden-Hotel geliefert wurden, entschloss sich Pabst, sie ermorden zu lassen. Er rief – so äußerte er sich 1968 gegenüber dem Rechtsanwalt und Ex-Marinerichter Otto Kranzbühler – Noske an und bat ihn um den Liquidierungsbefehl. Der lehnte ab, da dann die Partei »zerbrechen würde« und schlug Pabst vor, sich die Genehmigung von seinem Befehlshaber General von Lüttwitz zu holen. Pabst wandte ein, die werde er nie bekommen und Noske quittierte dies mit der Bemerkung. »Dann müsse er selbst verantworten, was zu tun sei.« Pabst verstand den Wink, ließ Liebknecht von seinen als einfache Soldaten getarnten Offizieren in den dunklen Tiergarten fahren und dort hinterrücks erschießen. Abgedrückt haben: Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Harttung (29), Oberleutnant zur See Ulrich von Ritgen (24), Leutnant der Reserve Rudolf Liepmann (24) und Leutnant zur See Heinrich Stiege (23). Stiege antwortete vor Gericht auf die Frage »Wohin haben Sie gezielt?«: »Auf den Körper, vielleicht auf das Kreuz, wenn man davon sprechen kann.« Rosa Luxemburg wurde kurz nach der Abfahrt des sie transportierenden Wagens durch den aufspringenden Leutnant zur See Hermann Souchon (24) aus unmittelbarer Nähe erschossen.

Doch es passierten zwei Pannen. Sowohl Liebknecht als auch Luxemburg waren vorher von dem Jäger Runge, der an der Tür des Hotels Posten stand, schwer verletzt worden. Runge hatte sich von einem Hauptmann Petri bestechen lassen, der von den Beschlüssen Pabsts nichts wusste. Außerdem ließ der Transportführer des Luxemburg-Transportes, Oberleutnant a.D. Vogel, die Leiche Luxemburgs in den Landwehrkanal werfen.

Bei der Vertuschung des Ganzen tat sich die SPD-Regierung besonders hervor, denn sie beauftragte Pabsts Division mit der Aufklärung des Falles. Es kam schließlich zu Freisprüchen für die Liebknechtmörder und zu zwei lächerlichen Strafen für Runge und Vogel. Der Luxemburgmörder Souchon wurde gar nicht angeklagt. Vogel, den man in der Öffentlichkeit verdächtigte, abgedrückt zu haben, bekam jedoch Angst und wurde von einem der Richter, dem späteren Abwehrchef Hitlers Wilhelm Canaris aus dem Gefängnis geholt und nach Holland verfrachtet. Die Untersuchung des Skandals überließ man wieder Pabsts Division. Der genoss den Schutz Noskes und ist nie wegen seiner Tat belangt worden. Noske jedoch benutzte Pabst und seine Truppe für weiteren Terror in Berlin und München, der tausenden Menschen das Leben kostete.

Im März 1920 bestätigte Noske dann, gegen allen juristischen Rat, das Urteil gegen Vogel, verhinderte so dessen Auslieferung und entging der Gefahr, durch das Plaudern Vogels als Hintermann genannt zu werden. Pabst dazu 1969: »Dass ich die Aktion ohne Noskes Zustimmung gar nicht durchführen konnte (mit Ebert im Hintergrund) und auch meine Offiziere schützen musste, ist klar … Als Kavalier habe ich das Verhalten der damaligen SPD damit quittiert, dass ich 50 Jahre lang das Maul gehalten habe … Wenn mir der Papierkragen platzt, werde ich die Wahrheit sagen, was ich auch im Interesse der SPD gern vermeiden möchte … Deren Bündnis mit uns Soldaten liegt ihnen im Magen.« – 90 Jahre nach diesem Mord-Bündnis wäre es an der Zeit, dass die SPD dazu Stellung nähme.

Vom Drehbuchautor und Regisseur (Jg. 1955) erschien jetzt im Nautilus Verlag »Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere« (39,90 EUR).

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