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Harry, reich doch mal die Affenbürste

Auf abenteuerlichen Wegen im ecuadorianischen Regenwald entlang des Rio Aguarico

Dschungelrose
Dschungelrose

»Das Grrrlgurlgrrri, ist das der Stirnvogel?«, fragt Lilo mit gurgelder Stimme. »Meinst Du das Pühftpühft, das sich anhört, wie eine quietschende Tür?«, fragt Harry putzmunter zurück. Es ist 6 Uhr morgens. Seit einer Stunde sind wir schon auf den Beinen, besser gesagt in einem Kanu unterwegs auf dem Rio Aguarico im Regenwald der ecuadorianischen Provinz Oriente. Denn, so Harry: Wer erleben will, wie der Dschungel erwacht, muss früh aufstehen.

Lianen nicht anfassen, sie könnten lebendig sein

Harry (r.) erklärt ein Stückchen Regenwald.
Harry (r.) erklärt ein Stückchen Regenwald.

Im Gegensatz zu uns erwacht der Regenwald mit ohrenbetäubendem Gebrüll, Gepfeife und Gezwitscher. Ab und zu zeigt Harry in das scheinbar undurchdringliche Grün, wo Gelbbürzelkassike, Tukan, Stirnvogel, verschiedene Papageien, Fliegenschnäpper, Zigeuner- und Eisvögel ihre Morgenrituale pflegen. Noch können wir sie kaum auseinanderhalten – weder optisch, noch akustisch. Das wird sich in den nächsten Tagen, die wir mit Harry Jonitz und einheimischen Indianern durch den Dschungel streifen, ändern. Als erstes jedoch bringt uns der 45-jährige deutsche Biologe, der seit 15 Jahren in Ecuador lebt, ein paar grundsätzliche Dinge bei: Nur mit Gummistiefeln in den Dschungel, denn man kann nie wissen, worauf oder wo hinein man tritt. Außerdem: Lianen oder Wurzeln fasst man besser nicht an, sie könnten lebendig sein. Und: Nicht von den Wegen abweichen, die Jonas, der junge Kichwa-Indianer, uns mit seiner Machete freischlägt.

Dicht und undurchdringlich wuchert das Grün, immer wieder führt der Weg durch wassergefüllte Senken, wir bestaunen nie gesehene Pflanzen und Bäume. Harry kann zu fast jeder was erzählen. »Das da ist eine Brownea«, weist er auf einen Baum. »Aus seiner Rinde kochen die Einheimischen einen Sud, der wie die Pille wirkt.« Warum der Baum auf Deutsch Dschungelrose heißt, erklärt sich bei einem Blick auf die prächtige, rund 30 Zentimeter große purpurrote Blüte von selbst.

Harry reicht uns etwas Stachliges, das aussieht wie ein Seeigel. »Das ist die Frucht vom Pitliecoctenium«, erklärt er, »auch Affenbürste genannt, weil sich die Tiere daran das Fell schrubben, um lästige Parasiten loszuwerden«. Von dem tierischen Haarpflegemittel liegt zwar jede Menge herum, nach deren Benutzern allerdings halten wir vergeblich Ausschau, obwohl das durchdringende Geschrei der Brüllaffen Tote wecken könnte.

Auch von anderen Regenwaldbewohnern sind bestenfalls Spuren zu finden, sieht man mal von Mücken und Stechfliegen ab, die in den Eindringlingen ein gefundenes Fressen sehen. Dagegen helfen weder die Schweizer Wunderwaffe »Anti-Brumm« noch »Zanzarin« oder »Autan«. Am längsten können die Biester einem einheimischen Naturprodukt widerstehen. »Ignorieren«, meint Harry und gibt uns noch einen guten Tipp: Nicht täglich das T-Shirt wechseln, Moskitos stehen auf frischen Duft. Drei Tage später riechen wir zwar alle etwas streng – kein Wunder bei fast 30 Grad im Schatten und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit – aber es scheint zu wirken. Oder haben wir nur resigniert?

»Caipirinhas« und andere Überraschungen

Jonas scheinen weder Moskitos noch anderes, was uns verweichlichte Mitteleuropäer in Angst und Schrecken versetzt, etwas auszumachen. Flotten Schrittes balanciert er über einen glitschigen Baumstamm, der über einem dunkelbraunen Flüsschen liegt. Drüben angekommen wundert er sich, dass ihm niemand folgt. Nie im Leben werden wir über diesen Balken laufen, sind wir uns einig. Wer weiß, wie tief die Brühe ist, und wer dort wohnt. »Vielleicht gibt's da drin ja Caipirinhas«, quetscht Beate ängstlich hervor. Stefan, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat, ist selbst jetzt nicht um einen Scherz verlegen: »Wenn das so ist, stürze ich mich freiwillig rein und trinke mir Mut an.« Wie immer ergreift Harry die Initiative und bittet Jonas, einen Handlauf zu bauen. Und ehe wir noch richtig begriffen haben, was genau er damit meint, hat Jonas ein paar stabile Äste geschlagen und entlang des Baumstammes ins Wasser gerammt. Noch ein paar Äste quer mit Lianen festgebunden – fertig ist der Handlauf. Mit weichen Knien, aber sicher, schaffen wir es so ans andere Ufer.

Auf dem Rückweg zu unserem Expeditionsschiff, das zwar keinen großen Luxus, aber eine warme Dusche, ein richtiges Bett und ein mückenfreies Dach für die Nacht überm Kopf bietet, treffen wir endlich doch noch auf einen typischen Regenwaldbewohner: Auf einem abgestorbenen Baum im Fluss döst eine rund vier Meter lange Anaconda in der Sonne. Da lacht das Fotografenherz! Doch der riesigen Würgeschlange werden die Paparazzi nach wenigen Minuten zu lästig, und sie taucht ab. Später können wir noch dem Spiel der rosafarbenen Flussdelfine zuschauen und bei einer nächtlichen Bootstour mit der Taschenlampe nachtaktive Brillenkaimane beobachten, die träge am Ufer liegen.

1,4 Millionen Arten im Garten Eden

Touristisch gesehen gehört der ecuadorianische Regenwald zu den wohl noch am wenigsten entdeckten Regionen. Nur ein paar tausend Besucher kommen im Jahr hierher. Das ist in gewisser Weise auch gut so, denn Massentourismus würde das empfindliche Ökosystem schwer schädigen. Außerdem ist ein Trip in den Regenwald im Amazonasquellgebiet auch alles andere als ein touristischer Spaziergang. Um unser Schiff zu erreichen, fuhren wir von der Stadt El Coca zunächst drei Stunden über holprige Straßen und dann noch einmal so lange mit einem kleinen Boot über den Rio Napo. Doch wer bereit ist, diese Mühen auf sich zu nehmen, wird mit vielen An- und Einsichten in den Garten Eden belohnt. Auch deshalb, weil die Indígenas sich aktiv in die touristische Arbeit einbringen und den Besuchern ihre Heimat, ihre Lebensart und -ansichten sehr authentisch vermitteln. Gern laden sie sie auch in ihre Dörfer ein.

Für Naturfreunde ist das Amazonasgebiet auch deshalb ein ganz besonderes Reiseziel, weil es nirgendwo eine solche Artenvielfalt gibt. 1,4 Millionen Tier- und Pflanzenarten sind bislang bekannt, darunter 25 000 verschiedene Orchideen-, 1500 Fisch- und über 2000 Vogelarten. Bis zu 400 verschiedene Bäume wachsen auf einem einzigen Hektar Regenwald.

Nur einen winzigen Bruchteil davon haben wir in vier Tagen Dschungelschnupperkurs kennengelernt. Und noch weniger namentlich behalten, obwohl Harry sich alle Mühe gab, uns die Namen ins Gedächtnis zu stempeln.

  • Infos: Ecuadorianische Zentrale für Tourismus, Robert-Bosch-Str. 28, 63225 Langen, Tel.: (06103) 833 56-68, Fax: -70, E-Mail: ecuador@bz-comm.de, www.visitecuador.de
  • Reisen in den ecuadorianischen Regenwald u.a. bei Lernidee Erlebnisreisen, Eisenacher Str. 11, 10777 Berlin, Tel.: (030) 786-00 00, Fax: -55 96, E-Mail: team@lernidee.de, www.lernidee.de
  • Literatur: Ecuador, Galapagos, Polyglott Verlag, ISBN 978-3-8268-1932-2, 370 Seiten, kartoniert 22x15x2 cm, 19,95 EUR

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