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»Verbindung von Geist und Ort«

Leipzig will als Komponistenmekka auf die Weltkulturerbeliste

  • Von Harald Lachmann, Leipzig
  • Lesedauer: 4 Min.
Leipzig und seine Musiker – hier das Bach-Denkmal vor der Thomas-Kirche.
Leipzig und seine Musiker – hier das Bach-Denkmal vor der Thomas-Kirche.

Die Gruppe junger Musiker, die sich ab 1833 regelmäßig in der Leipziger Gastwirtschaft »Zum Arabischen Coffe Baum« zum Stammtisch trifft, gibt sich geheimbündlerisch. Anstelle ihrer bürgerlichen Namen benutzen sie untereinander Fantasienamen, Florestan etwa oder Eusebius. Einer der Wortführer nennt sich Julius. Für einen anderen in der Runde hat er gleich auch einen Tarnnamen gewählt: Serpentin – die Schlange. Denn jener Musikus, eigentlich Carl Banck, schaute heimlich nach derselben Pianistin, die Julius längst für sich erobert glaubte.

Tradition im »Coffe Baum«

Der Insider ahnt es: Julius war Robert Schumann und die Umworbene Clara Wieck, jenes Klaviergenie, das anderthalb Jahrhunderte später die 100-DM-Geldscheine zieren sollte. Schumann, der damals bei ihrem Vater im Leipziger Nordosten Klavierunterricht nahm, hatte seinerzeit mit seinen Freunden den geheimen Davidsbund ins Leben gerufen. Sie verstanden sich als Gegenpol zu den Philistern, den Spießbürgern. Später gaben sie von hier aus auch die »Neue Zeitschrift für Musik« heraus.

Bis 1844 traf sich der Zirkel. Schumann war zuletzt selbst schon Lehrer, sogar am ältesten Konservatorium der Welt – jenem in Leipzig. Das hatte im Jahr zuvor Gewandhauskapellmeister Felix Mendelssohn-Bartholdy gegründet. Und er blieb nicht der einzige große oder später einmal groß werdende Tonsetzer, der regelmäßig im »Arabischen Coffe Baum« verkehrte – übrigens Europas zweitältestes Kaffeehaus nach dem Pariser »Café Procope«. Vor ihm gehörte schon Thomaskantor Johann Sebastian Bach dazu, später auch Franz Liszt und der in Leipzig geborene Richard Wagner.

Das heutige Schumann-Zimmer des Restaurants, gleich parterre links gelegen, gehört indes zur Pflichtvisite für Musikfreunde aus aller Welt, wenn es sie nach Leipzig verschlägt. Es kann sich zwar nicht mit der Thomaskirche messen oder der Musikhochschule, an der später auch Max Reger lehrte, schon gar nicht mit dem von heutigen Weltstars wie Kurt Masur und Riccardo Chailly geprägten Gewandhaus. Doch ein Glied unter Dutzenden, an denen sich in der sächsischen Halbmillionenstadt Weltmusikgeschichte nachvollziehen lässt, ist es allemal. Das finden zumindest die Mitglieder einer Bürgerinitiative, die Leipzig damit auf die Liste der UNESCO-Weltkulturerbestätten bringen wollen.

Parallelen zu Weimar

Zweimal in seiner Geschichte, so argumentieren sie, habe Leipzig im Mittelpunkt des weltweiten Musiklebens gestanden: Zum einen im Barock, als hier neben Bach auch Georg Philipp Telemann wirkte, und zum anderen während der Romantik mit Mendelssohn, Schumann und Wagner. Aber auch zwischendurch und danach ließe sich die Reihe herausragender Komponisten, die in Leipzig wirkten, bis ins 20. Jahrhundert fortsetzen: Edvard Grieg, Gustav Mahler, Leos Janacek, Max Reger, Hanns Eisler. Bereits 1837 führte auch Albert Lortzing in der Stadt erstmals seine Oper »Zar und Zimmermann« auf.

»Die meisten Wohn- und Wirkungsstätten dieser Komponisten blieben bis heute erhalten. Das ist einmalig in Deutschland und wird international nur noch von Wien übertroffen«, sagt Prof. Dr. Werner Schneider, der Sprecher der Initiative. Einzigartig in Leipzig sei zudem die örtliche Dichte: »Man kann bei einem geruhsamen Stadtspaziergang 300 Jahre Musikgeschichte an originalen Schauplätzen erleben«, so Schneider, der an der Leipziger Universität eigentlich Baustatik lehrt.

Mithin brachte die Gruppe bereits einen Rundweg namens Notenspur auf den Weg. Eine weitere Spezialroute unter dem Titel »Wagner Wege in Leipzig« verbindet seit diesen Tagen 25 Lebens- und Schaffensstationen des Schöpfers der Nibelungentrilogie. Richard Wagner kam am 22. Mai 1813 in Leipzig zur Welt, er wurde am 16. August in der Thomaskirche getauft, besuchte später die Alte Nikolaischule.

Die Erwartungen der Initiativgruppe, von der UNESCO akzeptiert zu werden, rühren nicht zuletzt aus »der Verbindung von Geist und Ort«, meint Schneider. Einerseits wären hier viele bedeutende Werke entstanden und zum anderen blieben eben auch die authentischen Komponistenhäuser erhalten. In Leipzig sieht man hier Parallelen zu Weimar und zu den Luther-Welterbestätten in Eisleben und Wittenberg.

Ob die Hoffnungen letztlich aufgehen, zeigt sich spätestens im Herbst 2009. Dann befindet die Kultusministerkonferenz darüber, ob Leipzig auf die Tentativ-Liste Deutschlands kommt – eine Vorschlagsliste aller UNESCO-Vertragsstaaten mit ihren möglichen Weltkulturerbestätten. Doch nur gut hundert Kilometer weiter östlich, im ebenfalls sächsischen Dresden, spielt sich gerade ein Brückendrama ab, das sämtliche deutschen Welterbepläne für lange Zeit auf Eis legen könnte.

www.notenspur-leipzig.de

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