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»Ein wenig Platz wird sein …«

Alsdorf – eine rheinische Gemeinde will ein Denkmal für alle Fälle

Irgendwann Ende letzten Jahres, die genaueren Umstände sind nicht bekannt, stieß man im rheinischen Alsdorf (s. Wappen), nahe Aachen, auf die Tatsache, dass im Stadtteil Schaufenberg ein Mann gelebt hat, »den aber nur wenige kannten, der aber sein Leben als Widerstandskämpfer lassen musste«. Die örtliche Zeitung kommentierte die späte Entdeckung: »Nicht alle Deutschen waren Nazis.«

Johann Hubert Klingenberg heißt der fast unbekannte Mann. Der 1894 geborene Schlosser, Vater von zwei Kindern, lebte in der Ortschaft Herzogenrath. Am 28. März 1939 wurde er von einem Alsdorfer Gestapo-Beamten abgeführt und in das Aachener Gefängnis überführt. Klingenberg wurde angelastet, in der Öffentlichkeit und an seiner Arbeitsstelle staatsfeindliche Äußerungen über den »Führer« und die Politik des Regimes gemacht zu haben. Ein Sondergericht in Köln verurteilte ihn zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren. Über das Kölner Gefängnis »Klingelpütz« kam er in die Haftanstalt Berlin-Plötzensee. Das letzte Lebenszeichen erhielt die Familie am 14. Juni 1942 aus dem oberpfälzischen KZ Flossenbürg. Von dort kam zehn Tage später auch die allerletzte Nachricht: Laut Angaben der KZ-Verwaltung war Johann Klingenberg hier am 24. Juni 1942 angeblich an den Folgen einer Bronchitis »gestorben«.

Tragische Schicksale wie die des Alsdorfer Schlossers gibt es zu Tausenden. Durch die immer noch lückenhafte und gesellschaftlich ja auch gar nicht so sehr interessierende Erforschung des Arbeiterwiderstandes gegen den Faschismus drohen sie ganz in Vergessenheit zu geraten. Das gilt im Großen wie im überschaubaren Umfeld eines Stadtteils.

Erst jetzt, 65 Jahre nach seinem Tod, waren in einer Aachener Zeitung Erinnerungen der Tochter Hildegard an die Verfolgung des Vaters zu lesen. Die Verhaftung im März 1939 erfolgte, nachdem der als streng religiös geltende Johann Klingenberg zusammen mit einem Geistlichen dagegen protestiert hatte, dass die neue Glocke für die Pfarrkirche St. Maria Heimsuchung in der Gemeinde Schaufenberg in die Hakenkreuzfahne der faschistischen NSDAP gehüllt war. Ein anwesender Beamter der Geheimen Staatspolizei nahm ihn daraufhin fest. Offensichtlich stand Klingenberg zu dieser Zeit bereits unter Beobachtung. Seine Tochter berichtete, dass ihr Vater englische Rundfunksender gehört und Flugblätter gegen die Politik des Regimes verteilt habe. Nun will sich die Gemeinde doch noch ihres so lange der Vergessenheit anheim gegebenen Sohnes erinnern und ihm, geht es nach dem örtlichen Pfarrer Christian Kittel, ein sehr zeitgemäßes »ehrendes Andenken« bewahren. Kittel schwebt ein Gedenkbrei vor: »Ich könnte mir vorstellen« so wird der Gottesmann zitiert, »dass an unserem Denkmal für die Opfer der beiden Weltkriege der Name von Klingenberg eingraviert wird. Etwas Platz wäre dafür vorhanden.«

Die Gemeinde hätte, so die makabre Idee realisiert würde, eine pluralistische Kranzabwurfstelle für jeden Anlass: Mit Verweis auf die Inschrift hätten am »Heldengedenktag« die braunen Kohorten ein Alibi, wenn sie bei ihrem Aufmarsch der verlorenen großdeutschen Siege nachtrauern. Am Volkstrauertag können die Hinterbliebenen unbefangen ihrer Väter und Söhne gedenken, die in den beiden vom deutschen Boden ausgegangenen Weltkriegen für den »Platz an der Sonne« respektive für »Führer, Volk und Vaterland« Opfer (und was immer mehr vergessen wird, Täter) wurden. Und, nachdem sich an diesem Denkmal dann auch noch »etwas Platz« für den Namen des Mannes gefunden hat, der von den faschistischen Machthabern wegen seines Widerstandes verfolgt und umgebracht wurde, wäre dann nebenbei auch noch Gelegenheit, hier am 27. Januar, dem Gedenktag für alle Opfer des Faschismus, an den aus dem Gedächtnis verlorenen Sohn der Gemeinde, an Johannes Klingenberg, zu erinnern.

Die Alsdorfer Vergewaltigung der Geschichte wäre nicht der Erwähnung wert, fügte sie sich nicht ein in den allgemeinen Trend zeitgenössischer, auch mit der Gedenkstättenkonzeption der Bundesregierung betriebener Geschichtsvermittlung, alles »zusammenzudenken«. So manche Gedenksteine für die Opfer des Faschismus wurden so schon zu Erinnerungsstätten für »alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft« umgewidmet.

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