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Der Widerspruch in den Dingen

Die neue linke Historiographie präsentiert eine Geschichte der KPD in vier Bänden

Die neue linke Geschichtswissenschaft in Deutschland meldet sich nachdrücklich zu Wort: Nunmehr liegen alle vier Bände zur Geschichte der KPD 1918/19 bis 1946 vor. Keine Beschlüsse einer Parteiführung orientieren sie. Die Autoren werden geleitet vom Leipziger Historiker Klaus Kinner. Sie haben in der DDR ihre Ausbildung und ihre Sozialisation erhalten. Sie wurden nach 1989 von Lehrstühlen und aus dem akademischen Lehrbetrieb verjagt, ihre Forschungsprojekte wurden zertrümmert. Artikel 5 des Grundgesetzes von der Freiheit der Wissenschaft und des Wortes galt nicht für sie.

Hier schreibt nicht mehr eine Altgarde in machtgeschützter Innerlichkeit, sondern die nächste Wissenschaftlergeneration, die sich mühselig ihr Brot verdient. Ausschließlich wissenschaftlicher wie politischer Verantwortung folgend, haben sie dieses recht ehrgeizige Vorhaben verwirklicht. Sie wirken im Umfeld der Partei DIE LINKE. Stalins Tod 1953 haben sie nicht beweint. Sie waren zu jung. Bereichert wird diese Gruppe durch Frau Ruth Stoljarowa und Günter Benser.

Am Anfang war die Tat

Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems und der DDR war es unumgänglich geworden, auch historisch alles auf den Prüfstand zu rufen. Es ging um nicht weniger als um eine neue Legitimierung der Linken. Neuen theoretischen Bedürfnissen war zu entsprechen. Das Bild, das wir heute von der KPD haben, ist anders als etwa jenes aus dem Jahr 1970. Wir wissen vom Ende der Partei. Wir haben ungleich mehr Quellen aus den Archiven zur Verfügung. Massiv werden neue Fragen gestellt. Gleichwohl flossen Ergebnisse von mehr oder minder internen Diskussionsprozessen aus den Jahren der DDR mit ein, als die Situation in der offiziellen Parteigeschichtsschreibung zur KPD immer unerträglicher wurde.

Einen zentralen Raum nimmt die Rekonstruktion des Selbstverständnisses der KPD ein. Welches Bild machten sich die Kommunisten vom Kapitalismus? Welche Handlungsspielräume ergaben sich daraus? Das Oszillieren im Erkenntnisprozess der KPD zwischen Realitätsverbundenheit und Wirklichkeitsferne, zwischen Revolutionsutopie und schmerzhaft fühlbar wachsender Kraft des Faschismus wird sorgfältig nachgezeichnet. Gleichwohl erscheint es nicht selten, als würden die Autoren die Theorielatte zu hoch legen. »Wir waren bettelarm«, sagte ein alter Kommunist schon 1961. »Ich lief von Frühling bis zum Spätherbst in Holzpantinen. Unsere Wohnung war dunkel und feucht. Vater war arbeitslos. Wir wollten heraus aus dieser Lage. Die KPD gab uns die Perspektive. Und nur die KPD. In Russland, das keiner von uns gesehen hatte, erkannten wir, gewiss hochgläubig, die Perspektive – auch für uns.« Diese »roots« wollen wir, bitte, stets mitdenken.

Es soll deshalb mit Goethe festgehalten werden: Am Anfang stand nicht das Wort, sondern die Tat! Es gab sehr viele Kommunisten, die noch nie etwas von den Analysen etwa eines Varga oder Günther gehört hatten. Sie warfen dennoch ihr Leben in die Schanze – nicht weil sie die Faschismustheorie bereichern wollten, sondern weil sie die einzigartige Gefährlichkeit des deutschen Faschismus erkannt hatten. Weil sie schlicht für Menschlichkeit waren, wurden sie mit ihrem Schädel an die Wände des KZ Hohnstein geschlagen.

Diese Geschichtsdarstellung bricht radikal mit dem Stalinismus in der Parteigeschichtsschreibung. Damit wird endlich eine alte Aufgabe erfüllt. Es geht nicht ohne Schmerzen ab, wenn der Leser präsentiert bekommt, welche furchtbaren Wirkungen der Stalinismus auf die deutsche Arbeiterbewegung hatte, wie er diese strategisch völlig fehlorientierte, wie er viele ihre Kader verfolgte, moralisch verlumpte und ermordete. Der Abschnitt über den Hitler-Stalin-Pakt 1939 lässt die Haare sträuben. Diese Darstellung verabschiedet sich von allen nur denkbaren Mythen und Verdikten. Namen wie Paul Levi tauchen wieder auf, Anton Ackermann wird grundsätzlich gewürdigt, Herbert Wehners Verabschiedung aus der kommunistischen Bewegung sachlich dargestellt, ebenso die Arbeit von Paul Merker und August Thalheimer. Nein, der Thälmann-Ernst wird nicht demontiert. Er wird als kämpfender, irrender, strategisch überforderter, dem Stalinismus dienender, leidender, standhafter, 1939 überraschter, der Haft Tribut zollender, als von Stalin und seinen Gesellen gedemütigter und schließlich vorsätzlich fallen gelassener Mann gezeichnet. Er ist keine Ikone mehr. Er ist uns zurück gegeben worden. Das ist viel.

Die Darstellung verabschiedet sich von einem primitiven Verständnis des Verhältnisses von Kontinuität und Diskontinuität. Sie erkennt keinen glatten, einem selbstverständlichen Aufstieg folgenden Weg der Partei »in Kontinuität«. Wenn in der alten Parteigeschichtsschreibung Widersprüche auftauchten, so in aller Regel dort, wo sie als überwunden angesehen wurden. Die neue Geschichtswissenschaft sucht und nutzt den Widerspruch, »der in den Dingen liegt« (Brecht), auf selbstverständliche Weise. Nicht nur der als Gegner Erkannte wird verantwortlich gemacht für Nichterreichtes, sondern eigene Strategie. Auch von der berüchtigten stalinistischen Strukturierung von Parteigruppierungen Mitte, Linksradikal, Rechts haben sich die Autoren getrennt. Dies kommt frisch und unkonventionell herüber.

Eine Wende, aber eine verlorene

Die Geschichte des Antifaschismus der Partei wird höchst differenziert geschildert. Vor uns entfaltet sich eine Partei, deren Widerstand nie erlosch. Es wird deutlich, was es sie kostete, »die Anstrengung, mitten im Dröhnen, Geschrei und Röcheln auszuharren.« (Peter Weiss) Namen wie Knöchel, Kunz bleiben fest verankert; in Saefkows Gruppe wird eine tiefergehende theoretische Diskussion registriert. Die schwere Niederlage 1933 wurde von der KPD-Führung als einschneidender, grundlegender Umbruch verkannt. Es entsteht ein Bild verzehrender Unfähigkeit, den Faschismus adäquat zu erfassen. Die deutsche Sektion der Kommunistischen Internationale, einer Weltpartei, hielt an ihrer Generallinie, für die Revolution und ein Sowjetdeutschland zu kämpfen, auch nach dem 30. Januar 1933 verbissen fest.

Schritt für Schritt verfolgen die Autoren, ob und wie sich die Strategie der Führung veränderte. Immer wieder zeigt sich, wie in der aufopferungsvoll kämpfenden Partei wirklichkeitsfremde, irrige und absurde Orientierungen durchbrachen und Oberhand gewannen. Das gilt besonders für die SPD als ausgemachter Dauergegner. Noch im November 1939 wurde die deutsche Revolution angestrebt. Die Autoren würdigen auch bemerkenswerte Politikansätze, etwa um das Jahr 1935. Sie sehen darin indes »eine verlorene Wende«.

Berührt kann der Leser noch einmal aufnehmen, welche Namen mit Klang mit dem Volksfrontgedanken verbunden waren: Heinrich Mann, Leonhard Frank, Lion Feuchtwanger, Karl Böchel, Willy Brandt, Konrad Heiden u.v.a.m. In diesem Prozess des Suchens nach antihitleristischen Alternativen entstand die Idee von der neuen demokratischen Republik nach Hitler. Aber nach dem Scheitern der Volksfronten in Spanien und Frankreich, nach dem Ausbruch des Großen Terrors in der UdSSR, der den Kampf gegen den Trotzkismus verstärkt nach vorn rückte und damit in der Volksfront anerkannte Funktionäre wie Münzenberg in die Optik des Stalinschen Terrors gerieten, vor allem aber der Hitler-Stalin-Pakt führten zum Scheitern der Volksfrontidee. Die Politik der KPD war selten so weit von der Realität entfernt wie in der Paktzeit. Grundpositionen des Antifaschismus wurden von der Moskauer Führung der KPD gnadenlos aufgegeben. Diese KPD-Geschichte löst sich vom Märchen, dass die antifaschistische Arbeit der Kommunisten im Lande von einer klugen Parteiführung in Moskau gesteuert wurde. Ein außerordentlich differenziertes Bild entsteht. Besonders wertvoll hierzu ist der Exkurs von Hans Coppi über die Rote Kapelle. Der antifaschistische Widerstand, so marginal er war, zeigte den Horizont für ein demokratisches Deutschland nach Hitler.

Mit Zeitbombe im Gepäck

Der jetzt zeitgleich mit dem dritten Band in den Buchhandel kommende vierte stammt aus der Feder des Altmeisters der Geschichtsforschung zu den 40er Jahren, Günter Benser. Er zeichnet ein faktenmäßig opulentes Bild von der KPD als nunmehr gestaltender Kraft und zieht in den Neubeginn die »Altlasten« mit ein: den Blutzoll, den die KPD nicht nur den Nazis entrichtete. In den Opfern der politischen Emigranten u. a. in der Sowjetunion »erblickt er das dunkelste Kapitel der deutschen kommunistischen Bewegung«. Dieses blieb ob des Vertuschens eine »Zeitbombe im Gepäck« der KPD. Benser präsentiert eindrucksvoll die umfassenden Anstrengungen der KPD zur Neugestaltung. Hier ist viel Neues zu holen! Listig umgeht er das bekannte, Ulbricht zugeordnete Wort, wonach alles demokratisch aussehen solle und rückt hingegen Ackermanns Wort vom Juni 1946 »Undemokratisches wird sich rächen« ins Zentrum.

Der Vierbänder schließt mit der Frage: »Warum blieb den Bemühungen um völlige Abkehr von Fehlentwicklungen und pathologischen Zuständen in der kommunistischen Bewegung (bis 1989, R.R.) der durchschlagende Erfolg versagt?« So bleibt eine Aufgabe. In der linkssozialistischen Bewegung mögen diese packend geschriebenen Bände den Sinn für Realität und für Perspektive und nicht zuletzt für die Gewissenspflicht des Einzelnen verstärken helfen.

Der deutsche Kommunismus. Selbstverständnis und Realität 1918/19 bis 1946. 4 Bände. Hg. v. Klaus Kinner (mit Elke Reuter, Ruth Stoljarowa, Günter Benser, Hans Coppi, Gerald Diesener, Wladislaw Hedeler u. a.). Karl Dietz Verlag, Berlin.

Band 1: Die Weimarer Zeit. 239 S., geb., 14,90 EUR.
Band 2: Gegen Faschismus und Krieg (1933 - 1939). 320 S, geb., 19,90 EUR, mit CD-ROM »Brüsseler Konferenz« der KPD 1935 .
Band 3: Im Krieg (1939 - 1945 ). 430 S., geb., 29,90 EUR.
Band 4: Neubeginn ohne letzte Konsequenz (1945/1946). 310 S., geb., 24,90 EUR.

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