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Habseligkeit

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

E s ist kalt. Wie schicklich tun sich da Berichte von obdachlosen Menschen. Plötzlich taucht ein Wort auf, das man auf Wirtschaftsseiten nie fände, der Begriff ist ein krasser Gegensatz zum Wortschatz, den die Inflation des Krisen-Journalismus uns derzeit vors Hirns schüttet.

Habseligkeiten.

Von diesem Wort bleibt man gebannt, wie Parzifal von den drei Blutstropfen im Schnee. Das Wort sinkt ins Gemüt. Natürlich müssen wir uns jetzt hüten, die Lehre von der Abstammung der Wörter zu befragen. Denn die Etymologie käme uns flugs mit Ernüchterung: nämlich langweiligen mittelhochdeutschen Suffixen. Eine entsetzliche Wissenschaft!, die die holdesten Sinn- und Klangirrungen auf den Seziertisch nackter Herkunftsforschung zerrt. Selbstredend muss man auch bei den Habseligkeiten rasch erkennen, wie zerstörerisch Etymologie wirkt. Jenes »selig« hat tatsächlich nichts mit Seele zu tun, es kommt vom althochdeutschen »sal«, restlebendig in Wörtern wie Labsal, Drangsal, Trübsal. Man kann wahrlich trübselig werden. Nein! Denn »Habseligkeiten« wurde 2004 zum »Schönsten deutschen Wort« gekürt (aus 23 000 Vorschlägen!)

Solchen Erfolg macht der Klang, nicht die Wahrheit. Denn: So sehr wenig Besitz dies Wort auch anzeigt, so viel mehr schwingt in ihm doch mit. Habe macht selig, sagt die Täuschung. Aber wir wollen gerührt daran festhalten, dass nicht das Viele selig macht, sondern just und einzig jene Habe, bei der man ausgehen kann, sie sei gering. Habseligkeiten hat nur der Arme; einzig jenes Haben also, das weit unterhalb des Besitzes liegt, wohnt – so will es die Illusion des Wortes – in Seelennähe. Wunderbare Ironie, und Ironie ist nur das Deckwort für tief empfundenen Schmerz. Habseligkeiten sind, was die Ränder für das Loch sind, sie erst konturieren das, was fehlt – was aber doch mit Inbrunst festgehalten wird. Wenn einer stirbt, bleiben Habseligkeiten wie etwas zurück, das keiner haben will – Besitz findet schnell neue Eltern.

Musiker Klaus Renft sagte immer, er wisse genau, wo Armut beginne: »von Reichtum an aufwärts«. Und Musiker Gerhard Gundermann meinte: »Ich habe nie das, was ich will, aber immer das, was ich brauche«. Er trug einen kleinen Metallkoffer, darin seine geliebten – Habseligkeiten.

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