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Das Schweigen der Väter

Nam Le kam auf einem Boot aus Vietnam

  • Von Michael Sollorz
  • Lesedauer: 4 Min.

Zweihundert Menschen auf einem viel zu engen Boot; heimlich hat es abgelegt in Vietnam. Zwei Wochen auf See, Hitze und Durst. Unter Deck erstickst du, oben in der Glut schwillt deine Haut und platzt. Die Mutter hat das Mädchen Mai auf diese Flucht ins Ungewisse geschickt, raus aufs Meer. Das Kind erlebt die um sich greifende Apathie, das Schwinden des Mitleids, wenn wieder einer stirbt und über Bord gleitet, ein Bündel. Und es denkt an seinen Vater, wie er sich verändert hat nach dem Einmarsch der Roten in Südvietnam. »Umerziehungslager ... Ihr Vater hatte nicht darüber geredet«.

Oder Nam, Student der Schriftstellerei in den USA, nächste Woche muss er an der Uni eine Erzählung abliefern, als aus Australien sein Vater zu Besuch kommt, »noch kleiner und hagerer, als ich ihn in Erinnerung hatte.« Der Alte verkörpert alles, was Nam hinter sich lassen wollte. »Es war seltsam, nach all den Jahren wieder Vietnamesisch zu sprechen.« Noch ein Baby, gelangte Nam mit seinen Eltern auf einem Flüchtlingsboot nach Australien. Dort wuchs er auf und wurde Rechtsanwalt, bis ihn der Schritt nach Iowa befreite vom Vater, der quälende Erinnerungen an seine Lagerjahre, an seine Zeit als Soldat gegen die Truppen Ho Chi Minhs in sich verschlossen hält.

Doch während des Besuchs geschieht das Wunder: Der Vater beginnt zu sprechen. Von seiner Kindheit im Dorf My Lai, wo er das Massaker überlebt, weil er unter den toten Körpern seiner Familie liegt. Vater und Sohn sitzen bis in die Nacht und betrinken sich zusammen. Wie er, nach allem, was die Amerikaner ihm angetan hatten, noch auf deren Seite kämpfen konnte, fragt Nam. Und der Alte sagt: »In mir war nichts als Hass, aber davon war genug für alle da.«

»Ethno-Literatur ist schwer angesagt«, verrät ein Kursleiter am Tresen. Nam verachtet die Ethno-Masche. Dennoch stellt ihm Vaters Besuch wieder die eigenen Fragen, die nicht bloß meinen, was er schreiben soll, sondern wer und was er ist. Vietnamesischer Flüchtling? Australischer Rechtsanwalt? Amerikanischer Schriftsteller? Nam schreibt sie, die erdrückende Geschichte seines Vaters, gerade noch rechtzeitig zum Abgabe-Termin, doch der Alte verbrennt das Manuskript und hebt mit dieser dunklen Gebärde das Schweigen auf eine letzte, endgültige Ebene.

Zum Glück weiß niemand, wie viele Megatonnen Literatur aus der Erfahrung fremder, strenger Väter kommen. Sicher aber wird die Last von Erlebtem weitergereicht an Nachkommen, die nicht verstehen, was geschehen ist und welches Gift in ihnen arbeitet, solange die Alten schweigen. In dieser hervorragenden, seinen Band eröffnenden Geschichte, benennt Nam Le exakt Stationen seiner Biografie. Nach eigenem Bekunden liebt er das Spiel mit mutmaßlich Authentischem, und auch er selbst will nicht als Ethno-Autor wahrgenommen werden sondern Kraft literarischer Leistung, durch Imaginations- und Einfühlungsvermögen. So vermeiden die anderen fünf Erzählungen jede Berührung mit seinen Wurzeln, führen unter Straßenkids in Kolumbiens Hauptstadt Medellin oder folgen einer jungen Amerikanerin in die unbegreifliche Welt der Schleier und Kopftücher, das Teheran unserer Tage.

Gut sind sie alle, verdammt gut geschrieben, wie das vielleicht heißt in der Welt der nordamerikanischen Literatur-Workshops, die für Nam Le den Schritt in ein neues Leben bedeutet haben, weg aus dem verhassten Anwaltsdasein in Melbourne, von seinen vietnamesischen Eltern und Brüdern, denen »Im Boot« gewidmet ist.

Fremdsein schult den Blick. Die wechselnden kulturellen Hintergründe haben den hochbegabten jungen Autor (Jahrgang 78) für seine Umgebungen und ihre Bewohner sensibilisiert. Sein Schreiben profitiert enorm von dieser gesteigerten Empfindsamkeit.

»Ich glaube, dass du dich niemals selber kennen kannst, geschweige denn die Person neben dir oder am andern Ende der Welt«, sagt er in einem Interview. »Zugleich glaube ich, dass es keinen besseren Weg als die literarische Fiktion gibt, um dich ins Bewusstsein eines anderen zu versetzen.«

Auf diesem Weg ist Nam Le schon weit vorgedrungen. Manchmal kommt er seinen Figuren so nahe, dass es einem den Atem verschlägt. Wo immer er auch künftig leben wird, Vietnam bleibt unweigerlich ein Teil von ihm. Nam Les Leser sitzen im Westen mit seinem Hang zu Therapie und Vergötzung des Ego. »Was vorbei ist, wollen wir nicht tadeln«, stammt hingegen von Konfuzius, der noch fortwirkt, wo das Verständnis und die Deutungsmacht des Westens enden.

Sogar der verbitterte Vater der kleinen Mai auf dem Flüchtlingsboot zwischen Vietnam und Malaysia hatte für einen kurzen Moment Anlass zur Hoffnung gegeben, am Abend ihres Abschieds. »Endlich, endlich wollte er mit ihr reden – ein ganzes Leben hatte sie darauf gewartet.« Nichts auf der Welt sehnt das Mädchen so herbei. Doch der Blick des Mannes geht ins Leere, und schließlich sagt er nur: »Hör auf zu weinen, Kind.«

Nam Le: Im Boot. Übersetzung Sky Nonhoff. Claassen. 335 S., geb., 22 EUR.

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