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Enge auch ohne Käfig

Ende der Käfighaltung bei Hühnern beflügelt Züchter

Seit Jahresbeginn ist die bisher übliche Käfighaltung für Legehennen in Deutschland verboten. Ein Ende der drängenden Enge ist das noch nicht. Und da gibt es ein Problem: Viele Hennen rupfen einander die Federn aus und picken einander wund. Das scheint genetisch bedingt zu sein.

Lange haben Tierschützer und Verhaltensforscher dafür gekämpft; nun ist es soweit: Wer Legehennen bisher in Käfigen, so genannten Legebatterien, gehalten hat, muss die Vögel daraus befreien und ab dem 1. Januar 2009 alternativ halten – bestenfalls im Freiland, zumindest aber auf dem Boden oder in Volieren (größeren Käfigen mit mehreren Tieren).

Doch was das kurze Leben der Tiere etwas erträglicher machen soll, hat einen gewaltigen Haken. Durch die größere Bewegungsfreiheit können manche Hennen einen Drang ausleben, den bisher die Gitter behinderten: Sie rupfen anderen die Federn aus, picken andere Hühner wund bis aufs Blut. »Die Opfer können am Ende regelrecht ausgeweidet werden, selbst wenn sie noch leben. Das ist grausam«, sagt Ruedi Fries, Professor für Tierzucht an der Technischen Universität München (TUM). Warum das so genannte Federpicken bei manchen Hennen – aber längst nicht bei allen – auftritt, darüber konnten Forscher bisher nur spekulieren. Fries betont, dass diese Verhaltensanomalie bei Wildhühnern nicht vorkommt.

Eine Lösung für das Problem hat Fries nun allem Anschein nach selber gefunden. Als sein Team und er das Verhalten frisch geschlüpfter Küken untersuchten, fanden sie heraus, dass es aufgrund genetischer Besonderheiten so etwas wie verschiedene Hühner-Persönlichkeiten gibt. Die Küken einer Zuchtlinie, die weiße Eier legt, erkundeten im Experiment ihre Umgebung neugierig, pickten als ausgewachsene Legehennen einander aber nur selten. Anders die Küken einer Vergleichslinie, die braune Eier legt: Sie blieben zu Anfang viel enger zusammengekuschelt als die jungen Weißleger und zeigten als ausgewachsene Tiere ausgeprägtes Federpicken.

Bei der Suche nach der Ursache dafür kam Fries der Zufall zu Hilfe: Er hatte in einem Zeitungsartikel über Verhaltensunterschiede von Blau- und Kohlmeisen den Hinweis auf eine spezielle Gen-Variante namens DRD4 gefunden. Vögel mit DRD4 erkunden ihre Umwelt deutlich neugieriger als solche, die nicht über diese Gen-Variante verfügen. Könnte es sein, so fragte sich der Münchner Professor, dass DRD4 auch das Verhalten von Legehennen mitsteuert? Um das zu herauszufinden, wählten die TUM-Wissenschaftler insgesamt fünf Hühnerlinien aus: zwei kommerzielle Zuchtlinien und zwei aus einem Zuchtexperiment, bei dem Hennen auf starkes und seltenes Federpicken hin selektiert wurden, sowie eine unselektierte Kontrollgruppe. Insgesamt prüften die Forscher 141 Erbgut-Proben der verschiedenen Zuchtlinien – und wurden gleich doppelt fündig. Denn nicht nur bestätigte sich der Verdacht, dass ein Fehlen der DRD4-Variante den Hang zum neurotischen Federpicken verstärkt. Auch eine weitere, charakterbestimmende Gen-Variante ließ sich klar häufiger bei den Federpickern nachweisen als in der Kontrollgruppe. Beim Menschen begünstige diese zweite Gen-Spielart das Auftreten von Depressionen, berichtet Fries. Hennen, die zum Federpicken neigen, »können Stress nicht so gut ertragen«, ist das vorläufige Fazit des Forschers. Anders gehen verhaltensnormale Artgenossen mit Stress um – »zum Beispiel indem sie sich bewegen und den Auslauf aufsuchen«, sagt Fries.

Für Ruedi Fries sind die bisherigen Forschungsresultate aber noch aus einem zweiten Grund sehr interessant. Er erhofft sich auch Erkenntnisse zum besseren Verständnis von Depressionen beim Menschen.

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