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Schwimmen im seichten Wasser

Zu Zeiten des Kalten Krieges war der Einfluss des Westens auf den Osten über den Äther weithin größer als in umgekehrter Richtung. Aus Berlin funkten im Radio die Besatzersender der USA, AFN und RIAS, die »Freie Stimme der freien Welt«. Der Sender Freies Berlin versorgte nicht nur die »Frontstadt«, sondern die DDR gleich mit. Und weil die Sendeleistung nicht reichte, sendete man auch aus dem fränkischen Hof. Die stärksten Radio- und Fernsehsender standen damals wie auf einer Perlenschnur aufgereiht an der »Zonengrenze«. Und dann gab es eine Station (nur ganz »hinten« auf der Mittelwelle empfangbar), die aus dem relativ weit entfernten Luxemburg sendete, »Radio Luxemburg«. Ein privater Sender, vergleichbares gab es in der Bundesrepublik nicht.

Dann wurde Helmut Kohl Kanzler und Christian Schwarz-Schilling sein Postminister. Den Schwarzen waren die öffentlich-rechtlichen Sender suspekt, teilweise waren sie gar, wie der NDR, als »Rotfunk« verschrien. Das war die Startzeit des »Dualen Systems«. Privatradio und Privatfernsehen wurde in der BRD möglich gemacht. Kohls damaliger Spezi, der Filmehändler Leo Kirch, gründete Sat.1. Und es war auch die große Chance für die Radio- und Fernsehmacher aus Luxemburg, sich auch auf dem riesengroßen deutschsprachigen Sendegebiet zu tummeln. Mit ihrem Fernsehprogramm, das damals noch »RTL plus« hieß, starteten sie im Januar 1984 in einer umgebauten Garage auf Kanal 7 in Dudelange ihr erstes Fernsehprogramm, welches seinerzeit knapp 200 000 Haushalte erreichte. Heute sind es oft mehr als zehn Millionen.

RTL feiert selbstbewusst und mit großem Pomp seinen 25. Geburtstag. Längst haben sich die Eigentumsverhältnisse gewandelt. Längst ist aus dem einstigen Garagensender einer der größten europäischen Medienkonzerne geworden.

Die Bertelsmann-Gruppe übernahm RTL in den 90er Jahren für einen stattlichen Milliardenbetrag. Und er arbeitet profitabel, denn das ist der alleinige Sinn und Zweck von Privatfernsehen. Sein Hauptkonkurrent Sat.1, von Leo Kirch nach riesigen anfänglichen Gewinnen in die Konkurszone manövriert, befindet sich nach Umwegen über die USA und Ägypten jetzt mit den Sendern Pro 7 und N 24 in skandinavischer Hand. RTL rangiert in der werberelevanten Zielgruppe der 19 bis 49-Jährigen auf vorderen Plätzen.

Als Boris Becker ab Mitte der 80er in Wimbledon gewann, konnte man es auf RTL live verfolgen. In der Wendezeit saßen auf dem »Heißen Stuhl« namhafte Politiker, die tägliche Seifenoper »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« (GZSZ) brachte so manches Fernsehsternchen zum Strahlen, Günter Jauch etablierte mit »Stern TV« ein sehenswertes Format, Thomas Gottschalk versuchte (vergebens), eine tägliche Late-Nigth Show nach US-amerikanischem Vorbild auch in Deutschland zu etablieren. Fernsehgeschichte sind auch längst solche glitschigen Formate wie »Tutti Frutti«. Und »RTL aktuell« schickt sich an, der Nachrichtensendung »heute« vom ZDF den zweiten Platz streitig zu machen.

Helmut Thoma, einer der Gründungväter und langjähriger Chef von RTL, lobte einmal die Ausrichtung seines Senders mit dem Satz: »Im Seichten kann man nicht ertrinken.« Was aber in den Anfangszeiten Markenzeichen war, ist mittlerweile zum Makel geworden. Formate wie »Ich bin ein Star, holt mich hier raus«, ein schier unerträgliches Dschungelcamp, im letzten »Stern« treffend als »Kot und Spiele« gebrandmarkt, sprengt längst die Grenzen des guten Geschmacks. Wie auch Dieter Bohlen als zotenreißender Talentescout. Traurig, aber wahr: ARD und ZDF versuchen da so manches zu kopieren. Mit mäßigem Erfolg.

Doch die Zukunft ist offen. Und der Äther weiterhin als Betäubungsmittel und Vermittler von billigen Illusionen.

Unser Autor leitet das Ressort Feuilleton dieser Zeitung.

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