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Als das letzte Quäntchen Mut fehlte

Neue Bücher zum Verschwörerkreis um das Attentat vom 20. Juli 1944

Helmuth James von Moltke vor dem »Volksgerichtshof«, 10. Januar 1945
Helmuth James von Moltke vor dem »Volksgerichtshof«, 10. Januar 1945

Die Literaturflut zum 20. Juli 1944 reißt nicht ab. Offenbar soll schon diese Fülle die gängige Behauptung unterstreichen, dass es sich mit dem Attentatsversuch auf Hitler am 20. Juli 1944 um den deutschen Widerstand schlechthin gehandelt habe, alle weiteren Aktionen gegen das Nazi-Regime seien nur Randerscheinungen gewesen oder gar »Landesverrat«, wie etwa der antifaschistische Kampf der Kommunisten.

Nina und Claus von Stauffenberg
Nina und Claus von Stauffenberg

Bei Anerkennung des unzweifelhaft mutigen Einsatzes Einzelner im Verschwörerkreis vom 20. Juli 1944 bleibt eine Tatsache: Jeder Arbeiter, der an seiner Werkbank in der Fabrik Kriegsgerät unbrauchbar gemacht hatte, und jeder Soldat, der eigenmächtig und angesichts drakonischer Strafen die Wehrmacht verließ, hat mehr für die Schwächung des Faschismus getan als alle Offiziers- und Beamtengespräche in den Casinos und Villen zwischen Potsdam, Dahlem und Grunewald. Natürlich gebührt auch diesen konservativen Nazigegnern größte Hochachtung. Etwa 200 Offiziere waren an den Vorbereitungen des Umsturzversuches beteiligt, also ca. 0,06 Prozent der über 300 000 am 1. Mai 1944 in der Rangliste des deutschen Heeres erfassten Militärs. Sie haben ihr Leben riskiert, während die große Mehrheit des Volkes bis zum Ende verbrecherischen Befehlen folgte.

Dennoch sind Fragezeichen angebracht, etwa wenn im Klappentext zum Buch von Jochen Köhler über Helmuth James von Moltke der Kreisauer Kreis als »die wichtigste zivile Widerstandsgruppe gegen das Nazi-Regime« genannt wird. Es ist übrigens bereits die zweite Moltke-Biografie innerhalb kurzer Zeit; über die von Günter Brakelmann berichtete ND (s. 24./25.3. 2007).

Köhlers Moltke-Buch ist ein Fragment geblieben. 20 Jahre hat der durch Krankheit behinderte Autor daran gearbeitet. Er reflektiert Familie, Elternhaus, Kind-heit, Schule und Studium, also die Zeit von 1907 bis 1933. Diese Kapitel im Leben des Mannes, dessen Gut den Namen für jenen Widerstandskreis gab, der das Sprengstoffattentat vorbereitete, sind im Wesentlichen bekannt. Köhler hat indes vermocht, durch Erschließung weiterer Quellen, insbesondere von Briefen und Erinnerungen, das Bild vom Leben in Kreisau vor dem Ersten Weltkrieg nach »Gutsherrenart« sowie Not während Krieg und Nachkrieg zu vervollständigen. Der Autor westdeutscher Provenienz lebte nach 1989 einige Jahre in Ganzer bei Kyritz; im Nachwort seiner Witwe Gabriella Sarges-Köhler fehlt nicht die obligate Anrempelei der DDR.

Mit besonderer Neugier nahm ich das Buch von Dorothee v. Meding und Hans Sarkowicz zur Hand. Es geht zurück auf die Erinnerungen des im Mai 2008 verstorbenen Philipp von Boeselager, die 1990 in der Schriftenreihe »Beiträge zum Widerstand 1933-1945« unter dem Titel »Der Widerstand in der Heeresgruppe Mitte« erschienen sind. Als er mir damals seine Broschüre überreichte, hatte er deren Titel gestrichen und handschriftlich ersetzt durch »Mein Weg zum 20. Juli«. Was dem Inhalt der Publikation auch besser gerecht wurde. Meding/Sarkowski begründen das Scheitern der bereits 1938 gereiften Staatsstreichpläne nicht nur mit verschärften Sicherheitsmaßnahmen: »Vielleicht fehlte den Verschwörern auch das letzte Quäntchen Mut.« In ihrem Buch wird vor allem dem geistigen Ringen des antipreußischen Rheinländers und Ritterkreuzträgers um die Gewinnung einer Alternative zum Faschismus Aufmerksamkeit gewidmet. Eid und Fünftes Gebot »Du sollst nicht töten« beschäftigten die christlichen Nazigegner. Boeselager dazu: »Die erste Frage war für mich kein Problem. Als Jesuitenschüler hatte ich gelernt, ... dass der Eid eine zweiseitige Bindung ist. Und wenn der eine den Eid bricht, dass der andere nicht gebunden ist. Und dass der Hitler jeden Tag den Eid brach, zum Wohle des deutschen Volkes seinen Dienst zu tun, das war mir völlig klar ... Das andere war schon ein Problem ... Und ich erinnere mich, dass der Tresckow mir eines Tages sagte, ›Boeselager, denken Sie daran, 16 000 Menschen werden täglich umgebracht. Das wollen wir stoppen.‹«

Auch ein US-amerikanischer Historiker hat sich eingehend mit dem deutschen militärischen Widerstand gegen Hitler befasst. Terry Parssinen interessierte sich für die Gruppe von Generalen und Politikern um Beck, Oster, Halder, Witzleben, Gisevius u. a., die 1938 Hitler stürzen wollten, um den damals noch in Vorbereitung befindlichen Krieg gegen die Tschechoslowakei zu verhindern, der ihrer Auffassung nach den Widerstand Englands und Frankreichs wecken und unweigerlich mit einer Niederlage Deutschlands enden würde. Parssinen kritisiert die damalige britische Haltung: »Die Briten sorgten allerdings dafür, dass Oster ständig in Unruhe war. Seine Emissäre waren höflich angehört worden, niemand außer Churchill, der nicht an der Macht war, hatte erkennen lassen, dass man sie unterstützen würde. Oster und einige seiner Mitverschwörer waren bereit zum Putsch, egal was die Briten taten, doch Halder wollte nicht losschlagen, bevor England Hitler die Stirn geboten hatte.« Bereits 2002 hatte Christian v. Krockow – warnend vor einer Verklärung der Militäropposition – gefragt: »Was wäre geschehen, wenn England und Frankreich Garantien für die Tschechoslowakei abgegeben hätten, wie später für Polen? Hätte dann der Staatsstreich tatsächlich stattgefunden und zum Erfolg geführt? Wir wissen es nicht ... Indessen dürfte ein zurückhaltendes Urteil geboten sein. Franz Halder zum Beispiel hat bis zum Herbst 1942 als Generalstabschef Hitler gedient ... Er überlebte das ›Dritte Reich‹ und hatte danach natürlich ein Interesse daran, seine Entschlossenheit zum Staatsstreich so eindrucksvoll wie möglich darzustellen.«

Erfreulich ist, dass auch ein Porträt der Nina v. Stauffenberg, der Frau des Attentäters, auf dem Buchmarkt erschienen ist. Verfasst wurde es von deren Tochter Konstanze v. Schulthess. Sie stützt sich auf Erinnerungen von Familienangehörigen und insbesondere auf schriftliche Aufzeichnungen, die ihre 2006 verstorbene Mutter auf Drängen der Kinder nach der Befreiung angefertigt hat. Bestätigt wird hier, dass Nina v. Stauffenberg grundsätzlich von der Widerstandsaktivität ihres Mannes wusste und ihn unterstützte, ohne natürlich in Details eingeweiht gewesen zu sein. Es war zwischen den Eheleuten ausgemacht, dass sie sich im Falle eines Misslingens als unwissende, unpolitische Hausfrau und Mutter geben sollte, um sich und die Kinder vor dem Naziterror zu schützen. Nina von Stauffenberg kam in »Sippenhaft«; sie gebar im Januar 1945 in Frankfurt (Oder) ihre jüngste Tochter Konstanze. Die älteren Geschwister waren von den Nazis in ein Heim zwangseingewiesen worden.

Das Buch der Tochter enthält interessante und beeindruckende Informationen über die in Lautlingen (Schwaben) und Bamberg lebende Familie. Es findet sich hier auch die Anklage: »Der deutsche Widerstand galt kurz nach dem Krieg nicht gerade als heroische Episode in einer dunklen Zeit. Das musste meine Mutter schnell erkennen ... Auch im Ausland nahm man nur zögernd zur Kenntnis, dass es so etwas wie einen aktiven Widerstand gegeben hatte. Die Schuld der Deutschen, ihre Verstrickung in ein beispielloses Verbrechen, ließ wenig Raum für andere Sichtweisen.« Insofern ist es schon bemerkenswert, dass jetzt zumindest der militärische Widerstand in Deutschland mit dem neuen Hollywood-Streifen »Operation Walküre« weltweit Aufmerksamkeit erfährt. Den vielfältigen antifaschistischen Aktionen anderer deutscher Hitlergegner wäre gleiches zu wünschen.

Jochen Köhler: Helmut James von Moltke. Geschichte einer Kindheit und Jugend. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008. 296 S., geb., 22,90 EUR.
Dorothee von Meding/Hans Sarkowski: Philipp von Boeselager. Der letzte Zeuge des 20. Juli 1944. ZS Verlag, München 2008. 216 S., geb., mit CD, 19,95 EUR.
Terry Parssinen: Die vergessene Verschwörung. Hans Oster und der militärische Widerstand gegen Hitler. Siedler, München 2008. 285 S., geb., 22,95 EUR.
Konstanze von Schulthess: Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg. Ein Porträt. Pendo, Zürich/München 2008. 224 S., geb., 19,90 EUR.

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Aus der Feder von Prof. Dr. Kurt Finker ist 1967 die erste ostdeutsche Stauffenberg-Biografie erschienen; jüngste Buchveröffentlichung: »Faschismus und Antifaschismus in Geschichtsbild und Geschichtsschreibung Westdeutschlands 1945 -1955« (Pahl-Rugenstein, 400 S., br., 24,95 EUR).

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