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Afrikas deutsche Stimme

Veye Tatah zeichnet mit ihrer Zeitschrift »Africa positive« ein etwas anderes Bild des schwarzen Kontinents

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Afrikas deutsche Stimme

Temperamentvoll gestikulierend sitzt sie vor ihrem Computer. Kurz hält sie inne, um ein paar Buchstaben zu tippen. Während Veye Tatah letzte Korrekturen an der Druckvorlage ihres neuen Heftes vornimmt, erzählt sie dem angereisten Reporter ihr Leben. Der englische Begriff Multitasking beschreibt das Geschehen nur annähernd. Denn nebenbei nimmt die 37-jährige Frau aus Kamerun noch Telefongespräche an, begrüßt Besucher und kocht Tee. »Es ist mein Kind«, sagt Veye Tatah und meint die Zeitschrift »Africa positive«. Seit zehn Jahren erscheint das Hochglanzmagazin quartalsweise in Deutschland, Österreich und der Schweiz – zur Zeit mit einer Auflage von 5000 Exemplaren. Veye Tatah ist Chefredakteurin, Autorin und Layouterin – alles ehrenamtlich. Wenn die spärlichen Einnahmen von den Werbeanzeigen nicht reichen, beteiligt sich die Chefredakteurin auch schon mal mit ihrem Ersparten an den Druckkosten. Aus diesem Grund war die rastlose junge Frau nun beim Neujahresempfang des Bundespräsidenten eingeladen.

»Ich möchte, dass nicht nur schlechte Nachrichten aus Afrika verbreitet werden«, erklärt Veye Tatah ihr außergewöhnliches Engagement. Sie wolle zwar auch keine Lobeshymnen anstimmen, aber die einseitige Darstellung des Kontinents als Kriegsschauplatz und Katastrophengebiet ertrage sie nicht. Deshalb auch der Name der Zeitschrift.

Tatsächlich ist der mitteleuropäische Medien gewohnte Zeitgenosse erstaunt, wenn er durch »Africa positive« blättert. Seltsam, es gibt auch Kinofilme aus Afrika. Es gibt auch ökonomisch erfolgreiche Staaten in Afrika. Und es gibt demokratische Staaten in Afrika. All das mag Menschen, die ihr Afrika-Bild mit dem Fernsehen empfangen, verwundern. Auf dem Titelbild des Jubiläumsheftes, der 30. Ausgabe von »Africa positive«, lächelt den Leser ein frisch gewählter zukünftiger Präsident der USA an. Zum Beweis dafür, dass ihr Heft auch durchaus kritisch über afrikanische Länder berichtet, zeigt die Zeitschriftenmacherin dann eine Reportage aus dem jüngsten Heft. Ein Mädchen wird in Tansania verstümmelt, weil es ein Albino ist. Aberglaube aber auch Geldgier werden als Ursachen der Gewalttat genannt. Manche reichen Menschen am Ufer des Viktoriasees benutzen die Gliedmaßen der Albinos als Medizin.

»Ja,« sagt Veye Tatah, »natürlich gibt es auch Schreckensmeldungen aus Afrika.« Aber oft würden, so ihre Einschätzung, die historischen Ursachen unterschlagen. »Nach der Kolonialzeit wurden die weißen Gesichter der Herrschenden durch schwarze ersetzt. Die kolonialen Institutionen aber sind geblieben.« So konnte sichergestellt werden, dass die ehemaligen Kolonien weiterhin günstig Rohstoffe und Agrarprodukte an die ehemaligen Kolonialmächte verkaufen. Auch die Entwicklungshilfe der Industrienationen, so ihr Standpunkt, festigen nur die bestehenden Herrschaftsstrukturen. Die Regierungen afrikanischer Staaten verlassen sich auf die karitativen Zuwendungen aus dem Norden, und so werde eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen und Förderung von Innovationen verhindert. Die politischen Eliten, von westlichen Staaten unterstützt, verfolgten oft ignorant nur ihre eigenen Interessen und nicht die der Bevölkerung.

»Auch wir haben solch einen Diktator«, erklärt die in Kamerun geborene Frau. Ansonsten macht sie nicht viel Aufhebens von ihrer nationalen Herkunft. Jedes ihrer Hefte stellt einen afrikanischen Staat vor. Kamerun steht auf der Liste auf dem 51. Platz. »Über meine Heimat werden wir also in etwa sechs Jahren schreiben«, lacht Veye Tatah. Sie selbst sieht sich als Afrikanerin. Andererseits, so widerspricht sich die junge Frau sofort selbst, gebe es riesige kulturelle Unterschiede auf dem Kontinent. »Ich denke nicht wie ein Nigerianer. Sie denken ja auch nicht wie ein Rumäne.« Gern verunsichere sie bei Diskussionsveranstaltungen ihre deutschen Gesprächspartner, indem sie diese vorgeblich irrtümlich als Polen oder Italiener bezeichnet. So könne sie der europäischen Ignoranz, Afrika als homogenes Gebilde begreifen zu wollen, etwas entgegensetzen.

Ihre Kindheit in Kamerun bezeichnet sie als »normal«. Dass sich ihr Gesprächspartner unter einer normalen Kindheit in einem westafrikanischen Staat nicht viel vorstellen kann, erfüllt Veye Tatah mit ein wenig Schadenfreude. Dann aber erzählt sie bereitwillig: »Ich bin in einer typischen Mittelschichtsfamilie aufgewachsen.« Der Vater war Lehrer, bevor er Zollbeamter wurde. Die Mutter war Lehrerin, später Krankenschwester. Beide sind inzwischen im Ruhestand. Die kleine Veye war gut in der Schule. Nicht nur die Naturwissenschaften, auch Geschichte und Politik fand die Oberschülerin sehr interessant. Als 19-Jährige kam sie nach Deutschland und arbeitete zunächst als Au-Pair-Mädchen, um ihre deutschen Sprachkenntnisse zu verbessern. Die Bilder aus Afrika, die hier im Fernsehen und in Zeitungen gezeigt wurden, schockierten sie. Zum ersten Mal sah sie die von Hungerödemen aufgequollenen Bäuche von Säuglingen und Kindergesichter, die von Fliegen bedeckt sind. »Das ist nicht Afrika«, wusste sie sofort und ruft diesen Satz auch heute noch aus.

Ihre Heimat Kamerun, das erklärt die Haltung der streitbaren Frau, ist ein afrikanischer Staat, dem es wirtschaftlich relativ gut geht. Hungersnöte und Bürgerkriege sind dort seit vielen Jahren unbekannt. Auch war Kamerun nicht so lange Kolonie wie seine Nachbarn. Die Portugiesen waren zwar seit dem 15. Jahrhundert Handelspartner, sogenanntes »deutsches Schutzgebiet« wurde das Land erst 1884. Nach dem Ersten Weltkrieg teilten Frankreich und Großbritannien das Territorium untereinander auf, bis es in den frühen 1960er Jahren unabhängig wurde. 1990 wurde Kamerun Fußballweltmeister – der Herzen. Fast scheint es vor dem Hintergrund der Historie, als müsse die Chefredakteurin von »Africa positive« notwendigerweise aus Kamerun stammen.

Warum aber zog es die junge Frau aus dem afrikanischen Paradies ins graue Deutschland? Veye Tatah war fasziniert von Computern. Nicht nur der Umstand, dass das Studium der Informatik in Deutschland einen besseren Ruf hatte als in Kamerun, gab den Ausschlag. Vor knapp 20 Jahren hatte Kamerun nur französischsprachige Universitäten. Veye Tatah gehört aber der englischsprachigen Minderheit an. Eine Fremdsprache hätte sie zum Studieren also sowieso erlernen müssen, scherzt die inzwischen fließend bis überfließend Deutsch sprechende Frau. So entschied sie sich für die alte Kolonialmacht. Zunächst studierte Veye Tatah Informatik in ihrer neuen Heimatstadt Dortmund. Sie war beliebt bei den Studierenden und den Dozenten wegen ihres einnehmenden Wesens. Bald wurde sie Ausländerbeauftragte der Universität. Und etwas später hatte sie eine Assistentenstelle inne. Mit einem Schmunzeln berichtet sie von einem Morgen, an dem ihr Professor sie bat, ihn bei einer Vorlesung zu vertreten, weil er erkrankt war. Über 300 Studenten warteten im Hörsaal. Veye Tatah wollte sich noch schnell ein Mikrofon beim Hausmeister besorgen. Doch der schien zunächt nicht gewillt, seine Kostbarkeiten herauszurücken. Ein junges Mädchen, noch dazu eine Schwarze, wollte sein Mikrofon? Diese Gedanken glaubte die junge Akademikerin in den Augen des Technikers lesen zu können. »Ich lache viel, kann aber auch sehr streng sein, wenn es um die Sache geht«, erklärt Veye Tatah. Ein Blitzen in ihren Augen lässt keinen Zweifel an ihrer Aussage zu. Das Gespräch zwischen der Informatikerin und dem Hausmeister habe nur wenige Sekunden gedauert, dann habe die junge Frau den gewünschten Gegenstand in ihren Händen gehalten. Inzwischen hat Veye Tatah die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Sie war eine der ersten in ihrer Stadt, die von dem neuen Recht der damaligen rot-grünen Bundesregierung Gebrauch machten. Zurück nach Kamerun will sie nicht. »Ich bin Deutsche«, erklärt sie Fragenden das Selbstverständliche.

Den Job an der Uni hat die Redakteurin von »Africa positive« inzwischen aufgegeben. Neben ihren Quartalsheften schreibt sie noch an ihrer Dissertation, die den schwungvollen Titel »Modellierung und Simulation von Systemen« trägt. Ihr geht es mit dieser Doktorarbeit darum, Wirtschaftswissenschaftlern ein einfach zu bedienendes Instrumentarium zur Verfügung zu stellen, um ein Marktgeschehen errechnen zu können. »Informatik allein genommen ist stinklangweilig«, erklärt sie. »Zusammen mit dem Fach Ökonomie ist die Materie erträglich.« Auch hier also fungiert Veye Tatah als Brückenbauerin. Ihr Geld verdient sie inzwischen sowohl als wissenschaftliche wie auch als politische Beraterin. Öfter war sie schon in Diskussionsrunden im Fernsehen zu sehen, stritt mit Parteipolitikern und Ministern. In Medienkreisen wird sie als deutsche Stimme Afrikas, als Lobbystin für den Schwarzen Kontinent gehandelt.

Lobbysten allerdings sind eigentlich komfortabler untergebracht. Redaktion, Verlag und Vertrieb der Zeitschrift befinden sich in der Pförtnerloge eines Studentenwohnheimes. Die drei mal drei Meter reichen für zwei Schreibtische und ein paar Regale. Ständig ist das Klicken der altertümlichen Relaiskästen zu hören, die eine der Wände schmücken. »Das Studentenwerk hat uns günstig diesen Raum überlassen«, erklärt Veye Tatah. Um die Kosten für »Africa positive« zumindest teilweise zu erwirtschaften, hat sie einen Catering-Service gegründet. Freundinnen arbeiten dort, bieten typisch afrikanische Spezialitäten für Feiern und Empfänge an. Der Gewinn jener Firma fließt in Form einer ganzseitigen Werbeanzeige ins Heft. Ansonsten inserieren dort kleine Buchverlage und gelegentlich ein Reiseunternehmen oder eine Fluggesellschaft. Die Leser der Zeitschrift sind, so schätzt die Chefredakteurin ein, Professoren, Lehrer, Studenten und Geschäftsleute. Zu etwa 70 Prozent seien die Käufer Deutsche, der Rest deutschsprachige Afrikaner. So viele Exemplare wie möglich werden kostenlos an Behörden, Organisationen und Schulen verschickt. Viel Zeit für andere Hobbys hat Veye Tatah nicht: »Meine beiden Söhne wissen, dass sie ihre Mutter mit einem sehr zeitraubenden Geschwisterkind teilen müssen.«

Wie gesagt, »Africa positive« ist ihr Kind. Auch wenn sie ihn nicht persönlich kennt, hat sie einen prominenten Mitstreiter im Geiste: den schwedischen Schriftsteller Henning Mankell. »Zeigt das wahre Afrika!«, forderte er 2006 die Medien auf. Und: »Solange wir akzeptieren, dass die Afrika-Bilder, die uns geboten werden, vom Leiden, vom Sterben beherrscht sind, werden wir die Afrikaner nicht als ebenbürtig betrachten. Diese Art von Berichterstattung wird uns nie zu der Einsicht bringen, dass wir diesen Menschen zuhören müs- sen ... Wenn wir zulassen, dass dieses falsche Afrika-Bild sich durchsetzt, werden wir Europäer auch weiterhin reden, ohne gleichzeitig zuzuhören und in einen Dialog einzutreten. Wir werden weiterhin unsere Taschen vollpacken mit Lösungen und Antworten, statt nach Mitteln zu suchen, um uns an der Forumulierung der Fragen beteiligen zu können.« Veye Tatah hätte es nicht besser ausdrücken können.

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