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Farbe bekennen in Schwarzweiß

Das alternative israelische Fotografennetzwerk Activestills möchte mehr als die Welt nur beobachten

  • Von Susann Witt-Stahl, Tel Aviv
  • Lesedauer: 8 Min.

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Sie setzen sich ein für soziale Veränderungen, und sie sind überzeugt davon, dass sie mit dem Mittel der Fotografie dazu beitragen können. »Wir stellen auch mit Bildern die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft«, sagen die Bildreporter des alternativen israelischen Fotografennetzwerks Activestills.
Die Kamera hat Oren Ziv stets griffbereit.
Die Kamera hat Oren Ziv stets griffbereit.

Helikopter der israelischen Luftwaffe kreisen am Himmel über dem Gaza-Streifen. Eine riesige Rauchwolke steigt auf. Vor der Grenze, an der Abfahrt in die Stadt Sderot, deren Einwohner seit nunmehr acht Jahren von den Kassam-Raketen der Hamas bedroht werden, bremst Nir Landau, Fotograf des Mediennetzwerks Activestills, den schon etwas verbeulten weißen Mitsubishi abrupt ab. Er und sein Kollege Oren Ziv stürzen hinaus und rennen mit ihrer Kamera-Ausrüstung eine Böschung hinauf. Sie »schießen« lange Fotostrecken von dem schaurigen High-Tech-Kriegsspektakel, das inzwischen auch einige Schaulustige aus benachbarten Siedlungen angezogen hat.

»Wir fotografieren, was der Sensationspresse nicht passt«

das Poster mit dem von Polizeigeschossen getroffenen Lymor Goldstein.
das Poster mit dem von Polizeigeschossen getroffenen Lymor Goldstein.

Zehn Minuten später dröhnt im Zentrum Sderots die Alarmsirene. Hamas-Kämpfer haben wieder eine Rakete auf den Weg nach Israel gebracht. Keine 15 Sekunden werden vergehen, dann wird sie detonieren. Und wieder eine Vollbremsung. Diesmal halten Landau und Ziv, um sich selbst in Sicherheit zu bringen.

Für die Suche nach einem Luftschutzraum bleibt keine Zeit. Sie müssen mit einer Falafel-Imbissbude Vorlieb nehmen. Dort fotografieren sie weiter, reden mit den Leuten. Sie interessieren sich für den Alltag und die Sorgen der Menschen von Sderot im Raketenhagel – Bilder und Geschichten, die die Sensationspresse von »Ma’ariv« in Israel bis zu »Bild« in Deutschland meist vernachlässigt.

Kaum ist die Sirene verstummt, geht es im Höllentempo zur Einschlagstelle: ein Wohnhaus – keine 50 Meter von der Gil-Grundschule entfernt. Die Activestills-Fotografen knipsen, was das Zeug hält: Geschrei. Panik. Eltern, die ihre Kinder, flankiert von der Polizei, aus dem Schulgebäude – einem Bunker – führen. Eine Frau kollabiert. Getötet oder verletzt wurde niemand, aber die Verwüstung ist nicht zu übersehen.

»Normalerweise betrachten wir es nicht als unsere wichtigste Aufgabe, Live-Kriegsbilder zu liefern«, erzählt Oren Ziv auf der Rückfahrt nach Tel Aviv. »Aber die Ereignisse der vergangenen Wochen gehören nun mal zu unserer Lebensrealität in Israel, daher sind wir nicht nur bei Friedensdemonstrationen, sondern auch überall dort zu finden, wo die Gaza-Militäroffensive wahrnehmbar ist.«

Für die meisten gilt: »Nach dem Krieg ist vor dem Krieg«

Die neun Profi-Fotografen, die sich 2005 zum Activestills-Kollektiv zusammengeschlossen haben und eng mit Grafikern, Textern, Webdesignern und Dokumentarfilmern aus der Region – darunter auch Palästinenser aus dem Gaza-Streifen – kooperieren, wollen nicht mit Presseagenturen wie AP oder Reuters konkurrieren. Sie verstehen sich als linke Alternative zu den etablierten Medien. »Wir dokumentieren Ereignisse in Israel und Palästina, die kaum jemand zeigen will.« Und das sind sehr viele. Das Land, dessen Bewohner seit mehr als 60 Jahren nach der Devise »Nach dem Krieg ist vor dem Krieg« leben müssen, und seine zutiefst zerrissene Gesellschaft, die den sozialistischen Visionen der Gründungsväter längst den Rücken zugekehrt hat, wird Tag für Tag von schweren politischen Konflikten erschüttert: Da sind die gemeinsamen Proteste von israelischen Linken und örtlichen Palästinensergruppen gegen die fortdauernde Okkupation des Westjordanlands, die Zerstörung arabischer Häuser durch die israelische Armee, der Widerstand der Bewohner von Jaffa gegen die Verdrängung bestimmter Bevölkerungsgruppen aus ihren angestammten Stadtquartieren, die Inhaftierung von Flüchtlingen aus der sudanesischen Provinz Darfur, die Antipelzproteste der Tierbefreiungsbewegung oder Gerichtsprozesse gegen Refuseniks – israelische Kriegsdienstverweigerer.

Fotografen von Activestills begleiten das Zeitgeschehen in Israel abseits vom Machtgerangel der Parteien in der Knesset und staatspolitischen Verlautbarungen der Regierung. »Wir sind uns zufällig in den besetzten Gebieten begegnet, bei den Freitagsdemonstrationen der Bewohner von Bil’in und der ›Anarchists Against the Wall‹ gegen den Bau des Segregationszauns«, erinnert sich Keren Manor. Die 31-jährige Fotografin ist neben Oren Ziv (23), Yotam Ronen (28) und Eduardo Soteras (33) Gründungsmitglied von Activestills.

»Wir haben damals beschlossen, uns zu treffen und gemeinsam ein Konzept zu erarbeiten.« Das Ergebnis ist ein Programm politischer Intervention durch kritische Aufklärung, die sich durch das »Fenster zur Seele« (Leonardo da Vinci) – das Auge – ihre Bahn bricht und gegen Besatzung und Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung im eigenen Land richtet. »Dabei arbeiten wir auf zwei Ebenen: Wir halten aktuelle Ereignisse und Aktionen in Bildern fest, die wir nicht nur für unsere eigene Internetseite, sondern auch im Auftrag kritischer Medien und Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty Israel machen«, erklärt Oren Ziv. »Und wir konzipieren Langzeitprojekte.«

Sie nennen es »Aktivistische Fotografie«

Ein Beispiel: »What You Think You See« – eine Ausstellung von Bildern, die zwischen 2004 und 2007 entlang der Route des sich noch im Bau befindlichen Zauns entstanden sind, die den jüdischen Staat vom Westjordanland abtrennen sollen.

Für dieses Projekt arbeitet Activestills mit einem noch recht neuen Genre der Dokumentation, das zum Markenzeichen des Kollektivs geworden ist: aktivistische Fotografie. Die Netzwerkmitglieder agieren gleichzeitig als Fotografen, Demonstranten und Reporter. Dabei entstehe eine »Mischform aus Fotojournalismus und sozio-politischem Aktivismus, die Farbe bekennt und einen Standpunkt bezieht«, erläutert Ausstellungskurator Gilad Baram. Der Aktivistenfotograf sei ein integraler Bestandteil der Geschehnisse und ein mitverantwortlicher Akteur. »In seinen Bildern wird das dokumentierte Ereignis zur Bühne«, sagt Baram. »Die Fotografie gehört nun selbst zu den Darstellern und liefert nicht mehr nur das Rampenlicht.«

Den Activestills-Fotodokumentaristen geht es darum, eine politisch wirkmächtige Alternative zur Mainstream-Berichterstattung zu entwickeln. »Wir wollen hinter die Dinge schauen, sie von der anderen Seite betrachten und unverfälscht zeigen«, sagt Keren Manor. »Wir stellen nicht nur Objekte in den Brennpunkt, die von den etablierten Medien ignoriert werden, wir präsentieren sie auch anders.«

»Eine gut beleuchtete Straße ist unsere Galerie«

So setzt Activestills weniger auf Ausstellungen mit teuren De-Luxe-Drucken von hochaufgelösten Fotodateien, sondern sucht die Begegnung mit der jüdischen und der arabischen Bevölkerung im öffentlichen Raum. »Wir wollen vor allem die Menschen erreichen, die nicht unserer Meinung sind«, erklärt Oren Ziv. »Die Lösung der Konflikte in unserem Land kann nicht von der UNO herbeigeführt werden – sie kann nur von den Menschen kommen, die hier leben: Israelis und Palästinensern.«

Die Straße als Galerie. »Wir hängen unsere Fotos im Posterformat an gut beleuchteten Orten in der ganzen Stadt aus.« Nicht selten sind Bilder darunter, deren Betrachtung tiefe Bestürzung und ohnmächtige Wut auslöst. So verbreitete Activestills 2006 ein Foto, auf dem der Rechtsanwalt und Mauergegner Lymor Goldstein blutüberströmt am Boden liegend zu sehen ist, kurz nachdem er in Bil’in von Hartgummigeschossen der israelischen Armee an den Kopf getroffen worden war.

Im Sommer fotografierte Oren Ziv auf Wunsch der Eltern den stark entstellten Leichnam eines elfjährigen palästinensischen Jungen, der während einer Demonstration in dem Dorf Nil’in im Westjordanland von einem Grenzpolizisten erschossen wurde. »Das sind Momente, in denen es mich schmerzt, dass ich das Leiden nur abbilden, aber nicht wirklich helfen zu kann.«

In einer gewaltdurchwirkten Region wie dem Nahen Osten als Fotograf in vorderster Linie zu arbeiten, bedeutet nicht selten Lebensgefahr: Immer wieder geraten Activestills-Mitglieder ins Visier von Polizisten und Soldaten. Kriminalisierungsversuche und Schikanen sind feste Bestandteile des Arbeitsalltags. In Nil’in wurde Keren Manor von einem Gummigeschoss in die Hüfte getroffen. In Hebron, der Hochburg militanter extremistischer Siedler, prügelte ein wütender Mob auf Activestills-Leute ein.

Zurückgekehrt von der »tour de force«, sinken die Fotoreporter auf das Sofa in ihrem Wohnbüro nahe der King George Street in Tel Aviv. Sie wirken sehr erschöpft – in diesen Tagen sind die meisten fast rund um die Uhr unterwegs.

Was kann Fotojournalismus noch bewirken, wenn das massenhafte Töten in vollem Gange ist? »Ein großes Problem ist, dass die internationale Presse, bis auf wenige Ausnahmen, von den Geschehnissen im Gaza-Streifen ausgeschlossen ist«, kritisiert Oren Ziv. »Dinge zu verstecken – das ist seit jeher Israels Politik.«

»Wir haben die im Süden wohl zu lange im Stich gelassen«

Nir Landau glaubt, dass die Macht der Bilder während der Kriegshandlungen gebrochen ist. Er hat Verständnis für die Menschen im Süden des Landes, die die Militäraktionen gegen die Hamas mit überwältigender Mehrheit begrüßen: »Sie fühlten sich so lange im Stich gelassen und halten die Armee nun für eine Art Messias, der gekommen ist, um sie zu erretten«, sagt Landau nachdenklich. »Wir hätten früher dort hinfahren und unsere Anteilnahme zeigen sollen – vielleicht hätten uns dann einige zugehört.«

www.activestills.org



Gaza-Hilfskonvoi gestoppt

Kurz nachdem Susann Witt-Stahl uns ihren Report über die Fotografen von Activestills übermittelt hatte, erhielten wir von ihr noch diesen Augenzeugen-Bericht.

An der Autobahnabfahrt nach Ashkelon, 60 Kilometer südlich von Tel Aviv, war Endstation: Die Polizei hielt gestern einen Buskonvoi der israelischen Hilfsorganisation »Ärzte für Menschenrechte« an und zwang die mehr als 250 Friedensaktivisten, die aus Tel Aviv, Jerusalem, Beersheva und Taybeh gekommen waren, zur Umkehr. Mitglieder der Organisation wollten eine Lieferung von Medikamenten und medizinischen Ausrüstungen begleiten.

Auch die Hilfsgüter durften den Grenzübergang Kerem Shalom, an dem die Übergabe geplant war, nicht passieren. Begründung: Das Gebiet sei nicht befahrbar, weil die israelische Armee auf der palästinensischen Seite Bombardierungen durchführe. Die Demonstration der Friedensaktivisten, die den Transport flankieren sollte, dürfe nicht stattfinden, weil Menschenansammlungen laut einem Militärdekret aus Sicherheitsgründen untersagt seien.

»Alles, was die öffentliche Ruhe und verordnete Harmonie stört, wird zurzeit aus dem Weg geräumt«, kommentierte Hadas Ziv, Sprecherin der »Ärzte für Menschenrechte«, das Verbot.

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