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»Ich habe nie wieder ein Foto gemacht«

Wilhelm Brasse wurde in Auschwitz gezwungen, Mengeles Menschenversuche zu dokumentieren. Die Bilder haben ihn nie mehr losgelassen

  • Von Marian Kummerow
  • Lesedauer: 7 Min.

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»Bewahren Sie sich Ihre Freundlichkeit und Ihre Offenheit!« Zweieinhalb Stunden hat Wilhelm Brasse zu den Jugendlichen gesprochen, die aus Greifswald zu ihm gekommen sind. Aus dem Land, in dem man so heißt wie er und das sein Schicksal wurde. Es bleibt still im Raum. Sprachlosigkeit. »Und lassen Sie sich Ihre Freiheit nie nehmen! Nie!«, setzt der alte Mann hinzu. Er lächelt.

Wilhelm Brasse ist heute 90 Jahre alt. Er lebt in Zywiec, 50 Kilometer von Oswiecim/Auschwitz entfernt. 1940 wurde der Sohn eines Österreichers und einer Polin von den Deutschen auf der Flucht verhaftet. Er wollte nach Ungarn, zur Schwester seiner Mutter, doch an der polnisch-slowakischen Grenze wurde er festgehalten. Am 31. März 1940 – das Datum vergisst er nie – kam er ins Gefängnis im nahe gelegenen Tarnow. Dort wurde er vor die Wahl gestellt, sich als Deutscher der Wehrmacht anzuschließen oder aber als Pole inhaftiert zu werden. »Was soll ich sagen? Ich fühlte mich als Pole, ich war Pole!«

Ein überaus höflicher Offizier

Brasse ging ins Gefängnis. Fünf Monate später, am 31. August 1940, wurde er ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht, das anfangs für polnische und sowjetische Kriegsgefangene vorgesehen war, bevor ab 1942 gezielt Juden ins Lager deportiert wurden. Vor der Abfahrt aus dem Gefängnis in Tarnow unterbreitete ihm ein Offizier erneut das Angebot: Wenn er in der Wehrmacht dienen würde, werde er sofort aus der Haft entlassen. Trotz aller Angst und Ungewissheit lehnte er ab.

Stammlager Auschwitz, Häftlingsnummer 3444. Es waren grauenvolle Tage der Ankunft. Wilhelm Brasse war aus dem Leben gerissen. »Ich habe gesehen, wie die Gefangenen gedemütigt und geschlagen wurden. Ich habe das nicht verstanden. Warum? Und was waren das für Menschen, die so etwas tun konnten?« Aber er begriff, er musste seinen Lebensmut behalten. Einen Weg des Überlebens finden. »Es war sehr schwer zu ertragen.« Er sei haltlos, kaputt, zerrissen gewesen, wie er sagt. Er wusste nicht wohin, wusste nicht, wo seine Seele war.

Zuerst kam Brasse zum Straßenbau, harte Arbeit mit Spaten und Karre. Den Kapo kann er nicht vergessen, ein Deutscher aus Dresden. »Man kann gar nicht beschreiben, was für ein Bandit das war. Ein Mörder! Er hat nur geschrien und mit einem Knüppel auf uns eingeschlagen.« Dann wurde Wilhelm Brasse zur Arbeit als Leichenträger gezwungen, später dem Baukommando für den Ausbau des Lagers unterstellt. Dort lernte er einen »guten« Kapo kennen: »Dieser schrie nur manchmal etwas. Geschlagen hat er nie.« Da Wilhelm Brasse gut deutsch sprechen konnte, wurde er mehr und mehr mit Übersetzungen beauftragt. Dann machte sich die SS seine zweite Fähigkeit zunutze: Der gelernte Fotograf wurde zur Arbeit im Erkennungsdienst gezwungen.

Dort war es seine Aufgabe, neu ankommende Häftlinge für die Lagerkartei zu fotografieren. Wer in der Gedenkstätte Auschwitz das Stammlager besichtigt hat, kennt die langen Gänge, in denen Unmengen dieser Fotografien hängen. Um die 50 000 mal drückte Brasse den Auslöser. 50 000 mal Angst und Scham in den Gesichtern der Frauen, Männer und Kinder. »Niemand durfte auf den Fotos lächeln. Aber es war auch niemandem zum Lächeln zumute. Ihre Augen waren voll Furcht. Viele ahnten schon das Ende«, sagt Brasse. Seine Porträts waren oft die letzten Bilder, die diese Menschen lebend zeigen.

Auch die Herren des Lagers hat Brasse hin und wieder fotografiert, für die Ausweise. 1943 kam ein Offizier. »Er war sehr gut gekleidet, kann man sagen. Er hatte auch Benehmen, er siezte mich sogar. Dann sagte er, dass er Dr. Mengele heiße. Er kam also zu mir, damit ich die Aufnahme für den Lagerausweis mache. Später kam er erneut und wollte, dass ich für ihn Postkartenfotos anfertige, die er dann in die Heimat schicken wollte.« Bei dieser Gelegenheit hat Josef Mengele ihn verpflichtet, Fotos zu machen. Besondere Fotos.

Die Angst der Mädchen

Wenige Tage später schickte ihm Mengele eine Gruppe jüdischer Mädchen. Für seine Zwecke verlangte er Nacktfotos, von vorn und im Profil. Als die etwa 15 Mädchen vor ihm standen, musste Brasse sie auffordern, sich zu entkleiden. Entblößt und ängstlich standen diese jungen Mädchen da. Er musste fotografieren. »Das war verrückt. Mir taten diese Mädchen sehr leid. Aber ich hatte doch keine Wahl. Das war für alle sehr peinlich.« Immer wieder schickte Mengele junge jüdische Mädchen.

Mengele war sehr zufrieden mit dem Fotograf. Er hat ihn gelobt für die Qualität seiner Bilder. Brasse fügte sich. In der Folgezeit hat er immer wieder Mengeles Untersuchungen dokumentiert. Er fotografierte jüdische Zwillingspaare, Kleinwüchsige, Hungernde, Kranke. Brasse erzählt und ringt um Fassung. »Ich wurde zum Begleiter von Dr. Mengeles Menschenversuchen. Er wollte das alles dokumentiert haben.«

Dann kam der Standortarzt im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, SS-Sturmbannführer Dr. Eduard Wirths. Auch seine »Versuche« sollte Brasse dokumentieren. Er sah, wie weibliche Häftlinge betäubt auf einen gynäkologischen Stuhl gesetzt wurden. »Er hat ihre Beine gespreizt und mit einer langen Zange die Untersuchung gemacht. Ich musste fotografieren. Beim Aufwachen haben die Frauen, meistens waren es griechische Jüdinnen, geweint. Manche sind gestorben. Ich kann das nicht beschreiben.« All das kann Wilhelm Brasse nicht vergessen. »Ich habe später nie wieder ein Foto gemacht.«

Bis Mitte Januar 1945 ging das so. Als die Rote Armee näher rückte und die SS hektisch die Räumung des Lagers Auschwitz vorbereitete, bekamen er und seine »Kollegen« den Befehl, das gesamte Bildmaterial zu vernichten. Sie zündeten die Fotos und Negative auch an. Als aber der SS-Mann den Raum verließ, löschte Brasse das Feuer und versteckte die Bilder. So konnten diese Dokumente gerettet werden. Wenige Stunden später wurde Wilhelm Brasse mit einem Transport in das KZ Mauthausen verschleppt. Die Zeit des Bangens dauerte noch bis zum 5. Mai. Dann wurde auch dieses Lager befreit, diesmal kamen die Amerikaner. Brasse war zu diesem Zeitpunkt auf 45 Kilogramm abgemagert. Noch zwei lange Monate musste er ausharren, bevor er kräftig und gesund genug war, um in die Heimat zurückzukehren.

Nach dem Krieg wollte Brasse in seinem gelernten Beruf arbeiten. Doch es ging nicht mehr. Immer wieder blitzten die Motive aus dem Lager auf. Er konnte die schrecklichen Bilder nicht aus seinem Gehirn verbannen, er konnte sich nicht mehr in die Rolle eines ganz normalen Fotografen denken. Er war der Lagerfotograf von Auschwitz, und ständig sah er all die Opfer vor sich: »Sie haben sich so schrecklich geschämt. Wissen Sie, ich habe in Auschwitz Gott verflucht!« Brasse unterbricht, kämpft mit den Tränen. »Ich habe meine Mutter verflucht, dass sie mich geboren hat. Das habe ich mir nie verziehen.« Irgendwann gründete er eine Wurstfabrik.

Dieser Geruch nach Feuer und Asche

Die 15 jungen Besucher aus Deutschland sind sonst nicht so leicht zu beeindrucken. Einige kommen aus schwierigen Verhältnissen und werden in einer Wohngemeinschaft der »Norddeutschen Gesellschaft für Bildung und Soziales« (NBS) betreut. Doch diese Reise zu den Wachtürmen, dem Stacheldraht, den einsamen Gleisen und den stummen Schloten hat sie tief getroffen. »Wir sind total aufgewühlt!« sagt die 20-jährige Susann und die 19-jährige Monique fügt hinzu: »Das ist doch alles nicht mehr zu verstehen!« Auch Bianca Bräuer vom Stadtjugendring, die die Reise mit Hilfe der NBS, des Greifswalder Kinder- und Ferienvereins und der Landezentrale für politische Bildung organisiert hat, ist berührt. »Wir wollen den Jugendlichen begreifbar machen, welches brutale Ausmaß der Hass während der Zeit des Nationalsozialismus hatte. Und gemeinsam diskutieren, wie die Erinnerung an die Opfer wach gehalten werden kann.« Solche Sätze klingen heute schnell nach Phrase in Deutschland. Aber nicht an diesem Ort.

Auch Wilhelm Brasse wird eindringlich, bevor er geht. »Es riecht so schrecklich an diesem Ort. Nach Feuer, nach Asche. So etwas soll kein Mensch mehr erleben.« Bei diesen Worten sieht der 90-Jährige seinen Zuhörern tief in die Augen.

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