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Mathias Wedel
Mathias Wedel

»Aufregung unter Eisenbahnern«, hieß es am Sonnabend. Die kann man verstehen! 25 Prozent von denen, so hat der Führungsoffizier für Mitarbeiterbespitzelung bei der Bahn geschätzt, seien »bereit, die eigene Firma zu hintergehen«, also zu klauen, was nicht niet- und nagelfest ist. Nur ein Viertel sei »ehrlich, komme was da wolle«.

Ist eben nicht »die eigene Firma«. Bis es soweit ist, müssen noch allerhand Krisen niederkommen. Die Bahn gehört dem Staat, der hat den »Bahnchef« eingesetzt, damit er das Personal kujoniert und Jahr für Jahr den Kunden höhere Fahrpreise abpresst. Dafür kassiert der Mann Millionen.

25 Prozent ist eine erschreckende Zahl – sie muss viel höher sein. Den Ausbeuter zu behumsen, für den man sein Leben verdämmert, von dem man mit zu wenig Lohn abgespeist, permanent mit Entlassung bedroht und nun auch noch des Klauens, der Korruption und des Privattelefonierens verdächtigt wird, das ist doch Ehrensache! In einem korrupten Laden ehrlich zu bleiben – das wäre dämlich. Und dämlich hätten sie uns gern...

Bereits beim Bau der Strecke Nürnberg-Fürth 1834 haben die Arbeiter alles mitgehen lassen, was das Leben erleichtern konnte. Die Schwellen mussten auf bestimmten Abschnitten in doppelter Anzahl herbeigeschafft werden, weil sie die Leute in ihre Hütten eingebaut hatten oder verheizten. Später nahmen sich Lokführer das Privileg, Kohle von der Strecke zu werfen, für gute Kumpels oder junge Witwen (Brecht hat diese edle Handlungsweise bedichtet). Da war »Aus Wert wird mehr Wert – Klauen, aber richtig!« von K. Marx noch gar nicht erschienen! Seitdem gehört es zur proletarischen Tugend, Rohstoffe, Produkte und Werkzeuge abzuzweigen. Diebstahl sollte man das nicht nennen, sondern »schadlos halten«, für das, was man in einem Angestelltendasein ertragen muss. Die Buchhalter mussten extra die Wörter »Handelsverlust« bzw. – bei den Bierfahrern – »Transportbruch« erfinden. Die Arbeiter in der DDR, dem Volkseigentum nahe, haben bei der SED die Losung »Noch mehr aus unseren Betrieben herausholen!« durchgesetzt. Herrliche Datschensiedlungen und leistungsstarke Antennenanlagen entstanden, viele Trabis fuhren mit »Sprit von Honi«. Leider haben die Werktätigen aus dem Mutterlande versäumt, diese schöne Tradition zu übernehmen. Aber es gibt sie noch. Dort, wo ich heize, liefert die Forstwirtschaft erst Holz aus, wenn alle Forstmitarbeiter ihre Sippen versorgt haben.

Natürlich kommen die Unternehmer, wenn sie nicht gerade damit befasst sind, Kameras auf Werkstoiletten zu installieren, ihren Lohnsklaven gern mit Moral und Recht. Die Moral wurde ja eigens dafür erschaffen, dass Kassenmädchen bei Lidl sich nicht mehr trauen, von der Schokolade abzubeißen, die sie im Regal »gefunden« haben. Und wie steht es um das Recht? Vor einigen Jahren ging die Geschichte eines Fernfahrers durch die Presse. Der hatte Dünnpfiff, sich für die lange Tour mit einer Rolle Klopapier aus dem Firmen-WC verproviantiert und wurde wegen Diebstahls davongejagt. Er klagte vor Gericht, fand jedoch keinen Richter, der schon mal Durchfall hatte. Manchmal aber kann man auf das Recht vertrauen. Zumwinkel, Peter Hartz und Ackermann beispielsweise hatten allen Grund dazu.

Am Wochenende sind die Tarifverhandlungen bei der Bahn zu Ende gegangen. Der Gewerkschaftsführer frohlockte: Man habe für die Beschäftigten so viel herausgeholt, dass sie weiter »als Konsumenten investieren« können. Konsumieren und zugleich investieren? Das ist Quatsch! Gemeint war: Man hat für die Kollegen gerade mal so viel rausgeholt, dass sie als Konsumenten dem System nicht verloren gehen.

Auf der Seite der Arbeitgeber verhandelte übrigens ein gewisser Herr Hansen. Der hatte bis vor einem Jahr noch den zornigen Eisenbahner-Gewerkschafter gemimt. Heute erscheint er smart im Dreiteiler als Direktor. Klauen hat der nicht nötig; der hat das Maximale aus seinem Job herausgeholt und baut nun auf die, »die ehrlich sind, komme was da wolle«.

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