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Unaufhaltsamer Abstieg

Berliner theater 89: »Industrielandschaft mit Einzelhändlern«

  • Von Christoph Funke
  • Lesedauer: 3 Min.

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Bernhard Geffke
Bernhard Geffke

Keinen Ausweg gibt es für den tapferen, einfallsreichen, fleißigen Drogisten irgendwo in einer deutschen Großstadt, Ende der sechziger Jahre. Ein ehrsamer Händler und aufrechter Kaufmann ist er gewesen, im Einklang mit den Gesetzen des Marktes hat er gelebt, Eigentum als Verpflichtung begriffen. Alles vergeblich, das Geschäft, die kleine feine Drogerie, ist nicht mehr zu halten, trotz des verbissenen Studiums der ökonomischen Mechanismen, trotz der rückhaltlosen Hilfe der Frau. Noch nicht fünfzig Jahre alt, fällt der Unermüdliche aus dem Wettbewerb heraus, der doch lange Zeit gerade für ihn so reibungslos, so sauber, so überschaubar gesetzmäßig zu funktionieren schien.

Egon Monk machte den so nachdenklichen wie tatkräftigen Geschäftsmann im weißen Kittel zum Helden seiner 1970 erschienenen Erzählung »Industrielandschaft mit Einzelhändlern«. Nicht zufällig erinnert der Text an die Lehrstück-Technik von Bertolt Brecht – Monk war einer der ersten Schüler und wichtigsten Mitarbeiter des Meisters am Berliner Ensemble. Für die hintergründig heitere Inszenierung »Der Hofmeister« von Lenz/Brecht trug er 1950 wesentliche Mitverantwortung, 1952 inszenierte er Goethes »Urfaust«. Ein Jahr später verließ Monk die DDR, arbeitete dann vorwiegend beim Fernsehen, im entschieden politischen Einsatz für die Werke Brechts und für Fernsehspiele mit einer streitbar ehrlichen Analyse des Alltags in der Bundesrepublik. Auch Mehrteiler wie »Die Geschwister Oppermann« (1983) und »Die Bertinis« (1988) entstanden unter seiner Regie, 2007 starb Egon Monk im Alter von 80 Jahren.

Die heute geradezu prophetisch anmutende Erzählung um den Drogisten in der Industrielandschaft nutzte Monk als Vorlage für einen Fernsehfilm – nun erfuhr der Text im Berliner theater 89 eine Umwandlung zum Theaterstück, inszeniert von Hans-Joachim Frank. Der Drogist erzählt von seinem Kampf, befindet sich wie in einem sumpfigen Dschungel (Bühne und Kostüme Annette Braun), mitten in einer »Industrielandschaft« eben, die den Braven bergend umgibt und schließlich ausstößt. Was da auf der kargen Szene mit Stühlen, Treppe, Kleiderständer und leuchtendem Hintergrund stattfindet, ist Rechenschaft und Gerichtsverfahren in einem. Der Drogist (Bernhard Geffke) muss sich einem aus Gestalten der Phantasie, der Träume und Albträume gebildeten Chor stellen, der sein Schicksal choreografisch aufnimmt und weitertreibt.

Aus dem Chor heraus treten zwei schwarze Engel, oder sind es Teufel? Mit böser Lust und bis in pathetischen Gesang gesteigert deuten, erklären sie, was dem Händler geschieht und warum. Hans-Joachim Frank schafft mit seinen Spielern einen Denkraum, von Musik (Jörg Huke) durchflutet, geheimnisvollen Ritualen unterworfen, eine Richtstätte.

Bernhard Geffke setzt sich mit der Fülle des intellektuell hochgetriebenen Textes bravourös auseinander. Er ist der Denkende, der Sinnende, der ruhig oder auch fahrig Handelnde, aus dem grollender Zorn heftig herausbrechen kann. Dabei bewahrt der Schauspieler witzige Naivität, kindliche Wissbegier, Freude am trotzigen Spintisieren. Sein Drogist wird durch die Tücken der Marktwirtschaft gejagt und bleibt, verblüffend, anrührend, ein neugierig fragender Mensch, der noch in der Niederlage Würde und Zuversicht verteidigt.

Bianca Baalhorn und Sara Victoria Sukanie geben den schwarzgekleideten jungen Frauen, den Engeln in der dunklen Kathedrale des Eigentums, eine verführerisch giftige erotische Anziehungskraft. Im Chor agieren Studenten der Berliner Schule für Schauspiel, mit der das theater 89 zusammenarbeitet. Der Abend hat Spannung, Tempo, Kraft.

Bis Mai jeden Sonntag 20 Uhr

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