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Fast eine Million »Tabaktote«

Indiens Gesundheitsbehörden kämpfen gegen Zigaretten- und Filmindustrie

  • Von Hilmar König, Delhi
  • Lesedauer: 3 Min.

Indiens Gesundheitsministerium scheut keine Mühen, im Kampf gegen das Rauchen und die Lobby der Zigaretten- und Filmindustrie erfolgreich zu sein. Seit 2003 besteht ein Verbot für Tabakwerbung und seit einigen Jahren Rauchverbot auf öffentlichen Plätzen wie Bahnhöfen. Doch mit allen möglichen Tricks versucht die Lobby, die Restriktionen zu umgehen oder gerichtlich dagegen zu klagen.

Eine heiße Debatte entspann sich darüber, ob Spielfilme Szenen enthalten dürfen, in denen geraucht wird. Die Filmindustrie wehrte sich gegen diese Absicht mit dem Argument, »die künstlerischen Freiheiten und Ausdrucksmöglichkeiten« würden eingeschränkt. Gesundheitsminister Anbumani Ramadoss setzte sich zwar mit der Begründung durch, die Filmindustrie habe auch eine erzieherische Vorbildfunktion, aber richterliche Entscheide durchlöchern das Rauchverbot in Filmen immer wieder. Kürzlich entschied der Delhi High Court zugunsten von Raucherszenen, weil diese »nur die soziale Wirklichkeit« reflektierten. Diebstahl und Gewalt würden auch auf der Leinwand gezeigt.

Die Tabakindustrie – sowohl die Zigaretten- und Biedibranche als auch die Kautabakhersteller – laufen Sturm gegen abschreckende Piktogramme auf Verpackungen, die auf die tödlichen Gefahren von Tabakkonsum verweisen. Bislang konnten sie das Vorhaben der Gesundheitsbehörden vereiteln. Die Front der Befürworter ist aber auch nicht zu unterschätzen.

Vorige Woche schalteten die Freiwillige Gesundheitsassoziation Indiens und das Advocacy Forum for Tobacco Control in den großen Tageszeitungen Anzeigen für die Piktogramme. In einem offenen Brief ließen sie Fakten sprechen: Jeden Tag sterben 2500 Inder an Krankheiten, die durch Tabakgenuss verursacht werden. Wenn man Biedi-Raucher – Biedis heißen die traditionellen spottbilligen, kurzen und dünnen in ein Tendublatt gewickelten Glimmstängel – dazurechnet, sind es jährlich fast eine Million Todesfälle. An den Krebserkrankungen sind Zigaretten, Biedis und Kautabak zu 40 Prozent beteiligt. Die Behandlungskosten für »Tabakkranke« sind 16 Prozent höher als die Einnahmen durch die Tabaksteuer. Biediroller, zu zwei Dritteln Frauen und Kinder, gehören zu den am stärksten ausgebeuteten Arbeitern.

Indiens Regierung will auf Initiative von Dr. Ramadoss dem Übel an die Wurzel und hat in Kooperation mit dem Zentralen Tabakforschungsinstitut in Rajahmundry ein Dreijahresprojekt begonnen, das Tabakbauern alternative, gewinnträchtige Kulturen zum Anbau und zur Vermarktung empfehlen will. Das Projekt wird in fünf Unionsstaaten in unterschiedlichen agroökologischen Regionen etabliert. Getestet werden u. a. Zuckerrohr, Obst, Pfeffer, Chilli, Knoblauch, Erdnüsse, Baumwolle, Mais und Süßkartoffeln. Am Ende soll das zur spürbaren Verringerung der Tabakproduktion führen.

5,5 Millionen Inder sind mit Anbau und Verarbeitung sowie im Großhandel und im Verkauf von Tabakerzeugnissen beschäftigt. 2,2 Millionen Angehörige indigener Stämme verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit dem Pflücken von Tendublättern. In der Perspektive eine Ersatzarbeit für sie zu finden, ist eine enorme Herausforderung. Indien liegt nach China und Brasilien an dritter Stelle in der globalen Tabakproduktion.

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