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Kein Betriebsunfall

Als zwei Pius-Päpste schwiegen – Die Kirche und der Holocaust

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Einmal Hitlerjunge – immer Hitlerjunge? Die seinerzeitigen Schlagzeilen in britischen Zeitungen, als bekannt geworden war, dass Kardinal Joseph Alois Ratzinger zum neuen Papst gewählt wurde, scheinen sich prophetischer Gabe zu verdanken. Wie anders ist zu erklären, dass Benedikt XVI. solch unheilvolle Entscheidung wie die Wiederaufnahme des Piusbruders und Holocaust-Leugners Richard Williamson in den Schoß der Kirche nicht nur traf, sondern auch trotz weltweiter öffentlicher Entrüstung nicht zu korrigieren bereit ist.

Ein Rückfall in alte Zeiten? Man erinnert sich an das Schuldbekenntnis von Johannes Paul II., den Ratzinger beerbte. Am 12. März 2000 sprach der polnische Papst ein »mea culpa« für »Verfehlungen« einzelner »Irregeleiteter« im Laufe ihrer Geschichte: die Kreuzzüge, die Inquisition, die Judenverfolgungen. Katholiken wie Nichtkatholiken waren ergriffen. Das päpstliche Eingeständnis kam spät, zu spät. War auch nicht klar genug. Fraglich bleibt, inwieweit nicht eher der Wunsch, alte Sünden vor Eintritt ins neue Millennium hinter sich zu lassen, dominierender war denn das Bedürfnis nach Vergebung und wahre Sühne.

Und nun das – was wahrlich nicht als eine Unachtsamkeit oder Unbedachtsamkeit römisch-katholischer Bediensteter entschuldigt werden kann. Was aus den Mauern des Vatikans dringt, ist lange erörtert und erwogen und vielfach abgesegnet. Elf Jahre hatte die Vatikankommission benötigt, um das Dokument »Wir erinnern: Eine Reflexion über die Shoah« zu erstellen, das der Millenniumsrede von Johannes Paul II. zugrunde lag. Und das, obwohl seit 1945 viele Katholiken angesichts millionenfachen Judenmordes, sogar einflussreiche Kräfte in der Kurie selbst, sich ernsthaft bemühten, die Kirche auf neue Wege zu führen. Sie sprachen von den Juden als »ältere Brüder im Glauben«, während sich zu gleicher Zeit der Vatikan als willfähriger Fluchthelfer für deutsche Antisemiten, Nazi- und Kriegsverbrecher betätigte, sie über die »Rattenlinie« ihrer gerechten Strafe entkommen ließ. Ja, es ist auch wahr, dass der Vatikan 1943 viele damals in Rom lebende, respektive in die Ewige Stadt geflüchtete Juden in Klöstern und anderen kirchlichen Einrichtungen vor deutschem Zugriff versteckte und somit vor der Deportation und Ermordung gerettet hat. Doch letztendlich ließ er es an Courage und Anstand fehlen, ließ somit die Gläubigen und Schutzbefohlenen allein.

Es hat nicht wenige katholische Priester und Ordensfrauen im faschistischen Deutschland wie im faschistischen Italien gegeben, die Juden vor ihren Verfolgern zu schützen suchten und es auch vermochten. Und die selbst in die Fänge der Häscher gerieten. Wichtiger als posthume Selig- und Heiligsprechung mag für diese posthum gewesen sein, als das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) ein neues Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen fixierte. 1964 besuchte erstmals ein Papst Israel; die Reise von Paul VI. ins Heilige Land war von israelischer Seite als ein wichtiger Schritt zu einem Dialog gewertet worden. Zur offiziellen Anerkennung Israels raffte sich der Vatikan allerdings erst 1993 auf.

Die Lateranverträge mit Mussolini-Italien 1929 und das Konkordat mit Hitlerdeutschland 1933, mit der die erste diplomatische Anerkennung der NS-Diktatur erfolgt ist, waren keine Betriebsunfälle in der Kirchengeschichte. Sie entsprangen auch nicht nur einer heillosen Furcht vor dem »gottlosen Kommunismus«. Es gab eine unselige Allianz im Geiste. Die »Christusmörder« waren über die Jahrhunderte für alles Übel auf der Welt verantwortlich.

Drei Monate vor Abschluss des »Reichskonkordats« und zehn Tage nach dem »Judenboykott« in Nazideutschland, am 10. April 1933, informierte der Münchener Erzbischof Kardinal Faulhaber Rom, es gebe Fragen nach ausbleibendem Protest gegen die Ausschreitungen. Sogleich fügte er als argumentative Vorgabe und sicher auch zur eigenen Rechtfertigung hinzu: »Das ist zur Zeit nicht möglich, weil der Kampf gegen die Juden zugleich ein Kampf gegen die Katholiken werden würde und weil die Juden sich selber helfen können, wie der schnelle Abbruch des Boykotts zeigt.« Der schnelle Abbruch geschah aufgrund der Einsicht in der NS-Führung, dass es noch nicht massenhafte Begeisterung für solche Aktionen im deutschen Volk gab, dieses noch »ideologischer Bearbeitung« bedurfte.

Damals hatte den Heiligen Stuhl auch ein Brief von Edith Stein erreicht, einer Ordensfrau, die aus dem Judentum übergetreten war. Sie klagte: »Seit Wochen sehen wir in Deutschland Taten geschehen, die jeder Gerechtigkeit und Menschlichkeit – von Nächstenliebe gar nicht zu reden – Hohn sprechen. Seit Wochen warten und hoffen nicht nur die Juden, sondern Tausende treuer Katholiken in Deutschland – und ich denke, in der ganzen Welt – darauf, dass die Kirche Christi ihre Stimme erhebe ... Wir alle, die wir treue Kinder der Kirche sind und die Verhältnisse in Deutschland mit offenen Augen betrachten, fürchten das Schlimmste für das Ansehen der Kirche, wenn das Schweigen noch länger anhält.« Es hielt noch Jahre an. Edith Stein wurde am 2. August 1942 gemeinsam mit ihrer Schwester Rosa von der SS verhaftet und bereits sieben Tage darauf in Auschwitz-Birkenau ermordet. 1987 sprach Johannes Paul II. sie selig.

Verteidiger der Kirche verweisen auf die am Palmsonntag 1937 von deutschen Kanzeln verlesene Enzyklika »Mit brennender Sorge«. Doch: Sie verurteilte Nationalsozialismus und Kommunismus im gleichen Atemzug als »Totalitarismen«; von Rassismus oder Antisemitismus war hier nicht die Rede. Und der im Frühjahr 1938 erschienene »Rassensyllabus« war nur ein Dokument der Studienkongregation, kein klärendes Wort des Kirchenvaters. Immerhin gab Pius XI. im Juni jenes Jahres beim US-amerikanischen Jesuitenpater John LaFarge die Ausarbeitung einer Enzyklika in Auftrag, die nunmehr konkret Nationalismus und Rassismus thematisieren sollte. Ende September 1938 war der Entwurf fertig. Während in Deutschland die Synagogen lichterloh brannten, diskutierten die Würdenträger den Text, um ihn schließlich in das Geheimarchiv des Vatikans zu verbannen. Gerüchte, dass der Auftraggeber dieser »unterschlagenen Enzyklika«, Pius XI., 1939 nicht eines normalen Todes gestorben, sondern unsanft ins Jenseits befördert worden war von jenen, die diese Anklage nicht wollten, verstummten nie.

Vermutlich hat Pius XI. tatsächlich mehr gewagt als jeder Papst vor oder nach ihm. Als Anfang September 1938 Mussolinis erstes Rassengesetz alle jüdischen Schüler, Lehrer und Dozenten aus staatlichen Schulen und Hochschulen ausschloss, hatte er verkündet: »Antisemitismus ist unannehmbar. Spirituell sind wir alle Semiten.« Sein Nachfolger, Pius XII., ließ zwar verlauten: »Die deutsche Frage ist mir die wichtigste. Ich werde sie mir vorbehalten.« Doch dieser Deklamation folgte kein Handeln. Biografen beschreiben ihn als Dip-lomaten, zurückhaltenden Unterhändler, der jeglicher Provokation, auch der Regime in Rom und Berlin, auszuweichen versucht habe. John Conwell hingegen spricht in seinem Bestseller »Pius XII. Der Papst, der geschwiegen hat« von einer persönlichen Antipathie Pius' XII. gegenüber Juden. Und David I. Kertzer, Sohn eines Rabbis, der in der Nachkriegszeit den jüdisch-katholischen Dialog zu befördern versucht hatte, verdächtigt auch dessen Vorgänger Pius XI., vom tradierten Feindbild »Juden« sich nicht gänzlich getrennt zu haben. Kurz vor dem Satz von der Gemeinsamkeit als Semiten hatte Pius XI. wissen lassen: »Wir erkennen jedermanns Recht an, sich selbst zu verteidigen und Maßnahmen zu ergreifen, um sich gegen alles, was seine legitimen Interessen bedroht, zu schützen.« Das könne, so Kertzer in seinem Buch »Die Päpste gegen die Juden« auch dahingehend interpretiert werden: Es ist zwar nicht fein, Juden zu demütigen und zu ermorden, ihre Gotteshäuser niederzubrennen und ihre Geschäfte zu verwüsten, aber Maßnahmen zum eigenen Schutz, seien legitim.

Jedenfalls steht die Enzyklika zur Mitschuld an der Shoah noch aus. Mit dem Un-Heiligen Vater, der derzeit auf Petris Stuhl sitzt, wird sie nicht zu haben sein.

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